Dem Speick auf der Spur

In ihren Wurzeln steckt ein Schatz, für den man in luftige Höhen steigen muss. Sie wird nur 15 Zentimeter groß und ist daher leicht zu übersehen.

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Sie ist außerordentlich wählerisch. Sie wächst nur in den Nockbergen und ihre unauffällige Erscheinung ist pures Understatement: Die schmale, kleine Pflanze wird höchstens 15 Zentimeter hoch, die Blüten sind zartgelb und wer sie nicht kennt, übersieht sie leicht. Sie liebt die Höhenluft – unter 1.800 Meter ist indiskutabel, der Boden muss kalkfrei sein und obligatorisch ist ein beeindruckendes Bergpanorama. Hier ist sie verwurzelt und in ihren Wurzeln steckt ein Schatz. Es ist ein olfaktorischer, voller Würze und Klarheit. Die Rede ist von Speick. Die Pflanze, die der Speick Naturkosmetik exklusiv ihren unverwechselbaren Duft verleiht.

Wir begeben uns auf die Spuren des Speicks – gemeinsam mit den Speick-Expertinnen Gudrun Leibbrand, Leiterin Marketing und Produktmanagement von Speick Naturkosmetik, ihrer Mitarbeiterin Anke Boy sowie Sigrun Hinteregger, Leiterin des Kirchheimerhofs – ein Viersternehotel in Bad Kleinkirchheim, das unter anderem Speick-Wellness-Behandlungen anbietet.

Unser Weg zum Speick, der Quelle des einzigartigen Speick-Dufts, beginnt im Biosphärenpark von Kärnten, genauer in Bad Kleinkirchheim auf 1.087 Meter Höhe. Und es geht noch weiter hinauf: Mit der Gondel fahren wir nach Brunnach auf 1.908 Meter Höhe. Für Menschen mit ein wenig Höhenangst eine aufregende Angelegenheit – für alle anderen ist die Aussicht auf die Alm der pure Genuss! Oben angelangt beginnt unsere Speick-Wanderung. Hier ist das Atmen eine Erfrischung, die klare Luft duftet leicht nach Kräutern.

Wir blicken auf tiefgrüne Bergwiesen, auf die Nockberge, die steil und massiv in den Himmel ragen, und wandern los. Am Wegrand stehen Zirben, die nur in solchen Höhenlagen wachsen. Die seltenen Nadelbäume sind geschützt – und ihre duftenden Zapfen geschätzt für die Gewinnung der lokalen Spezialität Zirbenschnaps. Pro Kopf und Tag dürfen genau drei Zapfen gesammelt werden. Kühe, die hier auf der Alm grasen, sind wahre Kletterkünstler und schlendern trotz ihrer massiven Körper sicher und elegant über die steilen Wiesen. Im Gegensatz zu mir, die nur die hessische Bergstraße gewohnt ist. Aber auch ungelenkes Klettern wird belohnt, denn hier finden wir ihn, den Speick. Entdeckt hat ihn – mit versiertem Speick-Kennerblick – Sigrun Hinteregger.

Er ist gerade mal etwa acht Zentimeter groß und hat wenige zartgelbe Blüten. Sein Wurzelstock erinnert an eine Ähre und so kam er auch zu seinem Namen: Spica celtica. "Spica", erklärt Leibbrand, "ist der lateinische Begriff für ›Ähre‹, celtica verweist auf seine keltische Herkunft, die Kärntner Nockberge." Verreibt man die Wurzel ein wenig zwischen den Fingern, verströmt sie sofort einen angenehm würzigen, frischen Duft. Er gehört zu den Baldrian-Gewächsen und wer nun ans Schlafen denkt, liegt falsch, denn dem Speick wird eine ausgleichende Wirkung nachgesagt: entspannend, aber gleichzeitig belebend.

Und wir erfahren noch mehr über seine Geschichte. Die Nutzung des Speicks hat eine lange Tradition: Bereits 500 v. Chr. wurden in Ägypten Bäder mit Speick-Öl aromatisiert. Venedig war jahrhundertelang der Umschlagplatz für den Export von täglich mehreren Tonnen Speick in die ganze Welt. Da erscheint es unglaublich, dass eine derart begehrte Pflanze zeitweise Mittel zum Strafvollzug war – und zwar im finsteren Mittelalter. Neben Folter und Scheiterhaufen gab es auch den Speick-Arrest. Mit ihm wurden kleinere Vergehen geahndet: Der Verurteilte wurde in einen Speick-Stadel gesperrt und duftete danach mehrere Wochen nach Speick. Wer weiß, vielleicht war diese "Strafe" damals dem einen oder anderen eine kleine Sünde wert?

