Von Kopftüchern und Tattoos – deutliche Absage an Diskriminierung

Auf Diskriminierung, noch dazu in einer Alnatura Filiale, muss man deutlich antworten, meinen Joachim Schledt, Leiter Mitarbeiterservice und -entwicklung, und Didem Evisen, Filialleiterin in Viernheim, beide bei Alnatura.

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Redaktion: Frau Evisen, Herr Schledt, was ist der Anlass für dieses Gespräch?
Joachim Schledt (JS):
Kürzlich wurde eine unserer Mitarbeiterinnen von einem Kunden mit harschen Worten angesprochen, sie habe mit Kopftuch nichts in einer Alnatura Filiale zu suchen. Ich war erschüttert und zutiefst irritiert, so wie viele Kolleginnen und Kollegen auch. Alle, mit denen ich gesprochen habe, wollen so ein Verhalten nicht hinnehmen.
Didem Evisen (DE): Ich weiß, wie es ist, mit diskriminierenden Äußerungen konfrontiert zu werden. Zum Glück ist mir das bei Alnatura nicht widerfahren, zumal ich unsere Kundinnen und Kunden als weltoffen erlebe. Umso mehr hat mich dieser Vorfall überrascht.

Joachim Schledt, Leiter Mitarbeiterservice und -entwicklung

Wenn der Vorfall in Ihrer Filiale geschehen wäre: Wie hätten Sie reagiert?
DE:
Ich hätte mich vor die Kollegin gestellt und den Kunden ruhig und sachlich in seine Schranken verwiesen, auch wenn ich innerlich gekocht hätte. Man darf in so einer Situation nicht persönlich werden. Ich kann sehr gut mit unterschiedlichen Ansichten umgehen. Durch die eigene Brille betrachtet, meint ja auch jeder die richtige Meinung zu haben.
JS: Ich stimme Ihnen zu. Doch es geht ja nicht um richtig oder falsch. Es geht darum, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und dann seine Meinung äußern zu dürfen – innerhalb gewisser Grenzen. Immanuel Kant wird der Satz zugeschrieben: "Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt." Dieser Gedanke bringt es auf den Punkt.
DE: Und die Grenze der Freiheit ist überschritten, wenn man jemanden auf der persönlichen Ebene mit Worten angreift, wie hier beim Kopftuch. Dann ist es als Führungskraft meine Pflicht, auch gegenüber einem Kunden deutlich zu werden. Eine klare Haltung zu haben, passt ja auch zum Alnatura Grundsatz der Kundenorientierung. Diesem Prinzip folge ich gern, weil es Freude macht, mit unseren Bio-Lebensmitteln zufriedene und oft auch begeisterte Kunden und somit Erfolg zu haben. Das heißt jedoch nicht, als Mitarbeiter seine Rechte aufgeben zu müssen.
JS: Nicht alles hinnehmen zu müssen, sondern sich sachlich auseinanderzusetzen, ist auch ein Beitrag zur Alnatura Unternehmenskultur. Also nicht in Schwarz oder Weiß zu denken, sondern die bunte Vielfalt zuzulassen. Denn nur durch Vielfalt entwickeln wir uns.

Wie erleben Sie Vielfalt bei Alnatura?
DE:
Die Vielfalt fängt schon bei unseren Kunden an. Wir haben Kunden, die tätowiert oder gepierct sind, die Kopftücher tragen, Menschen aus vielen Nationen, Alte und Junge. Ich erinnere mich, dass wir vor der aktuellen Kopftuchdebatte ähnliche Diskussionen zum Thema Tätowierungen hatten. Heute interessiert es kaum noch jemanden, wenn ein Kassierer ein Tattoo trägt. Unsere Kunden sind unterschiedlich und wünschen sich Vielfalt in unserem Angebot. Wer jedoch Hülsenfrüchte aus der Türkei, Oliven aus Griechenland und Tee aus Indien erwartet, gleichzeitig aber die Menschen aus diesen Kulturkreisen ablehnt, lebt im Widerspruch.
JS: Die Vielfalt geht bei unseren Mitarbeitern weiter. Bei Bewerbern richten sich unsere Erwartungen an deren Kompetenzen, zum Beispiel die Fähigkeit zur Kundenorientierung oder Eigenverantwortung, nicht an bestimmte politische, religiöse, sexuelle oder andere Ausrichtungen.

Hat Alnatura somit ein aktives Diversity (Vielfalt)-Management?
JS:
Nein, denn wenn man im Sinne der Mitarbeiterentwicklung bewusst steuernd eingreifen muss, dann liegt in der Regel ein Defizit vor. Bei Alnatura müssen wir Vielfalt nicht thematisieren, weil sie ganz selbstverständlich zu uns gehört. Vielfalt ist ein wesentliches Merkmal von Bio. Wir wären für unsere Kunden nur bedingt glaubwürdig, würden wir einerseits Bio verkaufen, andererseits Vielfalt in unserem Unternehmen nicht aktiv leben.

Dennoch ist der Anteil an Frauen in Führungs­positionen nicht gleichgewichtig …
JS:
Das stimmt und auch nicht. Bei unseren Team- und Abteilungsverantwortlichen haben wir ein einigermaßen ausgeglichenes Verhältnis, vor allem bei den Bereichsverantwortlichen haben wir jedoch einen viel zu geringen Frauenanteil. Hier müssen wir handeln. Deshalb untersuchen seit Kurzem zwei meiner Kolleginnen die Frage, ob es bei Alnatura kulturelle oder strukturelle Aspekte gibt, die es Frauen schwerer machen, in die oberste Hierarchie zu gelangen. Wenn dies so sein sollte, werden wir das ändern.

Schulen Sie Mitarbeiter im Umgang mit Diskriminierungen?
DE:
Wenn wir so weit wären, dass man Mitarbeiter schulen muss, dann hätten nicht unsere Kollegen ein Defizit, sondern die Gesellschaft! Insofern bin ich froh, dass wir uns bei Alnatura auf ein faires, offenes Miteinander verlassen können.
JS: Wir sprechen bei Alnatura ja bewusst von einer Arbeitsgemeinschaft, weil wir ein gemeinsames Ziel haben, nämlich mehr Bio in die Welt zu bringen. Der Gemeinschaftsgedanke zeigt sich auch im aktuellen Fall. Unsere Botschaft ist: Wir stehen hinter unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und lassen Diskriminierungen, gleich welcher Art, nicht zu.

››› Das Gespräch moderierte Volker Laengenfelder.