Gastbeitrag: Verantwortung übernehmen

Agrarkultur unter Druck

Agrarkultur

Wer offenen Auges durch die Landschaft geht, stellt mit Bestürzung die dramatischen Veränderungen in der Natur fest, die durch eine intensive und einseitig auf die ständige Erhöhung der Ernteerträge getrimmte Landwirtschaft verursacht werden. Die Forderung nach zusätzlicher Biomasse aus der Landwirtschaft zur Energiegewinnung hat die Situation noch verschärft: Getrieben durch den Anreiz fehlgeleiteter staatlicher Subventionen sind zuvor vielgestaltige Äcker zu Maiswüsten degradiert worden und Bauern werden zu "Energiewirten". Sieht so die Zukunft einer Landwirtschaft aus, die wir noch als Agrarkultur bezeichnen können?

Besinnen wir uns doch ganz einfach auf das politische Leitbild unserer Agrarerzeugung in Deutschland, ja sogar in ganz Europa, nämlich die multifunktionale Landwirtschaft, die nur dann nachhaltig und zukunftsfähig sein kann, wenn sie auf ökologischer Grundlage betrieben wird. Agrarkultur bedeutet nämlich mehr als nur die Erzeugung von Lebensmitteln und neuerdings auch Energiepflanzen. Sie beinhaltet die vielfältigen anderen am Gemeinwohl orientierten Funktionen der Landwirtschaft (siehe Infokasten).

Diese "Produkte" einer multifunktionalen Landwirtschaft sind nicht am Weltmarkt handelbar; sie werden regional oder lokal erzeugt und wir müssen uns sogar vor Ort begeben, um sie zu genießen. Und genau diesen regionalen Bezug erwarten die Konsumentinnen und Konsumenten von Bio-Lebensmitteln.
Alnatura bemüht sich um ein Angebot von lokal und re­gional erzeugten Lebensmitteln in seinen Filialen, wobei insbesondere Obst und Gemüse zum Teil direkt von den Bäuerinnen und Bauern aus der Region geliefert werden. Mit dieser Art einer regionalen Verankerung oder sogar besser ausgedrückt "Verheimatung" der Filialen setzt Alnatura ein positives Zeichen, denn so kommen die Lebensmittel frisch und auf sehr kurzen Transportwegen an die Konsumentinnen und Konsumenten. Wenn die landwirtschaftlichen Betriebe auch noch bekannt gemacht werden, wird so eine wirkliche Transparenz erreicht und eine Brücke zwischen Erzeugern, Händlern und Konsumenten gebaut.

Wenn wir als Gesellschaft also diese Leistungen von unserer Landwirtschaft wünschen, können und dürfen diese nicht über den Preis der Lebensmittel abgegolten werden, denn diese werden im Sog unseres gegenwärtigen, auf lineares Wachstum getrimmten Wirtschaftsmodells immer weiter gedrückt und zwingen dadurch die Bauern zu immer unökologischeren Maßnahmen, verbunden mit einem enormen Ressourcenverbrauch. Der unheilvolle Spruch "Geiz ist geil" bringt diesen Wirtschaftswahn auf den Punkt.

Neue Allianzen bewirken Veränderungen

Das ­gegenwärtige Wirtschaftsmodell setzt die Bäuerinnen und Bauern unter einen enormen wirtschaftlichen Druck. "Es rechnet sich nicht", heißt es dann immer wieder und leider auch bei Bio-Bauernhöfen. Es kann sich natürlich nicht rechnen, wenn die Preise für Lebensmittel ständig gedrückt werden. Die Preise an der Theke sagen nämlich nicht die ökologische und soziale Wahrheit, sondern sie werden durch Raubbau an unseren natürlichen Ressourcen und die Ausbeutung von Arbeitskräften künstlich tief gehalten. Das gilt leider auch für die sehr billigen Öko-Lebensmittel, die zu großen Teilen importiert werden und zwar von dort, wo die Gesundheit der Böden kein Thema ist und wo billige Arbeitskräfte zu einem Hungerlohn unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen. Wenn die Öko-Lebensmittelwirtschaft nur auf diese Weise im Rennen um Wachstumsraten mitmachen kann, ist es höchste Zeit, darüber nachzudenken und an der Entwicklung einer zukunftsfähigen, ökologisch und sozial gerechten Öko-Lebensmittelwirtschaft nicht nur mitzuarbeiten, sondern eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Und genau das ist die Idee der Alnatura Bio-Bauern-Initiative (ABBI) unter dem Motto "Gemeinsam Boden gut machen". Dazu müssen neue Allianzen geschmiedet werden zwischen Bäuerinnen und Bauern, Verarbeitern und Händlern, die den Primärproduzenten eine verlässliche wirtschaftliche Basis bieten.

Partnerschaftliches Engagement

Mit diesem Ziel tritt die von Alnatura Gründer und Geschäftsführer Götz Rehn ins Leben gerufene "ABBI" an und sammelt Geld für ein vom Deutschen Naturschutzring e.V. (DNR) betreutes Projekt, welches Bäuerinnen und Bauern die Möglichkeit bietet, auf den Bio-Landbau umzustellen, und auch mithilft, ­Erschwernisse in der ökologischen Bewirtschaftung aus dem Weg zu räumen. Alnatura und inzwischen auch die Ulrich Walter GmbH mit der Marke "Lebensbaum" (mehr sind willkommen) sind die Katalysatoren, welche die eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten an der Leitidee einer verbürgten Nachhaltigkeit mit einem neuen Verständnis von Fortschritt unter Einbezug der kulturellen und ethischen Dimension ­orientieren. Davon ist ABBI die praktische Umsetzung mit der Förderung von Bauernhöfen, die auf den Bio-Landbau umstellen wollen. Eben: gemeinsam Boden gut machen!

››› Gastbeitrag Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des ­Deutschen Naturschutzrings (DNR) und Professor an der Uni­ver­sität Kassel für den Ökologischen Landbau. Zuvor Präsident des Bundesamtes für Naturschutz und des Hessischen Landesamtes für Regionalentwicklung und Landwirtschaft sowie ­Gründungsdirektor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in der Schweiz (FiBL).