Provamel – Von Pflanzen, die Milch geben

Wie werden aus Pflanzen Milch- und Joghurtalternativen? Wir erfuhren es bei einem Besuch bei Provamel im belgischen Wevelgem.

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Philippe Vandemoortele ist in den Kampf ­gezogen. Er hat sich einen mächtigen Gegner gewählt: den Hunger in Entwicklungsländern. Seine Waffe? Die Sojabohne. Denn die ursprünglich aus Asien stammende kleine Bohne hat einen hohen Eiweißgehalt, ist reich an Ballaststoffen und eine gute Quelle für Vitamin E und ungesättigte Fettsäuren. Gemeinsam mit dem Biotechnologen Danilo Callewaert brach Vandemoortele in den 1970er-Jahren nach Madagaskar auf, um direkt vor Ort aus der Sojabohne nahrhafte Lebensmittel zu entwickeln und zu produzieren. Doch genau wie eine Pflanze kann ein Unternehmen nur unter bestimmten Bedingungen wachsen – eine funktionierende Logistik gehört dazu. In Madagaskar gab es die nicht und so musste Vandemoortele wieder nach Belgien zurückkehren. Doch von seiner Idee, aus Pflanzen direkt und ohne den Umweg über das Tier Alternativen für Milchprodukte herzustellen, konnte er sich nicht verabschieden: In Wevelgem gründete er 1980 Alpro Soya, sein Unternehmen für Sojaprodukte. Drei Jahre später wurden mit der zu Alpro gehörenden Bio-Marke Provamel die ersten Bio-Sojadrinks angeboten. Heute hat Alpro/Provamel drei Produktionsstandorte, Wevelgem ist der größte. Über 900 Mitarbeiter zählt das Unternehmen insgesamt, Tendenz steigend.

Erzeuger Reportage Provamel Sojapflanze

Ein wesentlicher Faktor in dieser positiven Entwicklung sind die engen und langjährigen Partnerschaften, sie gehören für Provamel zu den Unternehmensgrundwerten. Zum einen sichert diese Form der Zusammenarbeit mit den Erzeugern ganz pragmatisch gesehen die Rohstoffqualität. Zum anderen spiegeln verlässliche und faire Geschäftsbeziehungen die Unternehmensphilosophie "Aus Liebe zur Zukunft" wider. Denn um miteinander Zukunft gestalten zu können, braucht es Vertrauen und gemeinsame Werte. Die Bio-Sojabohnen der Provamel-Partner wachsen auf Feldern in Frank­reich, Italien, Chi­na und Kanada. Bevor es für die Sojabohne nach der Ernte nach Wevelgem  geht, werden sie strengen Qualitätsprüfungen unterzogen. Denn die Transportkosten sind hoch und nur einwandfreie Ware soll verschifft werden. Ist die Qualität geprüft und bescheinigt, beginnt die Schiffsreise der Bohne. Von Kanada dauert diese zwei Wochen. Die Schiffe kommen über den Wasserweg direkt bei Provamel an: Der Produktionsstandort liegt mit einem eigenen Hafen an einem Kanal des Flusses Leie. Vom Schiff bis zur Entladestation sind es nur noch wenige Meter. Zunächst wird der Container gewogen: Stimmt das Gewicht? Wenn ja, wird er entladen. Die Sojabohnen sind im Container noch einmal in einem sogenannten Inliner verpackt – dieser sieht aus wie eine überdimensionierte Kunststofftasche, die den gesamten Container ausfüllt. Wird er geöffnet, strömen die Sojabohnen wasserfallartig in eine Bodenvertiefung durch ein Gitter direkt auf die Transportbänder. Diese sind verdeckt, der Weg der Sojabohnen in die sieben Silos ist geschützt. Ein Silo ist 28 Meter hoch, 500 Tonnen Sojabohnen passen hinein – das reicht für eine vier- bis fünfwöchige Produktion. Da es eine strikte Trennung zwischen der konventionellen Produktion für Alpro und der Bio-Produktion für Provamel gibt, sind die beiden letzten Silos für Provamel reserviert. So kann es beim Befüllen der ­Silos keine Vermischung der Sojabohnen geben.

