Gastbeitrag: Mit Bio-Lebensmitteln etwas Sinnvolles für Mensch und Erde tun

Ganz so neu ist es ja eigentlich nicht, was da in einer schwedischen Studie* berichtet worden ist.

Bio-Äpfel

Familien, die sich bis dato mit konventionellen Lebensmitteln ernährt hatten, stellten komplett auf Bio-Kost um und schon nach 14 Tagen waren Veränderungen erkennbar: in Blut und Harn sank die Pestizidkonzentration. Auch in anderen Bereichen, so zum Beispiel bei der Fortpflanzung, haben Tierversuche und klinische Studien positive Effekte von Bio-Futter- und Bio-Lebensmitteln gezeigt. Aber jetzt haben die Ergebnisse der Studie in vielen Tageszeitungen in der europäischen Presse Schlagzeilen gemacht. Warum?

Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, die bestehende gesetzliche Regelung zur Erzeugung und Verarbeitung von Bio-Lebens- und -Futtermitteln zu erneuern und den sich ändernden Rahmenbedingungen auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse anzupassen. Ein durchaus löbliches Unterfangen, denn auch die Bio-Verbände in Deutschland haben einige Schwachstellen in der bisherigen Regelung ausgemacht, die es zu beseitigen gilt. Aber wie so häufig besteht natürlich auch hier die Gefahr, dass “das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“ wird. Der Entwurf der EU-Kommission enthält gute, aber auch einige bedenkliche Tendenzen. Unter anderem, was die Situation bezüglich Pestizidrückständen in Lebensmitteln angeht. Damit keine Zweifel aufkommen: Rückstandsfreiheit ist ein wichtiges Ziel für die Produkte aus dem Bio-Landbau! Dies kann aber aufgrund der ubiquitären Belastungen, die durch den konventionellen Landbau verursacht werden, nicht immer garantiert werden. Die Pestizidanwendung auf nahe gelegenen konventionellen Feldern sowie Obst- und Rebanlagen, vor allen Dingen, wenn unter ungünstigen Umweltbedingungen oder mit mangelhafter Vorsicht (zum Beispiel Windverhältnisse) durchgeführt, kann zu einer Belastung der Produkte (wenn auch in der Regel zu sehr geringen) auf den biologisch bewirtschafteten Flächen führen. Daher ist die im Entwurf der EU-Kommission vorgesehene Nullgrenze für Pestizide in Bio-Produkten kontraproduktiv und würde zu einer zusätzlichen Belastung der schon unter schwierigen Rahmenbedingungen arbeitenden Bio-Landwirte führen.

Immerhin gehört der Bio-Landbau zu den am besten kontrollierten Formen der Landwirtschaft und der Lebensmittelverarbeitung, und die Bio-Produkte unterliegen selbstverständlich den gesetzlichen Bestimmungen für alle Lebensmittel. Einige Verarbeiter und Vermarkter von Bio-Lebensmitteln haben hier strengere Anforderungen gestellt, aber eine absolute Rückstandsfreiheit, wie von der EU vorgesehen, ist dort mit Rücksicht auf die mögliche Fremdkontamination durch Nachbarbetriebe, an denen der Bio-Betrieb völlig unschuldig ist, nicht vorgesehen. Sie wird zwar in der Regel immer erreicht, ist aber eben nicht ganz auszuschließen, und da sollten die Bio-Landwirte nicht ungerechtfertigt bestraft werden. Die Ergebnisse einer mehrjährigen Untersuchungsreihe des kantonalen Labors in Basel in der Schweiz zeigen dies deutlich: In konventionell erzeugtem Obst und Gemüse müssen die Konsumenten und Konsumentinnen in 39,1 Prozent der Fälle mit Pestizidbelastungen rechnen, davon in 6,2 Prozent sogar mit Überschreitung der vom Gesetzgeber maximal tolerierten Höchstmenge! In biologisch erzeugtem Obst und Gemüse dagegen sind nur 2,9 Prozent mit Rückständen belastet, und es gibt keine Überschreitung der Höchstmenge.

Bei dem engen, nur auf das Produkt Lebensmittel bezogenen Qualitätsbegriff für die gesamte landwirtschaftliche Produktionskette lassen sich noch weitere Parameter aufzeigen, bei denen Gemüse aus Bio-Landbau dem aus konventioneller Erzeugung überlegen ist, so zum Beispiel beim unerwünschten Nitratgehalt oder auch bei der Lagerfähigkeit. Das alles aber greift zu kurz, wenn man die Qualität der Produktionskette betrachtet, und das war der Auslöser bei der Schaffung der ersten Richtlinien für den Bio-Landbau in der Schweiz in den Jahren 1976–78. Es ging nicht um Inhaltsstoffe oder Rückstände von Pestiziden, es ging um die Beschreibung und damit um die Festlegung auf Verfahren und deren Kontrollen auf jeder Stufe der Produktionskette. Damit umfasst der Bio-Landbau auch Gemeinwohlleistungen, die nicht am Markt handelbar sind, wie unter anderem sauberes Wasser, saubere Luft, Vielfalt an Pflanzen und Tieren sowie schöne Landschaften mit hohem Erholungswert. Genau dies entspricht sogar dem politischen Leitbild für die europäische Agrarproduktion, eine “multifunktionale Landwirtschaft“. Dafür ist der Bio-Landbau schon heute das Leitbild.

Die Alnatura Bio-Bauern-Initiative (ABBI) fördert die Umstellung auf den Biolandbau und macht es damit möglich, dass mehr Betriebe diesem europäischen agrarpolitischen Leitbild näherkommen und auch die Gemeinwohlleistungen erbringen, die von allen Bürgern gewünscht werden. Damit tun sie genau dem Leitmotiv von Alnatura folgend etwas “Sinnvolles für Mensch und Erde“. Eins ist natürlich klar: Mit Lebensmitteln zum billigsten Preis kann man diese Leistungen von Bäuerinnen und Bauern nicht einfordern!

››› Gastbeitrag Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Professor für Ökologischen Landbau an der Universität Kassel und Vorsitzender des DNR-Projektbeirats. Zuvor Präsident des Bundesamtes für Naturschutz und des Hessischen Landesamtes für Regionalentwicklung und Landwirtschaft sowie Gründungsdirektor des Forschungs­instituts für biologischen Landbau in der Schweiz (FiBL).

* Lu, C. et al.: Organic diets significantly lower children's dietary exposure to organophosphorous pesticides. Environ Health Perspect. 2006; 114:260-3
Smith-Spangler, C. et al.: Are Organic Foods Safer or Healthier Than Conventional Alternatives? Ann Intern Med. 2012; 157:248-266
Baranski, M. et al.: Higher antioxidant and lower cadmium concentrations and lower incidence of pesticide residues in organically grown crops: a systematic literature review and meta-analyses. Brit J Nutrition 2014; 112(5):794-811
Magnér, J. et al.: Human exponering av bekämpningsmedel fran livsmedel. Bericht Nr. U 5080. Svenska Miljöinstitutet, 2015