Meinungsthema: Ostern

Auferstehung - Materialismus - Ganzheitliches Denken und Handeln setzt voraus, dass wir das Materielle nicht zum einzig Wirklichen erheben: Die Welt muss auch in ihrer seelischen und geistigen Gestalt erkannt werden. Das Osterereignis kann uns hierbei helfen.

Nicht zuletzt die immer wieder aktuellen Berichte zum Klimawandel führen uns vor Augen: Unsere Erde ist nicht mehr in der Lage, die von Menschen ausgehenden Eingriffe in den Erdorganismus auszugleichen. Wir haben über den Zustand der uns umgebenden Natur und der Erde ausführliche Informationen, und trotzdem ändern die Menschen nicht ihr Denken und Handeln. Täglich zerstören wir die Erde und damit unsere Lebensgrundlage weiter.

Ohne weiter darüber nachzudenken, orientieren wir die meisten unserer Handlungen ausschließlich am kurzfristigen Nutzen- und Erfolgsprinzip: Wir schätzen, was die materielle Wohlfahrt mehrt, und vergessen darüber, dass wir Menschen uns damit selbst unsere Lebensgrundlage zerstören. Eine nur die Materie als Wirklichkeit anerkennende Weltauffassung bedeutet eine Einschränkung unserer Erkenntnismöglichkeit. Diese müssen wir uns jedoch selbsttätig neu erschließen, wenn wir ganzheitlich, das heißt sinnvoll im Sinne des Ganzen handeln wollen.

Was hat dieses Phänomen mit Ostern zu tun? Das Osterereignis erinnert uns daran, dass wir aus dem "Grab des Materialismus" auferstehen können. Wir Menschen entscheiden letztlich selbst über unsere Biographie und unsere Entwicklung. Wir können die ganze Welt in ihrer geistigen, seelischen und materiellen Gestalt stufenweise erkennen.

Warum ist das Osterereignis ein Bild für die Überwindung des Materialismus? Im Vergleich zu Weihnachten, das wir immer zum gleichen festen Termin, nämlich am 24. Dezember feiern, ist Ostern ein "bewegliches Fest". Es liegt jedes Jahr an einem anderen Termin, und zwar am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond. Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu, also die Inkarnation eines geistigen Wesens. An Ostern feiern wir seine Auferstehung, seine Befreiung aus dem Leiblichen, nach dem Kreuzestod. Das Osterfest kann uns vor Augen führen, dass eine nur materialistische Weltanschauung wie ein schwerer Grabstein auf uns selbst und unserer Erde lastet.

Das höchste Ziel unserer Existenz ist nicht die materielle Wohlfahrtsmaximierung. Das höchste "Produktionsziel" des Menschen ist das Verwirklichen seiner geistigen Freiheit. Alles, was wir unternehmen, sollte dieser Maxime verpflichtet sein. Dann wird unser Handeln im Sinne des Ganzen sein, und eine andere Wirtschaft und Gesellschaft wird sich entwickeln.

Karfreitagmorgen

Heute will ein alter Mensch wiederum zu Grabe sterben, und der neue soll von ihm nichts als nur den Willen erben, nach dem endlichen Gelingen immer tiefer hinzudringen.

Hilf zu solchem Ziel auch du mit dem eigenen Stirb und Werde! Lass uns einig unsere Erde läutern edlem Stoffe zu! Lass uns, liebes Lebensmein, einer Sehnsucht Flügel sein!

Christian Morgenstern (1871-1914)

Die moderne Naturwissenschaft lässt Beschreibungen und Erklärungen als wissenschaftlich nur dann gelten, wenn sie das Materielle betreffen. Dies erscheint mir als eine unzulässige Reduktion der Wirklichkeit. Der Grundsatz der Wissenschaftlichkeit tritt im Mantel der "Wertfreiheit" an die Stelle eines Werturteils. Die heute akzeptierten wissenschaftlichen Methodenprinzipien sind: Ein Phänomen ist beobachtbar und wiederholbar, und die Beobachtung kann mit gleichem Ergebnis von verschiedenen Menschen gemacht werden. Diese naturwissenschaftliche Methode kann ich auch auf seelische Beobachtungen anwenden (Rudolf Steiner schildert in dem Buch "Die Philosophie der Freiheit" Ergebnisse, die nach dieser Methode gewonnen wurden).

Anders als das Tier hat der Mensch grundsätzlich die Möglichkeit, an sich zu arbeiten und sich zu entwickeln. Davon hängt ab, ob wir den "Grabstein des Materialismus" von unserer Seele wälzen können. Dazu will uns die Osterzeit ermutigen.

Autor: Prof. Dr. Götz E. Rehn
Gründer und Geschäftsführer von Alnatura