"Bodenschutz bremst Klimawandel"

Baum auf Feld

Auszug aus einem Vortrag von Prof. Andreas Gattinger (Professor für Ökologischen Landbau mit dem Schwerpunkt nachhaltige Bodennutzung an der Justus-Liebig-Universität Gießen), 2.9.2019, Darmstadt

  • Boden ist die Schlüsselressource, wenn es um das Thema Landwirtschaft und Klimawandel geht.
  • Das System Erde ist bei den durch die Landwirtschaft beeinflussten Ressourcen Biodiversität, Stickstoffkreislauf und Treibhausgasemissionen als Treibern des Klimawandels schon jenseits seiner planetaren Grenzen.
  • Der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) auf der Erde wächst exponentiell. Der Ausstoß der anderen Treibhausgase (THG) Methan (CH4) und Lachgas (N2O) steigt ebenfalls.
  • 7,2% der gesamten CO2-Emissionen, die Deutschland produziert, stammen aus der Landwirtschaft. Die mit Abstand größten Anteile entstammen der landwirtschaftlichen Tierhaltung und aus den landwirtschaftlich genutzten Böden (40%).
  • Die Umstellung auf Öko-Landbau birgt je Hektar und Jahr ein Minderungspotenzial von Treibhausgasemissionen in Höhe von 1,51Tonnen CO2. Eine vollständige Umstellung auf Öko-Landbau würde in Deutschland die Treibhausgasemissionen aus dem Boden um 95% reduzieren.

Die Grundthesen des Vortrags finden Sie unten.

 

Alnatura fördert den Bio-Landbau

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Dazu haben wir 2015 die Alnatura Bio-Bauern-Initiative (ABBI) ins Leben gerufen.

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Entrepreneurs For Future

Götz Rehn im Interview zu Entrepreneurs For Future Mehr Interview mit Alnatura Gründer und Geschäftsführer Götz Rehn

"Bodenschutz bremst Klimawandel"

Boden ist die Schlüsselressource, wenn es um das Thema Landwirtschaft und Klimawandel geht.

Das System Erde ist bei den durch die Landwirtschaft beeinflussten Ressourcen Biodiversität, Stickstoffkreislauf und Treibhausgasemissionen als Treibern des Klimawandels schon jenseits seiner planetaren Grenzen.

Die Erde wird wärmer. So haben die Jahresmitteltemperaturen in Hessen in der Zeit von 1951 bis 2017 um 1,5°C zugenommen.

Weltweit steigt die CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Zum Beispiel an der Messstelle Mauna Loa, Hawaii, von 310 ppm 1960 auf 410 ppm 2019.

Der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) auf der Erde wächst exponentiell. Der Ausstoß der anderen Treibhausgase (THG) Methan (CH4) und Lachgas (N2O) steigt ebenfalls. In CO2-Äquivalenten ausgedrückt weist Methan den Faktor 25, Lachgase sogar den Faktor 298 auf.

90% der Treibhausgasemissionen im Zusammenhang mit der Landwirtschaft weltweit können durch die Landwirtschaft selbst im Boden durch Humusaufbau gespeichert werden. 40% dieser Emissionen entstehen in Form von Lachgas aus mineralischen und organischen Düngern, 34% stammen von Rindern, jeweils etwas über 10% werden durch das Verbrennen von Biomasse und die Nassreisproduktion verursacht und jeweils unter 10% durch tierischen Mist, die Produktion von Mineraldüngern, Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen und die Nutzung landwirtschaftlicher Maschinen (letztere macht mit 3% den geringsten Anteil aus). Durch eine deutliche Reduzierung des Einsatzes von mineralischem Stickstoff in der Landwirtschaft und durch eine striktere Bindung der Rinderhaltung an die Fläche lassen sich die CO2-Emissionen der Landwirtschaft verringern und neues Potenzial zur Aufnahme von CO2 aus anderen, die menschliche Arbeit und das Leben betreffende Emissionsquellen schaffen.

7,2% der gesamten CO2-Emissionen, die Deutschland produziert, stammen aus der Landwirtschaft, die mit Abstand größten Anteile entstammen der landwirtschaftlichen Tierhaltung und aus den landwirtschaftlich genutzten Böden (40%). Aufgrund der Rückgänge in der Tierhaltung sinkt die Menge dieser Emissionen.

