Die Empathieschule – Das KinderTheaterHaus Hannover

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"Macht bloß kein Kindertheater, das verdirbt Euch!" Eine dringende Warnung, die Harald Schandry während seines Schauspielstudiums zur Kenntnis nahm. Und dann einfach ignorierte – trotz eines Angebots vom Intendanten des Staatstheaters. Zu stark war seine Neugier, zu stur der eigene Kopf, zu groß die Faszination für Kindertheater. Heute ist er Leiter des KinderTheaterHauses in Hannover.

"Der Austausch zwischen Publikum und Bühne ist wesentlich direkter, unmittelbarer", erklärt Schandry seine Begeisterung. "Gleichzeitig muss man vorsichtiger sein, denn Kinder sind leichter zu manipulieren. Ansonsten ist es genauso anspruchsvoll wie Theater für Erwachsene." Und das ist ihm wichtig: Kindertheater ist keine Clownerei, kein Zirkus, kein Slapstick. Leider gebe es in Deutschland oft noch genau dieses Missverständnis. Kindertheater werde hier nicht ernst genommen, beklagt Schandry. Im Gegensatz zu Skandinavien und den Niederlanden, wo man nicht nur eine vorbildliche Bildungspolitik, sondern auch anspruchsvolles Kindertheater findet. Die Stücke für das KinderTheaterHaus stammen deshalb oft aus diesen Ländern. Gutes Kindertheater ist nach Schandry ein "Tun, als ob", in dem Vorgänge plausibel, Ursache und Wirkung verständlich sind. Die Anfangsbehauptung muss durchgehalten werden. Substanziell und relevant muss es sein, auf die Lebenswirklichkeit der Kinder eingehen und zwar altersgerecht.

"Beim Theater muss man eine gute Balance zwischen Dienstleistung und Kunst finden", so Schandry. Es gilt, über die reine Unterhaltung hinaus Impulse zu geben und etwas in Gang zu setzen. Einblicke in fremde Welten zu geben und dabei weltanschaulich neutral zu bleiben. Es geht um die Grautöne zwischen Schwarz und Weiß, es geht über das reine Verstehen hinaus, letztlich geht es um das Mitfühlen. "Theater ist eine Empathieschule", fasst Schandry zusammen. Und schon Dreijährige sind dabei: "Lukas erster Tag“ handelt vom ersten Tag im Kindergarten und ist für Zuschauer von drei bis fünf Jahren. Während der Aufführung fiebern die Kinder voller Mitgefühl mit und ermutigen die Puppe Lukas mit Trost und Ratschlägen.

"Klamms Krieg" ist ein Stück für Jugendliche und erzählt von einem Lehrer, dessen Klasse ihm die Schuld für den Selbstmord eines Schülers gibt. Nach einer Aufführung kam es in der Besprechung des Stücks zu bemerkenswerten Momenten von Mut und Klarheit. So widersprach eine Schülerin ihrer Lehrerin, die behauptete, ein freundschaftliches Verhältnis zu ihrer Klasse zu haben: "Nein, Sie sind kein Freund. Ein Freund würde keine Noten vergeben, schon gar keine Fünfen."

Ein Schulleiter initiierte nach einem Theaterbesuch einen Lehrerstammtisch zum regelmäßigen Austausch. Und um möglichst viele Impulse dieser Art geben zu können, baut das KinderTheaterHaus kontinuierlich sein Netzwerk aus: unter anderem durch Kooperationsverträge mit Schulen. Von Montag bis Freitag finden Aufführungen für Schulklassen statt, samstags gibt es freie Vorstellungen für alle.

Viele Kinder machen ihre allererste Theatererfahrung im KinderTheaterHaus. Und wenn sie nach der Aufführung begeistert rufen "Spul doch mal zurück!", erkennt man, welche Medien sie gewohnt sind und welch wichtigen Erfahrungswert das KinderTheaterHaus bietet.

Neben Kindertheater bietet das KinderTheaterHaus seit 2005 theaterpädagogische Projekte an. Ein Schauspieler am KinderTheaterHaus hatte die Idee: Warum nicht an die Schule am Goetheplatz gehen und dort Theaterkurse für Jugendliche anbieten? Für Jugendliche, die mehr als nur schulische Schwierigkeiten haben. Jugendliche, die berufsvorbereitende Kurse belegen und versuchen, ihren Hauptschulabschluss zu bestehen. Die Erfolgsquote ist hier nicht hoch – es dominiert Frustration.

Das Theaterprojekt setzte eine Veränderung in den Schülern in Gang. Mit Kursen wie Trommeln und Kameratraining am Anfang sowie der anschließenden Entwicklung eines eigenen Stücks gewannen sie mehr und mehr Selbstvertrauen. Die Jugendlichen entdeckten, wie viele Fähigkeiten in ihnen stecken. Sie schulten darüber hinaus ihre Kommunikationsfähigkeit, wurden damit souveräner und bereit für ihre nächste Rolle. Diejenige, die sie in der Gesellschaft einnehmen wollen.

Mit einem neuen Schulleiter endete das theaterpädagogische Projekt an der Schule am Goethe-Platz. Nicht aber für das KinderTheaterHaus, denn Schandry haben die Erfolge des theaterpädagogischen Konzepts überzeugt. Nach und nach weitete er das Angebot aus. Heute ist das KinderTheaterHaus ein Ort, an dem angestiftet wird – zu künstlerischen Prozessen und mit ihnen immer wieder erstaunliche und bemerkenswerte Entwicklungen, die durch das "Tun, als ob" entstehen.