Selbstversuch mit anderen

Das Alnatura Magazin hat mit Sylvia Hatházy, "Theaterregisseurin on Tour", über ihre Arbeit mit Schauspiel-willigen Alnatura Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesprochen. Ein Interview.

Alnatura Magazin: Seit wann arbeiten Sie als Theaterregisseurin für Alnatura?

Sylvia Hatházy: Vor acht Jahren begann ich mit den Lehrlingen erstmals, an "Abenteuer Kultur" zu arbeiten, und seit fünf Jahren studiere ich mit den Mitarbeitern der Firmenzentrale in Bickenbach verschiedene Stücke für die Weihnachtsfeier ein, die "Bickenbacher Winterspiele".

Alnatura Magazin: Erzählen Sie uns bitte von den Anfängen der "Bickenbacher Winterspiele".

Hatházy: Die – nennen wir sie – "erwachsenen Mitarbeiter" fragten, warum nur die Lehrlinge Theaterstücke aufführen dürften. Also war klar, dass hier Interesse bestand, neben der alltäglichen Arbeit auch schauspielerisch oder künstlerisch tätig zu sein. Professor Rehn, Gründer und Geschäftsführer von Alnatura sowie überzeugter Anthroposoph, trat an mich heran und bat mich, die Oberuferer Weihnachtsspiele* mit den Mitarbeitern einzustudieren. Ich bereitete alles vor, doch die Mitarbeiter hatten ganz eigene Vorstellungen und Ideen, was sie darstellen wollten.

Alnatura Magazin: Das heißt, der Wunsch von Herrn Prof. Dr. Götz E. Rehn wurde nicht erfüllt?

Hatházy: Nein, ganz und gar nicht, weil sich die Mitarbeiter nicht vorschreiben lassen wollten, was sie einstudieren. Sie hatten klare Vorstellungen: Es sollte nicht zu viel Weihnachten sein, dennoch sollte das Thema ein bisschen etwas damit zu tun haben. Wir einigten uns im ersten Jahr auf das Thema "Engel". Und eines der Stücke, das wir zur Aufführung brachten, war ein Ausschnitt aus "Ein Münchner im Himme"« von Ludwig Thoma.

Alnatura Magazin: Oh, weit entfernt von den Oberuferer Weihnachtsspielen!

Hatházy: Ja, das kann mal wohl sagen, aber Herr Rehn trug es mit Fassung.

Alnatura Magazin: Was wurde in den letzten fünf Jahren noch aufgeführt?

Hatházy: Wir zeigten eine große Bandbreite und teilweise auch sehr anspruchsvolle Stücke – wie im letzten Jahr "Lina Böglis Reise" von Christoph Marthaler, oder "Der Jasager und der Neinsager" von Bertolt Brecht. Ein großer Erfolg waren auch Charles Dickens’ "Weihnachtsgeschichte" und "Das kalte Herz" von Wilhelm Hauff.

Alnatura Magazin: Nach welchen Kriterien wählten die Mitarbeiter die Stücke aus? Was kam besonders gut an?

Hatházy: Ich habe den Eindruck, dass beispielsweise gerne Stücke gespielt werden, die Inhalte transportieren, wie etwa "Mitgefühl für Schwächere". Aber abgesehen von der positiven moralischen Erbauung geht es auch um das Zusammenspiel und Kennenlernen von Kollegen, mit denen man im Arbeitsalltag wenig bis gar nichts zu tun hat. Quer durch alle Hierarchien werden die Rollen verteilt und zum Teil auch selbst ausgesucht.

Alnatura Magazin: Das hört sich sehr mutig an, zumal man seinen Kollegen ganz andere Seiten von sich zeigt oder gar preisgibt.

Hatházy: Ja, genau! Und das Wichtigste dabei: Alle müssen sich hinterher gut fühlen. Für die Zuschauer ist es auch ein besonderes Erlebnis, weil man Kollegen anders wahrnimmt. Das Theaterspiel eröffnet ganz neue Zugänge zu den Menschen.

Alnatura Magazin: Trauen sich nur die schauspielerisch Begabten mitzuspielen?

Hatházy: Nein, ganz und gar nicht. Mutig, ja mutig sind sie alle, die mitspielen. Die Darsteller werden nicht dazu angehalten, anderen etwas vorzumachen, sondern kommen sich beim Spiel häufig selbst auf die Spur. Das ist doch das Interessante: Der Selbstversuch mit anderen!

Alnatura Magazin: Verraten Sie uns, welches Stück Sie für die anstehende Weihnachtsfeier einstudiert haben?

Hatházy: Ausnahmsweise. Normalerweise ist es bis zuletzt geheim. Wir haben uns für dieses Jahr mal wieder etwas Lustiges ausgesucht. Seit drei Monaten proben wir an der britischen Komödie "Shirley Valentine oder die heilige Johanna der Einbauküche" von Willy Russell.

Alnatura Magazin: Worum geht es in dem Stück?

Hatházy: Es geht um eine Frau in der Mitte ihres Lebens. Es drängt sie raus aus der Enge der Familie und des Alltags, und es passiert tatsächlich etwas Ungeheuerliches.

Alnatura Magazin: Und weiter?

Hatházy: Nein, weiter wird nichts verraten, außer dass es dann doch noch ganz tröstlich ausgeht. Wir wollen die gute Weihnachtsstimmung ja nicht verderben!

*Mysterienspiel um biblische Ereignisse, traditionell in den anthroposophisch ausgerichteten Waldorfschulen gemeinsam von Schülern und Lehrern aufgeführtes Weihnachtsstück.