Erzeuger Reportage Provamel Mitarbeiter

Die Herstellung von Sojaprodukten geschieht sehr traditionell: Zuerst werden die Sojabohnen rein mechanisch von der Schale getrennt. In 90 Grad Celsius heißer Luft werden die Schalen brüchig und fallen ab. Übrig bleiben die gelben Sojabohnen. Jetzt folgt ein 20-minütiges Bad in heißem Wasser, die Bohnen quellen. Die Sojabohnen-Wasser-Mischung wird anschließend unter einem Druck von 200 Bar fein gemahlen und danach fein filtiert. So wird der Sojadrink von den festen, unverdaulichen Bestandteilen der Sojabohne getrennt. Fertig ist der Sojadrink. Bei manchen Sojaprodukten wird noch Kalzium zugefügt. Für die Desserts werden Dickungsmittel zugesetzt. Und dann wird es heiß: 145 Grad Celsius, sieben Sekunden lang. Dieses Sterilisationsverfahren tötet die Bakterien, die Inhaltsstoffe und der Geschmack bleiben aber erhalten. Bei der Herstellung joghurtähnlicher Produkte wird die Basisflüssigkeit ohne den Zusatz von Zucker pasteurisiert, indem sie auf 110 Grad Celsius erhitzt und anschließend auf 40 Grad Celsius abgekühlt wird. Nach der Fermentation werden bei den Fruchtsorten bis zu 15 Prozent Früchte zugesetzt. Anschließend werden die Produkte verpackt und in den Handel transportiert. Viele Sojaprodukte müssen nicht ins Kühlregal und sind sehr lange haltbar. Die zu kühlenden Produkte halten sich im Kühlschrank etwa 35 Tage.

Erzeuger Reportage Provamel Packshots

Von der Grundidee bis ins Detail der Produktion ist die Herstellung der Provamel-Produkte umweltschonend. Als Vandemoortele feststellte, dass die Nahrungsproduktion ohne den Umweg über das Tier wertvolle Ressourcen schont, war das visionär. Heute ist es eine weitverbreitete Meinung. Und in Anbetracht der Zahlen eine rein logische Schlussfolgerung: Um Kuhmilch zu erzeugen, wird dreimal mehr Platz benötigt – die Kuh braucht Platz zum Grasen, ihr Futtermittel Anbauflächen. Für die Herstellung von einem Liter Kuhmilch wird im Vergleich zum Sojadrink die zweieinhalbfache Menge Wasser benötigt. Besonders groß ist der Unterschied im CO2-Ausstoß: Für die Erzeugung von Kuhmilch wird fünfmal so viel CO2 ausgestoßen.

Die Tatsache, dass pflanzliche Nahrungsmittel von Natur aus umweltschonend sind, hat bei Provamel nicht dazu geführt, sich darauf auszuruhen. Im Gegenteil, es ist erklärtes Ziel, den Umweltschutz voranzutreiben. Der Transport mit Schiffscontainern spart im Vergleich zur Straße CO2 ein. Ein ausgefeiltes System der Müllvermeidung, -trennung, -entsorgung und des Recyclings führt dazu, dass in der Produktion kein Restmüll anfällt. Energie wird gespart, indem man auf moderne, energieoptimierte Anlagen setzt, Energie weiterverwendet und erneuerbare einsetzt. Und manchmal sind es auch die kleinen Schritte: zum Beispiel, die Temperatur bei der Sterilisation um zwei Grad Celsius zu senken. Insgesamt haben die Bemühungen von Provamel in Zusammenarbeit mit dem Energieberater Ecofys dazu geführt, dass der Energieverbrauch seit 2006 um 25 Prozent und die CO2-Emissionen um 65 Prozent gesenkt werden konnten. Bislang noch nicht vermeidbare Emissionen werden in Kooperation mit der britischen Umweltorganisation Pure mittels Investitionen in das Windenergiepark-Projekt in Fujian Zhangpu Liuao (China) ausgeglichen. Das große Ziel? Die CO2-Neutralität bis 2020.

Der Provamel-typische Erfindergeist und die stetig wachsende Nachfrage nach pflanzlichen Lebensmitteln haben natürlich auch die Produktentwicklung vorangetrieben. Längst sind neben Soja auch Reis, Mandeln, Haselnüsse, Macadamia und Kokosnuss die Grundlage von Drinks, Joghurtalternativen und Desserts. Bei der Entstehung neuer Produkte sind Neugier und Kreativität stets treibende Kräfte.

Außergewöhnliche Ideen haben auf Provamel eher eine reizvolle als abschreckende Wirkung. Käse aus Soja? Milchalternativen aus Sonnenblumenkernen? Es wird einfach ausprobiert. Und manchmal funktioniert es auch nicht. Dann versucht man es mit der nächsten Idee. Und so ist ein großes und vielfältiges Sortiment entstanden. Geplant ist, es auszuweiten, insbesondere mit neuen Rohstoffen für Milchalternativen. Denn schließlich gilt es, eine Mission zu erfüllen: pflanzenbasierte Produkte anbieten, die gut schmecken.

››› Gabriele Storm