Kohlenstoff, aus den Assimilaten der grünen Blätter durch Photosynthese über die Pflanzenwurzeln im Boden gebildet, hat ein 2,3-fach stärkeres Potenzial der Humusbildung als Kohlenstoff aus überirdisch zugeführter Biomasse wie Pflanzenstreu, Ernteresten oder Wirtschaftsdünger. Im Sinne der Humusbildung und damit der CO2-Bindungsfähigkeit des Bodens sind tief und verzweigt wurzelnde Bestände landwirtschaftlicher Nutzpflanzen am wirkungsvollsten. Ein humusreicher, belebter Boden seinerseits erleichtert das tiefe und verzweigte Wurzelwachstum.

Im oberen Meter Boden sind in Deutschland in Summe 2,5 Mrd. Tonnen Kohlenstoff gespeichert. In Ackerböden und Waldböden jeweils etwa 100t/ha, in Böden unter Dauergrünland oder Weiden, deren Pflanzenbewuchs durch Beweidung oder Mähnutzung regelmäßig verjüngt wird bei dauerhaft vorhandenem Pflanzenbewuchs, ist es mit 200t/ha doppelt so viel. Junge, intensiv wachsende, dauerhaft vorhandene Pflanzenbestände sorgen also für die höchsten Humusgehalte im Boden und damit für die höchste CO2-Bindungsfähigkeit.

Die Pilznetzwerke in landwirtschaftlich genutzten Böden, die für deren Stabilität wichtig sind, sind am komplexesten unter ökologischer Bewirtschaftung, die ohne mineralischen Stickstoffdünger und ohne chemischen Pflanzenschutz wie z.B. Glyphosat auskommt.

Der Humusvorrat eines Hektars ökologisch bewirtschafteten Bodens kann die Treibhausgasemissionen einer Kuh (Großvieheinheit) sequestrieren. Ein solcher Viehbesatz (1GV/ha) erhöht nicht die THG-Emissionen. Er entsprach viele Jahre dem im deutschen Öko-Landbau üblichen Besatz. Inzwischen ist der Besatz etwas geringer geworden aufgrund rückläufiger Tierhaltung im Öko-Landbau. Insgesamt können geschlossene ökologische Betriebssysteme mit Viehbesatz kleiner/gleich 1,0 Großvieheinheit pro Hektar 270 kg C/ha und Jahr mehr speichern als konventionell bewirtschaftete Böden.

Die Umstellung auf Öko-Landbau birgt je Hektar und Jahr ein Minderungspotenzial von Treibhausgasemissionen in Höhe von 1,51t CO2. Eine vollständige Umstellung auf Öko-Landbau würde in Deutschland die Treibhausgasemissionen aus dem Boden um 95% reduzieren (wobei die Ersparnis durch die Energieverbräuche für den nicht mehr benötigten Stickstoffdünger noch nicht eingerechnet ist. So betrachtet, wäre die Bilanz gut ausgeglichen).

Hinsichtlich Humusgehalt und Wasserspeicherfähigkeit, Bodenqualität sowie Anpassungsfähigkeit der Ertragsleistung an Wetter- und Klimaextreme, insbesondere in Entwicklungsländern, bieten Landbausysteme ohne wendende Bodenbearbeitung und mit ständiger Bodendeckung Vorteile (sog. integrierte Produktion, Zero Tillage). Bei Öko-Landbau-Systemen kommen zu diesen positiven Wirkungen mit Bezug auf den Klimaschutz noch die höhere Kohlenstoffspeicherung im Boden und die verringerte N2O-Emission aus den Böden als erwünschte Effekte dazu. Beide Systeme schneiden allerdings beim Flächenertrag im Vergleich zu konventioneller Erzeugung schlechter ab.

Um die Landwirtschaft, auch unsere heimische Erzeugung, noch besser für Wetterextreme und beispielsweise Starkregenereignisse zu wappnen, reicht auch eine langjährige ökologische Bewirtschaftung nicht aus. Dem Bodenschutz ist klein- und großräumig noch mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Contourfarming auf geneigten Flächen, Wechsel des Bewuchses durch kombinierte Agrar- und Forstproduktion, Rückkehr zu Dauergrünland in erosionsgefährdeten Hanglagen und weiteres müssen hinzutreten.

 

Auszug aus einem Vortrag von Prof. Andreas Gattinger (Professor für Ökologischen Landbau mit dem Schwerpunkt nachhaltige Bodennutzung an der Justus-Liebig-Universität Gießen), 2.9.2019, Darmstadt