Organismus und Individualität

Mein Leitbild für eine Landwirtschaft der Zukunft? Jeder Betrieb ist ein Organismus und eine Individualität! Warum? Dafür müssen wir zunächst einen kurzen Blick zurück werfen.

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Albrecht Daniel Thaer (1752–1828), Vater der landwirtschaftlichen Betriebswirtschaftslehre, formulierte Anfang des 19. Jahrhunderts: "Landwirtschaft ist ein Gewerbe wie jedes andere"; sie habe den Zweck, Güter zu erzeugen, um damit möglichst viel Gewinn zu erzielen. Der Chemiker Justus Liebig (1803–1873), Begründer der Agrikulturchemie, entdeckte die Bedeutung von Mineralstoffen, insbesondere Stickstoff, für das Wachstum der Pflanzen. Liebig formulierte, dass der pflanzliche Ertrag durch das Mineral, das im Boden im Minimum ist, begrenzt wird. Die landwirtschaftliche Düngelehre wurde entwickelt, die den Boden als Nährstoffspeicher versteht, aus dem sich die wachsenden Pflanzen bedienen und den der wirtschaftende Mensch auffüllt.

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte der Chemiker Fritz Haber (1868–1934) zusammen mit Carl Bosch ein großtechnisches Verfahren zu Gewinnung von Ammoniak (Grundmaterial für Sprengstoff wie für Dünger) aus dem Stickstoff der Luft, wodurch von da an dieses Düngesalz in fast unbegrenzter Menge zur Verfügung stand. In den Jahrzehnten danach wurden chemisch-synthetische Pestizide entwickelt, die den Bauern halfen, unerwünschte Organismen ("Schädlinge") und Pflanzen ("Unkräuter") zu unterdrücken. Nach dem ­Zweiten Weltkrieg folgte die systematische Mechanisierung der landwirtschaftlichen Arbeiten. Damit war die Landwirtschaft quasi industriell steuerbar geworden, mit definiertem Input und vorhersagbarem Output. Agrarprodukte (Nahrungsmittel) standen nun reichlich zur Verfügung. Maschinen und Chemie, also chemisch-technische Hilfsmittel, erleichtern und sichern seitdem die landwirtschaftliche Arbeit.

Allerdings ist der Preis für die mengenmäßig sichere Produktion hoch: Naturfremde Stoffe aus Düngern und Pflanzenschutzmitteln zerstören das Bodengefüge und die natürliche Bodenfruchtbarkeit, belasten die Erzeugnisse, das Wasser sowie die Luft und reduzieren in gefährlichem Maße die Biodiversität. Bei den Hauptdüngestoffen Stickstoff und Phosphor ist ein weltweites Ungleichgewicht entstanden. Die schädlichen Auswirkungen einer nur auf die stoffliche Seite schauenden und nach dem Konzept der linearen, industriellen Produktion arbeitenden Landwirtschaft sind mittlerweile umfassend erforscht. Eine Flut von Gesetzen versucht, den unerwünschten Wirkungen entgegenzusteuern. Ob das ausreicht und schnell genug wirkt, ist mehr als fraglich.

Welches Leitbild kann man dagegensetzen? Von Rudolf Steiner, dem Begründer der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, stammt der Vorschlag, einen landwirtschaftlichen Betrieb als eine Art Organismus zu betrachten und als Individualität zu verstehen. Organismus bedeutet: Da steht eine geordnete Vielheit in einem lebendigen Zusammenhang, sie entwickelt sich, kann wachsen oder abnehmen, gedeihen oder erkranken. Ein Organismus lebt, kann Fähigkeiten trainieren und sich verändernden Bedingungen anpassen. Er ist etwas Begrenztes, innerhalb dessen das Zusammenspiel der Organe einer Harmonie bedarf, die in keine Richtung überdehnt werden darf. Der Organismus-Gedanke regt an, auf die natürlichen Zusammen­hän­ge in einer Landwirtschaft zu schauen, sie in ihrer Gesundheit und in ihrem Gedeihen immer besser zu verstehen, zu fördern sowie gegen krank machende Einflüsse zu schützen. Steiner sprach einen landwirtschaftlichen

Betrieb zudem als eine Individualität an. Auch dieses Leitbild regt zum genauen Hinschauen und Fördern der Entwicklung an. Es gesteht zu, dass jede Landwirtschaft an ihrem konkreten Ort, mit ihren Böden, den Wetter- und Klimagegebenheiten, der Geländeform und exposition etwas anderes ist, sich aufgrund der Naturgegebenheiten und der jeweiligen Betriebshistorie nicht mit anderen über einen Kamm scheren lässt.

Eine Landwirtschaft, die nach ihren innewohnenden Naturzusammenhängen, durchaus unter intelligenter Nutzung von Technik, gestaltet und nicht nur betriebswirtschaftlich oder hinsichtlich stofflichen Outputs maximiert wird, führt zu einem vielfältigen, ausgewogenen und als schön empfundenen Ganzen, zu einem gesunden beziehungsweise gesundungsfähigen Organismus. Eine solche Landwirtschaft lässt sich betriebswirtschaftlich nur begrenzt optimieren. Daher muss die Gesellschaft als Ganzes für die Landwirtschaft einstehen. Sie muss beschließen, wie viel an Mitteln ihr die gestaltete Landschaft und die in der Landwirtschaft erzeugten Güter – Nahrungsmittel ebenso wie die Umweltressourcen Boden, Wasser, Luft, Artenvielfalt – wert sind.

Eine Utopie? Jüngst hat ein Gericht in Indien den Fluss Ganges samt Zuflüssen zu einem Lebewesen mit Schutzrechten erklärt – zum Beispiel vor Verletzung, Zerstörung oder Verschmutzung (beck-aktuell, 22. März 2017). Ähnlich hat ein neuseeländisches Gericht für einen für die dortigen Ureinwohner, die Maori, heiligen Fluss entschieden. Diese Beispiele zeigen: Eine neuartige Sicht auf lebendige landwirtschaftliche Individualitäten und ein entsprechendes landwirtschaftliches Leitbild ist nicht undenkbar, selbst hier in Europa.

››› Manon Haccius