Der Boden, von dem wir leben

Nicht ohne Grund ist 2015 das "Internationale Jahr des Bodens"!

Sauerampfer

Es soll uns bewusst werden, dass der Boden unser aller Lebensgrundlage ist. Schon Lady Eve Balfour, eine der Begründerinnen des biologischen Landbaus (organic farming) in England, hat in ihrem Buch "Der lebendige Boden" (The Living Soil) deutlich gemacht, dass eine untrennbare Einheit besteht zwischen gesundem Boden, gesunden Pflanzen, gesunden Tieren und gesunden Menschen. Es ist selbstverständlich, dass dies aber nur auf einem gesunden Planeten Erde möglich sein wird. Und genau um dessen Existenz geht es in letzter Konsequenz, wenn wir vom Schutz unseres Bodens sprechen.

Wenn man allerdings kritisch betrachtet, was alles mit unserem Boden getrieben wird und wie wir ihn behandeln, dann müsste eigentlich jedem Menschen angst und bange werden. Weltweit werden die Verluste an fruchtbarem Boden auf jährlich 24 Milliarden Tonnen geschätzt; das Vordringen der Wüsten und die weltweite Bodenerosion sind sichtbare Zeichen dafür. In Deutschland verlieren wir täglich immer noch eine Fläche von circa 74 Hektar pro Tag – das entspricht etwa 100 Fußballfeldern – zum Beispiel durch Verkehrsinfrastruktur, Wohnbebauungen, Gewerbegebiete oder Shopping-Center mit riesigen Parkplatzflächen. Zwar hat die Politik seit vielen Jahren und mit unterschiedlichen Regierungskonstellationen erklärt, diesen Verlust auf 30 Hektar pro Tag zu reduzieren, aber noch sind wir sehr weit davon entfernt. Doch selbst bei 30 Hektar pro Tag ist irgendwann der Boden verschwunden, nur etwas langsamer als im gegenwärtigen Tempo. Immerhin haben wir in Deutschland so schon circa 13 Prozent unserer Fläche "verbraucht".

Wird dagegen davon geredet, eine naturschutzfachlich wichtige Fläche unter Schutz zu stellen, oder sogar davon, einen Nationalpark einzurichten, dann schlagen die Wellen der Opposition hoch, obwohl wir in Deutschland insgesamt nur eine Nationalparkfläche von 0,57 Prozent haben. Gerade diese Flächen sind es aber, die wir zum Verständnis der biologischen Vorgänge unter sich verändernden Rahmenbedingungen benötigen. Zum Beispiel, um den von Menschen verursachten Klimawandel zu studieren und daraus Strategien abzuleiten sowie vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, um die biologische Vielfalt, insbesondere auch beim Bodenleben, vor großen Schäden zu bewahren. Das Leben im Boden, welches bisher in seiner Vielfalt, seinen Interaktionen und seiner wichtigen Funktion für Pflanzen und Tiere nur sehr begrenzt erforscht worden ist und verstanden wird, ist das uns alle tragende Wesenselement. Die Sprache des Bodens verstehen, das muss das Ziel sein von Bäuerinnen und Bauern, ja einfach von allen, die mit Pflanzen und Tieren umgehen.

Die häufig gestellte Frage, worin denn der Unterschied zwischen einem Bio-Bauern und einem konventionell arbeitenden Landwirt liege, ist eigentlich sehr einfach zu beantworten: Der Bio-Bauer bemüht sich, die Sprache des Bodens zu verstehen, und je besser ihm das gelingt, desto weniger Hilfsmittel oder Hilfsstoffe muss er zukaufen. Der konventionelle Landwirt lernt dieses Verstehen der Sprache des Bodens nicht und muss daher auf die "Hilfe" von chemisch-synthetischen Düngern und Pestiziden zurückgreifen.

Das Verstehen der Sprache des Bodens, der Pflanzen und der Tiere und die daraus abzuleitenden Maßnahmen, welche die biologischen Prozesse unterstützen und sogar intensivieren, um dadurch angemessene Erträge von landwirtschaftlichen Produkten zu erzielen, ist die Grundlage für eine nachhaltige, zukunftsorientierte Landwirtschaft, die zu erreichen sich der Bio-Landbau zum Ziel gesetzt hat. Um dorthin zu gelangen, bedarf es einer entsprechenden wissenschaftlichen Unterstützung in Form einer Agrarforschung, die sich nicht als williger Zuarbeiter wirtschaftlicher Interessen sieht, sondern die Erkenntnisse und praktische Umsetzungsmöglichkeiten liefert, die neben einem entsprechenden Ertrag an Lebensmitteln auch die Erzeugung von Gemeinwohlgütern ermöglicht, zum Beispiel einer vielfältigen Kulturlandschaft mit einer hohen biologischen Vielfalt, sauberem Wasser und sauberer Luft und dadurch einem hohen Erholungs- und Gesundheitswert.

Das ist besonders wichtig für eine Forschung, die Methoden entwickeln will für eine nachhaltige Landwirtschaft, die weitgehend unabhängig sein soll von der Zufuhr von Hilfsstoffen und Hilfsmitteln von außen, mit denen allerdings sehr viel Geld an, aber nicht in der Landwirtschaft verdient wird. Für eine solche Forschung stehen vergleichsweise nur sehr geringe Finanzmittel zur Verfügung. Es ist anerkennenswert, wie weit sich die heutige Form des Bio-Landbaus dennoch entwickelt hat. Daher ist es besonders wichtig, solche Praktiker zu unterstützen, die den Mut haben, einen anderen Weg zu gehen.

Genau dies will die Alnatura Bio-Bauern-Initiative (ABBI) – und das Ziel "Gemeinsam Boden gut machen" ist im ­"Internationalen Jahr des Bodens" ein Signal an alle Menschen, aktiv daran mitzuwirken, das wichtige Gut Boden, von dem wir alle leben, zu schützen und damit sorgsam umzugehen. Konsumenten und Konsumentinnen entscheiden darüber mit ihrem Einkauf von Lebensmitteln.

››› Gastbeitrag Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Professor für Ökologischen Landbau an der Universität Kassel und Vorsitzender des DNR-Projektbeirats. Zuvor Präsident des Bundesamtes für Naturschutz und des Hessischen Landesamtes für Regionalentwicklung und Landwirtschaft sowie ­Gründungsdirektor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in der Schweiz (FiBL).