Gastbeitrag: Mehr Öko-Bauern braucht das Land

In Deutschland werden zu wenig Rohwaren für Bio-Lebensmittel angebaut. Zeit, das zu ändern! Alnatura unterstützt Bauern bei der Umstellung ihrer Höfe auf den Bio-Landbau.

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Die Umstellung beginnt im Kopf! Das ist die Feststellung nach vielen aktiven Jahren im ökologischen Landbau. Es ist ein Prozess des Umdenkens, der häufig durch ein besonderes Erlebnis oder manchmal durch ein bewegendes Ereignis (zum Beispiel Erkrankungen) in der Familie, bei Freunden oder auch durch die Beobachtung von Veränderungen in Natur und Landschaft initiiert wird. Dazu gehören auch Themen wie Bodenerosion und Wasserschutz. Beispielsweise hat der konventionelle Landbau häufig Schwierigkeiten, die Grenzwerte für den Grundwasserschutz einzuhalten. Dies gelingt nur mit deutlichen Beschränkungen in der Bewirtschaftungsform, was durchaus Anlass dazu gibt, über eine Umstellung auf die ökologische Wirtschaftsweise nachzudenken. Nicht minder dramatisch können die Folgen von Bodenerosionen durch Wasser und Wind sein. In der EU werden die ökonomischen Schäden durch Bodenverluste auf 38 Milliarden Euro jährlich geschätzt.

Die Umstellung vom konventionellen auf den ökologischen Landbau ist aber nicht nur das Weglassen von synthetischen Stickstoffdüngern und Pestiziden, wie viele Menschen meinen. Nein, es ist der Einstieg in ein völlig neues Bewirtschaftungssystem und umfasst den Pflanzenbau, die Tierhaltung und auch die Vermarktung. Betroffen sind auch die Arbeitsabläufe und das führt in vielen Fällen dazu, dass wieder mehr Menschen in der Landwirtschaft tätig sind und auf den Bauernhöfen leben. Eigene Untersuchungen auf einer Vielzahl von Landwirtschaftsbetrieben vor und nach der Umstellung auf den Öko-Landbau haben ergeben, dass nach der Umstellung beinahe doppelt so viele Menschen auf den Betrieben gearbeitet und etwa 2,5-mal mehr Menschen dort gelebt haben. Was noch vor einigen Jahrzehnten als Nachteil angesehen wurde, ist heute zu einem Vorteil für die ökonomische und soziale Stabilisierung des ländlichen Raumes geworden.

Bei der Umstellung geht es in erster Linie darum, das agrar­ökologische System zu verstehen und alle Eingriffe darauf auszurichten, die biologischen Prozesse in diesem System nicht zu zerstören und durch chemische Maßnahmen zu ersetzen, sondern sie zu unterstützen und sogar zu intensivieren und für den Produktionsprozess nutzbar zu machen. Das ist die eigentliche Herausforderung: einen Ertrag zu erzielen nicht mit Hilfsstoffen und Hilfsmitteln von außen, sondern durch eine geschickte Steuerung der ökologischen Prozesse unter Zuhilfenahme angepasster Technologien. Daher zielt der ökologische Landbau auch auf einen möglichst geschlossenen Betriebskreislauf.

Nehmen wir einmal die Bereitstellung von Pflanzennährstoffen als Beispiel. Diese geht einerseits über den Umsatz der organischen Substanz durch das Bodenleben, wodurch eine Nährstoffmobilisierung erreicht wird. Andererseits werden durch den Einsatz betriebseigener Wirtschaftsdünger wie zum Beispiel Stallmist oder Kompost Nährstoffe wieder in den Boden zurückgeführt und das Bodenleben aktiviert. Durch den Anbau von Leguminosen (Hülsenfrüchtler) wie Klee oder Luzerne, aber auch Ackerbohnen oder Erbsen wird der in der Luft im Überfluss (circa 79 Prozent) vorhandene Stickstoff von den Knöllchenbakterien an den Leguminosenwurzeln gebunden und steht der Pflanze nach Transformation durch das Bodenleben zur Eiweißbildung zur Verfügung. Dann benötigt man kein energieaufwendiges technisches Verfahren, um den Stickstoff aus der Luft in mineralischen Dünger umzuwandeln.

Umstellung heißt demnach, dem gesamten Landwirtschaftsbetrieb in kurzer Zeit (zwei- bis dreijährige Umstellungsphase) eine grundlegend neue Entwicklungsrichtung zu geben. Dazu gehören neue Fruchtfolgen, der Wechsel von Kulturpflanzensorten und neue Methoden der Unkrautregulierung und des Pflanzenschutzes. In der Tierhaltung und der Fütterung müssen häufig neue Wege beschritten werden. Das gilt auch für die Vermarktung, für die neue Geschäftspartner und Kunden gesucht werden müssen. Nicht zu vergessen sind auch Änderungen im Kreise der Berufskollegen und andere wichtige soziale Faktoren, zum Beispiel im dörflichen Umfeld.

Ganz neue Anforderungen kommen auf die Umstellungsbetriebe auch durch die gesetzlichen Regelungen zu. Die Kon­tr­ollen schließen alle Bereiche des Landwirtschaftsbetriebes ein und sind eine Überprüfung des gesamten Produktionsprozesses; wenn man so will, vom Acker oder Stall bis in den Laden. So strikt wie bei der Produktion von Öko-Lebensmitteln wird in keiner anderen Agrarproduktionsmethode kontrolliert. Selbstverständlich unterliegen die Lebensmittel der üblichen vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Kontrolle, wobei sich verschiedene Hersteller von Öko-Lebensmitteln selbst noch strengere Richtwerte auferlegt haben. Es ist also nicht so leicht, auf den ökologischen Landbau umzustellen, und daher hat Alnatura die Bio-Bauern-Initiative "ABBI – gemeinsam Boden gut machen" ins Leben gerufen, um die Bäuerinnen und Bauern zusammen mit anderen Unternehmen bei der Umstellung finanziell zu unterstützen.

››› Gastbeitrag Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Professor für Ökologischen Landbau an der Universität Kassel und Vorsitzender des DNR-Projektbeirats. Zuvor Präsident des Bundesamtes für Naturschutz und des Hessischen Landesamtes für Regionalentwicklung und Landwirtschaft sowie Gründungsdirektor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in der Schweiz (FiBL).