Engagement für Indien

Ein Alnatura Magazin Redakteur unterstützt die Nandri Kinderhilfe und erzählt von der 80-jährigen Vereinsvorsitzenden.

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"Die Menschen brauchen Bildung und Arbeitsanreize in ihrer Heimat" – so argumentieren Fachleute in Deutschland, wenn es um die Vermeidung weiterer Flüchtlingswellen geht. Monika Gerbas spricht genauso. Doch die 80-Jährige ist weder Politikerin noch Entwicklungsberaterin noch gehört sie einer großen Organisation an. Sie hat auch nicht studiert und in keiner Institution Karriere gemacht. Und doch hat sie Beeindruckendes in puncto Menschenhilfe vollbracht. Die Erzieherin und Hauswirtschafterin hat Hunderten Kindern Zuversicht und eine Zukunft ermöglicht – bei sich zu Hause in Oberursel, einer kleinen Stadt am Taunus, und im entfernten Tamil Nadu, einem Bundesstaat in Südindien.

Doch der Reihe nach. In den 1950er-Jahren zieht sie ihre eigenen zwei Kinder auf – als Alleinstehende damals ein besonders schwieriges Unterfangen. Dann wird sie Tages- und Notfallmutter. 40 Jahre, ein halbes Leben lang, in dem sie insgesamt 129 Kindern in ihrer einfachen Dreizimmerwohnung ein zweites Zuhause gibt. Von ihrem geringen Einkommen übernimmt sie auch noch Patenschaften für Kinder in Afrika und Indien. Dann, mit Anfang 60, geht sie "in Rente", reist erstmals zu ihrem Patenkind nach Südindien und trifft dort in einem Waisenhaus auf Zustände, die auch sie sich im reichen Deutschland nicht hatte vorstellen können. Monika Gerbas verspricht zu helfen. Wieder in der Heimat baut sie ein Netzwerk von Förderern auf und in Indien mit dem Spendengeld ein Waisenhaus. Die Kinder nennen sie liebe- und respektvoll "Grandma", doch wie eine Großmutter wirkt die energiegeladene Frau wahrlich nicht. Ihr Alter hindert sie nicht, nach wie vor jedes Jahr für vier Wochen nach Indien zu reisen. Sie kümmert sich bei tropischen Temperaturen um die kleinen und großen Sorgen der Kinder, näht Kleidung, kauft Lebensmittel ein, spricht mit Betreuern und trifft vor allem Ent­scheidungen. Als Jugendliche schon musste Gerbas den elterlichen Bauernhof führen. Wohl deshalb hat sie ein untrügliches Gespür für das Notwendige, ein zupackendes Wesen, vor allem aber ein großes Herz. Das spüren auch die Menschen in Deutschland. Die Zahl der Förderer wächst, die Aufgaben auch, und so gründet sie gemeinsam mit Freunden 2005 die gemeinnützige Nandri Kinderhilfe. 

Kinder der Little Flower School

Aktuell erhalten über 450 Kinder täglich eine warme Mahlzeit, ein festes Dach über dem Kopf und – das Wichtigste – einen Platz in der Schule. Der Nandri Kinderhilfe geht es um Bildung für die Ärmsten unter den Kindern. Nur mit einem Schulabschluss haben sie eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Den Normalfall beschreibt die Frankfurter Rundschau (2.4.2009): "Indische Polizisten haben nahe der Millionenstadt Madras mehrere Ziegeleien durchsucht und dabei 150 Kindersklaven befreit, die dort illegal arbeiten mussten. Initiatorin der Razzien war eine Frau aus Oberursel: Monika Gerbas, Vorsitzende des Vereins ›Nandri-Kinderhilfe‹." 50 dieser Kinder kann die resolute Frau in der "Little Flower School" unterbringen. Die internatsähnliche Schule wurde mithilfe von Nandri gebaut. Besonders am Herzen liegt Monika Gerbas die Ausbildung von Mädchen. In der patriarchalisch geprägten indischen Gesellschaft zählen Mädchen weniger als Jungen, vor allem auf dem Land. Oft werden Mädchen noch minderjährig verheiratet, ihre Rolle ist damit vorgegeben, ein eigenbestimmtes Leben praktisch unmöglich.

Irular-Dorf

Seit vier Jahren engagiert sich die Vereinsvorsitzende auch für die Irular, ein indigenes Volk im Südosten Indiens. Bis 1976 lebten die Irular in Wäldern, ehe ihnen ein Gesetz verbot, in ihrer ursprünglichen Heimat zu siedeln. Seitdem leben sie in Dorfgemeinschaften und konnten sich trotz aller Widerstände ihre traditionellen Bräuche bewahren: Anders als im übrigen Indien sind in der Irular-Kultur Frauen und Männer gleichberechtigt. Seit jedoch immer mehr Investoren nach Indien kommen und Boden aufkaufen, wird ihnen die Lebensgrundlage mehr und mehr entzogen. Als Waldmenschen haben sie keinen Zugang zu Bildung und finden keine Arbeit. Nandri sorgt für den Schulbesuch von Kindern aus fünf Dörfern. Ihr Meisterstück ist Monika Gerbas wohl mit dem Neubau des Dorfes Pulikundram gelungen. Mit Spendengeldern hat sie Land gekauft, dieses den Frauen des Dorfes überschrieben und ihnen hierdurch eine Existenzgrundlage geschaffen. Inzwischen besteht das Dorf aus sauberen Hütten mit Toiletten, außerdem gibt es Strom, einen Brunnen, einen Kindergarten und ein Gemeinschaftshaus.

Ob Monika Gerbas ans Aufhören denkt? "Schon, doch ich bin Streetworkerin", sagt sie. "Ich will vor Ort sein und den Kindern helfen." Sie weiß, dass ihre Arbeit einen Sinn ergibt. "Wenn wir den Kindern eine Ausbildung ermöglichen, finden sie Arbeit und können in ihrer Heimat bleiben."

››› Volker Laengenfelder ist Redakteur des Alnatura Magazins und im Vorstand der Nandri Kinderhilfe e. V.

Nandri Kinderhilfe

Die Nandri Kinderhilfe ist ein gemeinnütziger Verein, der Not leidenden Kindern im Südosten Indiens Bildung ermöglicht. Alle Helfer arbeiten ehrenamtlich. „Nandri“ bedeutet auf Tamil, der Landessprache in Südostindien, „danke“.