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Speick in großen Mengen in die Türkei, den Sudan, nach Syrien und Marokko exportiert. Schließlich befürchtete man seine Ausrottung und stellte ihn deshalb 1936 unter Naturschutz. Wiederentdeckt wurde der Speick von Walter Rau, dem Gründer von Speick Naturkosmetik. Heute besitzt das Familienunternehmen, das in dritter Generation von Wikhart Teuffel, dem Enkel des Firmengründers, geführt wird, die weltweiten Exklusivrechte. Und nur wenige Almbauern aus Saureggen haben die Sondergenehmigung, den Speick zu ernten, der seit 2003 als kontrolliert biologische Wildkräutersammlung zertifiziert ist. Es ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit seit über 30 Jahren. Einen der Almbauern lernen wir heute kennen: Hans-Peter Huber.

Zuvor schließen wir unsere Speick-Wanderung mit dem obligatorischen Speick-Fußbad ab: Mit dem kühlen Wasser direkt aus dem Gestein der Nockberge waschen wir unsere Füße, trocknen sie und reiben sie danach mit Speick-Öl ein. Eine Wohltat für Wanderfüße: Sie fühlen sich frisch an und werden anschließend angenehm warm.

Mit duftenden Füßen geht es weiter zu unserem Speick-Almbauern. Um ihn zu treffen, fahren wir einen schmalen, serpentinenartigen Weg hinauf. Hans-Peter Huber, seine Frau Nicole Huber und die beiden Töchter Anna-Lena und Lorena empfangen uns herzlich an ihrer stilecht restaurierten Almhütte. Sie liegt inmitten der Nockberge; von der Terrasse aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Berge und Wiesen. Idyllischer könnte es nicht sein.

Huber lädt uns ein zu einer Jause mit Köstlichkeiten aus eigener Produktion, krönender Abschluss ist das Nockberge Bauerhof-Eis. Die Idee für das Eis stammt von Nicole Huber – und die Milch selbstverständlich von den eigenen Kühen. Den landwirtschaftlichen Familienbetrieb übernahm der 27-jährige Hans-Peter Huber vor fünf Jahren. 35 Kühe zählt seine Herde, die auch schon von der kleinsten Huber, der fünfjährigen Lorena, auf die Alm getrieben wird. Hier helfen alle mit. Nur den Speick, den erntet Hans-Peter Huber allein. Es ist seit Generationen ein wichtiger Nebenerwerb für die Almbauernfamilie. Und ein anstrengender. Von Mitte August bis Mitte September ist Erntezeit. Dann geht es für Huber über die Baumgrenze hinweg auf über 1.800 Meter. Geerntet wird wie vor Jahrhunderten: mit der Hand. Kniend wird vorsichtig der Boden aufgelockert und die Pflanze behutsam herausgezogen. Ein Teil der Wurzeln muss dabei im Boden bleiben, damit der Speick sich weiter vermehrt. Die gesammelten Pflanzen werden getrocknet und so an Speick Naturkosmetik geliefert.

So klein und unscheinbar der Speick in natura ist, umso imposanter ist das Denkmal, das ihm in Bad Kleinkirchheim gesetzt wurde: ein vier Meter hoher Speick aus gerostetem Eisen, dessen Blüten nachts in verschiedenen Farben leuchten. Garantiert nicht zu übersehen. Die Skulptur steht für die Bedeutung, die der Speick für die Region hat – historisch, kulturell und wirtschaftlich.

Im Kirchheimerhof erwartet uns der Speick ein letztes Mal und zwar besonders entspannend. Mit dem Speick-Wohlfühlritual: einer Ganzkörpermassage mit Speick-Öl. Und so neigt sich der Tag auf den Spuren des Speicks einem perfekten Ende zu.

Kurz gefasst

  • Familienunternehmen mit Sitz bei Stuttgart, geführt von Wikhart Teuffel in dritter Generation
  • 1928 Gründung des "Feinseifenwerk Walter Rau"
  • Seit den 1970er-Jahren Kooperation mit den Almbauern, die den Speick ernten
  • 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
  • Auszeichnung Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2013
  • Auszeichnung CSR-Preis (Corporate Social Responsibility) der Bundesregierung 2014