01.04.2017

Rapunzel und das Palmöl

Palmöl ist nicht per se schlecht. Es kommt darauf an, wie es gewonnen wird. Alnatura Partner Rapunzel bezieht das Palmöl, das der Bio-Pionier im Allgäu verarbeitet, aus zwei nachhaltigen Fair-Trade-Projekten: "Natural Habitats" in Ecuador und "Serendipalm" in Ghana. Unser Autor war vor Ort in Ghana.

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Es fühlt sich an wie Dschungel. Wir stapfen durch kniehohes Gebüsch im Süden des afrikanischen Landes, in der schwülen Luft sirrt und summt es, grün gefiltertes Licht fällt durch die Bäume. Doch es ist kein Urwald, durch den wir uns im Gänsemarsch bewegen, sondern der Ölpalmenhain von Daniel Myaoa. Der Bio-Bauer geht voran, mit einer fünf Meter langen Bambusstange über der Schulter, an der eine Sichel befestigt ist. Damit schneidet er die Fruchtbüschel ab, die in den Kronen seiner Ölpalmen wachsen. Mit einem Rums fallen die gut zehn Kilogramm schweren Büschel auf den Boden. Während Daniel den nächsten erntereifen Baum sucht, trägt sein Sohn Stephen drei der Büschel die 300 Meter bis zum nächsten Fahrweg: In einer Blechwanne auf dem Kopf – 20-mal am Tag.

"Serendipalm" in Ghana

Daniel Myaoa ist einer von 450 Bio-Bauern, die Serendipalm beliefern. Jeder von ihnen hat zwei, drei Hektar Land, das er mit Ölpalmen und zum Beispiel Kakao bepflanzt, dazu ein Feld fürs eigene Essen: Mais, Kochbananen, ein paar Mango- und Papayabäume. Serendipalm zahlt ihnen zehn Prozent mehr als den marktüblichen Preis. "Und ich bekomme mein Geld sofort und muss ihm nicht hinterherlaufen, wie viele meiner konventionellen Kollegen", lobt Daniel. Auch der Traktor mit Hänger, der die Früchte abholt, kostet ihn nichts. Das Fahrzeug bringt die Ernte ins nahe Asuom, eine Kleinstadt, vier Autostunden von der Hauptstadt Accra entfernt. Dort sitzt Serendipalm, ein Projekt des Bio-Kosmetikherstellers Dr. Bronner’s, der das Palmöl für seine Seifen verwendet. Rapunzel sichert als größter Abnehmer neben Dr. Bronner’s und als fachkundiger Partner die Weiterentwicklung von Serendipalm und steht auch vor Ort mit Rat und Tat immer wieder zur Seite. "Ganz bewusst setzen wir weiterhin Palmöl ein – aber eben von unseren Hand in Hand-Partnern, die wir gut kennen und deren nachhaltige Arbeit vor Ort wir sehr schätzen", erklärt Pressesprecherin Eva Kiene. "Das Palmöl soll genauso wie die anderen Rohstoffe in Rapunzel-Produkten unseren Ansprüchen an ein bio-faires Lebensmittel genügen."

"Serendipalm" in Ghana

Fairer Lohn für harte Arbeit Das Herz von Serendipalm ist die Cleaning Hall, ein Gebäude so groß wie eine Schulturnhalle, aber viel luftiger. Das Dach steht auf Metallstützen, nur die untersten zwei Meter sind gemauert. Trotzdem ist die Arbeit schweißtreibend. Zwei junge Männer springen auf den ankom­menden Hänger, eine anderthalb Meter lange Holzstange mit Eisenspitze in der Hand. Damit heben sie die Fruchtbüschel schwungvoll vom Wagen, ihre Kollegen stapeln sie in der Halle zu zwei Meter hohen rechteckigen Vorratshaufen. Von dort schnappen sich drei Männer mit der behandschuhten linken Hand ein Büschel und hacken mit scharfen Äxten und vier, fünf Schlägen die Früchte samt ihrer dornigen Umhüllung vom Strunk ab.

Mit ihren kräftigen Oberarmen und den coolen blauen Schutzbrillen wirken sie wie aus einem Werbeprospekt. Doch das ist das wahre Leben. Tageslohn 20 Cedis, das sind knapp 5 Euro. Aus unserer Sicht nicht viel für acht Stunden harte Arbeit. Doch viel in einem Land, in dem der Mindestlohn bei acht Cedis pro Tag liegt. Serendipalm zahlt zudem für alle Mitarbeiter Kranken- und Rentenversicherung. Sie bekommen fünf Tage mehr Urlaub als gesetzlich vorgeschrieben und werdende Mütter können drei Monate in bezahlten Mutterschutz gehen. Diese aus ghanaischer Sicht wahrlich besonderen Konditionen kann Serendipalm nur bieten, weil das Unternehmen mit Dr. Bronner’s und Rapunzel Partner hat, die bereit sind, auch einen weit höheren Preis für den Rohstoff zu bezahlen als üblich.

