Gastbeitrag: Die Wiederentdeckung des Wesentlichen

Mehr als Obst und Gemüse: Die hautnahe Erfahrung der Natur im Garten ist Lernort für das Leben.

Andernach "Essbarer Tisch"

Ein Blick auf das ausgehende 19. und das beginnende 20. Jahrhundert offenbart überraschende Parallelen zu den Entwicklungen am Ende des 20. und am Anfang des 21. Jahrhunderts. Der durch die voranschreitende Industrialisierung immer deutlicher werdende Verlust an schönen und unzerstörten Naturlandschaften, das Verschwinden von Naturdenkmälern und die Verringerung der Vielfalt an Pflanzen und Tieren brachten immer mehr Menschen dazu, dieser als negativ empfundenen Entwicklung etwas entgegenzustellen: Es war die Geburtsstunde der zivilgesellschaftlich organisierten Naturschutzbewegung.

Wenn wir uns heute umschauen, zeigt sich überall eine Wiederholung der damaligen Entwicklungen, die natürlich nicht identisch, aber innerhalb eines zeitlich angepassten Rahmens zumindest inhaltlich gleich ausgerichtet sind. Und was wir wahrnehmen können, ist längst mehr als nur ein Trend, es ist eine etablierte Bewegung, bei der es um mehr als nur um die eigene Erzeugung von Obst und Gemüse geht. ­Betrachten wir einmal die vielfältigen Formen des gemeinschaft­lichen Gärtnerns und werfen einen besonderen Blick auf die "interkulturellen Gärten" als einem idealen Ort der Begegnung. Denn dort wird die uns allen gemeinsame Natur hautnah erlebt und dadurch entsteht Kontakt zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Bereiche, zwischen Einheimischen und Migranten oder Flüchtlingen. So wird die Verständigung von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen im Bestreben um die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der Kulturpflanzenvielfalt gefördert. Diese Gärten sind oft auch Anknüpfungspunkt für darüber hinausgehende Aktivitäten und Lernan­gebote, so auch zum Erlernen der deutschen Sprache. Den Sinn des Gemeinwohls erkennen und lernen, dass es sich lohnt, dafür zu arbeiten, ist eine Grunderfahrung fürs Leben, die sich aus dem gemeinschaftlichen Tun im Garten ergibt.

Natur im Garten

Schon längst ist aus den ersten Anfängen eine Bewegung der "urbanen Landwirtschaft" entstanden, die Land in Ballungsräumen oder deren Peripherie zum Anbau von Lebensmitteln nutzt. Diese Nutzung erfolgt in der Regel für den Eigenbedarf und ist eng mit dem Sozialleben, den ökologischen und wirtschaftlichen Kreisläufen der Städte und Kommunen verbunden. Urbane Landwirtschaft vermag vieles mehr als Lebensmittel zu erzeugen, stellte Christa Müller 2011 in ihrer Veröffentlichung "Urban Gardening. Grüne Signaturen neuer urbaner Zivilisation" fest: "Die Wiederentdeckung des Verlorengegangenen, des Kontakts mit der Erde und ihren Früchten, des Zeitwohlstandes, der eigenen Gestaltung von Nahräumen und Sozialräumen – alle diese individuellen Strategien aus der Zivilgesellschaft geben wichtige Impulse für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung […]." Diese Chance haben einige Städte in Deutschland, Europa und weltweit erkannt und auch schon mit der sogenannten "essbaren Stadt" in die Praxis umgesetzt: Hier spielen Artenvielfalt und schonender Umgang mit Boden und Pflanzen eine übergeordnete Rolle. "Pflücken erlaubt" statt "Betreten verboten" heißt es jetzt in vielen Städten in Deutschland: Salat, Kohlrabi, Schnittlauch, Petersilie und vieles andere mehr – alles frisch und in Bio-Qualität. Auch die gesamten Grünanlagen und Blumenbeete werden jetzt naturnah gepflegt und das Beste ist, es kostet die Städte nicht mehr, sondern weniger Geld: In Andernach kostet die Pflege der Beete nur noch 500 Euro statt vorher 5.000 Euro im Jahr!

Schon seit vielen Jahren setzt sich die von Italien ausgegangene "Slow Food"-Bewegung für eine Stärkung der regionalen und lokalen Erzeugung von Lebensmitteln vorzugsweise aus dem Bio-Landbau und den Erhalt der traditionellen Esskultur ein. Dadurch und auch durch die Erfahrungen und das Erleben in der urbanen Landwirtschaft, in den Gemeinschaftsgärten und den "essbaren Städten" ist die Nachfrage nach Lebensmitteln aus dem Bio-Landbau gestiegen. Dabei erwarten viele Menschen, dass ein Großteil dieser Produkte aus der engeren oder weiteren Region oder zumindest aus Deutschland stammt. Dies ist leider nicht der Fall, und weil wir mehr Bäuerinnen und Bauern für den Bio-Landbau in Deutschland gewinnen müssen, ist die "Alnatura Bio-Bauern-Initiative" (ABBI) ins Leben gerufen worden.

››› Gastbeitrag Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Professor für Ökologischen Landbau an der Universität Kassel und Vorsitzender des DNR-Projektbeirats, zuvor Präsident des Bundesamtes für Naturschutz und des Hessischen Landesamtes für Regionalentwicklung und Landwirtschaft sowie Gründungsdirektor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in der Schweiz (FiBL).