"Serendipalm" in Ghana

Es sind vor allem Frauen, die bei Serendipalm arbeiten. Etwa 200 von ihnen sitzen in Kreisen in der Halle und zupfen die daumengroßen roten Palmfrüchte aus ihren dornigen Hüllen. Ich sitze auf einem kleinen Schemel zwischen ihnen und versuche, ebenso flink zu sein. Autsch! Prompt habe ich mich an den Dornen gestochen. "Hey, du musst schon aufpassen", mahnt mich Esther Larbry und lacht. Einen "Obroni", einen Weißen, als Praktikanten zu haben, macht ihr sichtlich Spaß.

Die 28-Jährige ist mit ihrem High-School-Abschluss und einem perfekten Englisch ganz klar überqualifiziert. Doch feste Arbeit ist Mangelware in Asuom. "Ich habe mich nach der Schule für viele Jobs beworben", erzählt Esther. Geklappt hat es nur bei Serendipalm. Und was zählt, ist das Geld: "Ich kann meine Mutter unterstützen und das Schulgeld für meine kleine Schwester zahlen." Auch ihre vierjährige Tochter kommt bald in die Schule.

"Serendipalm" in Ghana

Dämpfen, pressen, reinigen Frauen bringen die gesäuberten Früchte in Wannen auf den Köpfen quer über den Hof zur Produktionshalle. Dort ist es heiß, stickig, in der Luft hängt Holzfeuerrauch und der typische dumpfe Palmölgeruch, eine Mischung aus Veilchen und Frittenbude.

Palmfrüchte lassen sich nicht einfach pressen wie Oliven. Ihr Fruchtfleisch ist hart, das Öl fest darin gebunden. Deshalb müssen sie erst bis zu zwei Stunden in holzbefeuerten Öfen gedämpft werden, bevor sie via Blechwanne zur Presse kommen. Das dort gewonnene Gemisch aus Öl, Wasser und Fruchtfleisch wird in kleineren Öfen noch einmal zwei Stunden gekocht. Das Wasser verdampft, Schlamm setzt sich ab und das reine Öl kommt schließlich in einen Tank.

"Natürlich lassen sich die allermeisten dieser Prozesse viel effektiver maschinell erledigen", sagt Safianu Moro, der Geschäftsführer von Serendipalm. "Aber wir wollen, dass die Menschen Arbeit haben." Das hat seinen Preis: "Unser Öl ist das teuerste auf dem Markt."

Neben diesem Preis zahlt Rapunzel Serendipalm wie seinen anderen 17 Hand in Hand-Partnern weltweit eine zusätzliche Fair-Trade-Prämie, die in Projekte vor Ort investiert wird: So entstand unter anderem mit der Unterstützung durch Rapunzel im Nachbarort Abaam ein Computer-Trainingscenter. Auch Trinkwasserbrunnen, öffentliche Toiletten und ein Fährboot wurden so mitfinanziert. Insgesamt hat sich die Infrastruktur in Asuom und den benachbarten Dörfern dadurch wesentlich verbessert. Die Palmzupferinnen hätten als Nächstes gerne eine Schule am Platz, damit sie ihre Kinder gut untergebracht wissen. Ich frage Esther, ob das auch was für ihre Tochter wäre. Doch meine Dolmetscherin hat andere Pläne. "Ich arbeite noch ein Jahr hier, dann habe ich so viel Geld gespart, dass ich aufs College gehen kann. Ich werde Lehrerin."

››› Leo Frühschütz

Hand in Hand: 100% fair plus 100% bio

"Serendipalm" in Ghana

1992 startete Rapunzel sein Hand in Hand-Programm. Die Kriterien des Herstellers und seiner derzeit 18 Partner basieren auf den Kernarbeitsnormen der ILO, den weltweit gültigen Arbeitsvorschriften des Social Accountability sowie den Leitlinien für Soziale Gerechtigkeit der IFOAM. Sowohl die Hand in Hand-Partner als auch ­Rapunzel werden alle zwei Jahre von externen Inspektoren kontrolliert. Die fairen Preise decken die Produktions- und Lebenshaltungskosten der Erzeuger ab. Ein Prozent des Einkaufswertes der Rohwaren zahlt Rapunzel zusätzlich in den Hand in Hand-Fonds ein. Damit unterstützte der Bio-Pionier bereits 259 ökologische und soziale Projekte in 55 Ländern mit 1,13 Millionen Euro. Das Hand in Hand-Logo auf rund 100 Rapunzel-Produkten garantiert, dass bei Monoprodukten 100 % fair gehandelte Rohware enthalten ist; bei Mischprodukten stammen mindestens 50 % von Rapunzels Fair-Trade- Partnern. Die Stiftung Warentest hat im ­Frühjahr 2016 Nachhaltigkeitssiegel unter die Lupe genommen und dem Hand in Hand-Logo von Rapunzel eine "hohe Aussagekraft" bestätigt.