Rapunzel – ein Bio-Märchen vom Wachstum

Wir besuchten Rapunzel in Legau/Allgäu und erfuhren alles über die neuesten Investitionen des Bio-Unternehmens.

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Es war einmal ein 30 Quadratmeter kleiner Bio-Laden in Augsburg … So beginnt ein Bio-Märchen mit dem Namen "Rapunzel". Wie im gleichnamigen Grimm-Märchen hatten auch die Rapunzel-Gründer Jennifer Vermeulen und Joseph Wilhelm ein Verlangen nach Rapunzel (Feldsalat) und allen natürlichen Lebensmitteln. "Weil wir das, was wir essen wollten, nicht kaufen konnten", so Wilhelm, stellten sie naturbelassene Lebensmittel, die ihre Ansprüche erfüllten, kurzerhand selbst her. Rapunzel war geboren. Mit viel Fantasie wurde bei der Herstellung der Bio-Produkte improvisiert. Beispielsweise diente eine eigens dafür gekaufte Badewanne dazu, das Müsli zu mischen. Aus einer Wäschetrommel wurde eine Haselnuss-Röstmaschine gebastelt. Ein Museum auf dem Rapunzel-Gelände holt das Jahr 1974 für Besucher ins Heute: Die alte WG-Küche ist dort aufgebaut, ein Backofen, in dem das Brot gebacken wurde, der Verkaufsraum und natürlich Badewanne und Wäschetrommel.

Inzwischen ist Rapunzel groß geworden – voriges Jahr feierte das Bio-Unternehmen seinen 40. Geburtstag. Heute stellt Rapunzel 550 verschiedene Bio-Produkte her, die Bio-Rohstoffe stammen aus fast 40 Ländern weltweit. Das "Hand in Hand" Partnerprogramm von Rapunzel verknüpft dabei biologischen Anbau mit Fair Trade. Rapunzel ist bei seinen Lieferbeziehungen sowohl die Qualität der Lebensmittel als auch die Lebensqualität der Bauern wichtig. Die langfristige, vertrauensvolle Zusammenarbeit, der ständige und persönliche Kontakt zu den Partnern sowie die nachhaltige Qualitätskontrolle garantieren beides.

Das Unternehmen mit mittlerweile 350 Mitarbeitern erzielt aktuell einen Umsatz von 146 Millionen Euro. "Ich bin ein Freund organischen Wachstums", betont Wilhelm. Schritt für Schritt – genau so, wie Wilhelm im Jahre 2000 den Jakobsweg gegangen ist. Seine Entscheidungen trifft er nach dem Motto "Trust your instinct" – also: Vertraue deinem Instinkt, deiner Intuition. Seine Intuition, die positive Auftragsentwicklung und die stetig wachsende Nachfrage für Bio-Lebensmittel führten seit 2011 zu Investitionen in zwei neue Produktionslinien. Kernstück ist dabei die zweite Anlage für die Herstellung von Nussmusen und Schoko-Nuss-Cremes wie beispielsweise Samba.

Dafür mussten zunächst Umbauten am Parkdeck und am Gebäude für die zwei Produktionslinien Raum schaffen. Auch die Infrastruktur vor allem für die Erzeugung von Druckluft, Wasser und Strom musste erweitert werden: So ist die Kapazität zur Drucklufterzeugung jetzt um 50 Prozent erhöht.

Bei Rapunzel setzt man auf umweltschonende Technologien – die Fotovoltaikanlage des Standorts erzeugt die Hälfte des benötigten Stroms. Und so wird auch die neue Anlage umweltschonend betrieben. Für die Stromversorgung und -steuerung wurde eine neue Trafostation errichtet.

Die Produktionsanlage für Nussmuse und Schoko-Nuss-Cremes umfasst drei Bereiche: Im ersten werden die Zutaten für die jeweilige Nuss- oder Schokocreme gemischt. Im zweiten Abschnitt kommen Mühlen zum Einsatz, die für den besonderen Schmelz bei Schokoaufstrichen verantwortlich sind. Im dritten Schritt werden die Nussmuse und Cremes abgefüllt. Die neue Anlage ist beeindruckend schnell: Bis zu 32 000 Gläser können pro Schicht befüllt werden. Am Tag sind das rund 50 Tonnen Nussmus oder -creme.

Neben der Produktionslinie für Nussmuse wurde auch in die Abpackung von Müslis und Frühstücksbreien, Nüssen und Trockenfrüchten investiert, und zwar mit der Installation einer neuen Schlauchbeutelmaschine. Eine automatische Mehrkopfwaage und ein Schneckendosierer bringen je nach Produkt immer die richtige Menge in die Tüte. Die Maschine formt, verschließt und versiegelt die Beutel, anschließend werden sie über eine Kartonieranlage in Kartons gepackt. Ein vollautomatischer Palettier-Roboter packt zum Schluss die Kartons auf Paletten ab – bis zu 25 Paletten pro Stunde.

Bei den Bauarbeiten wurde auch der gläserne Besuchergang erweitert. Er ist jetzt 290 Meter lang und umfasst den gesamten Produktionsbereich inklusive der neuen Produktionslinien. Eine weitere Sehenswürdigkeit für Besucher ist das neue Wahrzeichen von Rapunzel: der 20 Meter hohe, begehbare Rapunzel-Turm. Er wurde ebenfalls 2014 fertig gebaut. Nach 90 erklommenen Treppenstufen hat man von oben einen guten Blick auf sämtliche Rapunzel-Gebäude, die Fotovoltaikanlage und bei gutem Wetter sogar auf die Allgäuer Berge.

Besuch ist bei Rapunzel immer herzlich willkommen – letztes Jahr kamen über 3 600 Gäste, von der Berufsschulklasse bis zu den Landfrauen. "Ein schöner, direkter Kontakt", erzählt Wilhelm mit einem Lächeln. Hier kämen viele Fragen und auch Anregungen: "Es ist ein ziemlich spannender Austausch." Und es sind nicht nur die Betriebsbesichtigungen, die Besucher anlocken: Die Kantine wird gerne von Gästen aus dem Umland genutzt, mit manchen von ihnen ist man schon bekannt. Filmabende, Vorträge, Kochevents und viele Veranstaltungen mehr werden sehr gerne und gut besucht. Und nicht zu vergessen: das große, zweitägige Eine-Welt-Festival auf dem Rapunzel-Gelände.

Offenheit und Austausch sind Wilhelm wichtig. Die Werte des Unternehmens haben sich seit der Gründung nicht geändert und so steht der wirtschaftliche Aspekt des Unternehmens nicht an erster Stelle. Es geht um gesamtgesellschaft­liche Veränderungen und dafür braucht es Dialog. Wilhelm ist überzeugt: "Die Menschheit kann sich Bio als Nische nicht leisten." Und er gibt zu bedenken: "Bio für alle? Da gibt es noch viel zu tun. Weltweit nimmt die Bio-Landwirtschaft ein Prozent der gesamten Landwirtschaft ein, in Deutschland sind es acht Prozent. Die 20 Prozent, die Renate Künast 2001 einforderte – davon sind wir noch sehr weit entfernt." Doch was tun? "Man muss sich mehr auf die Ursprünge besinnen", so Wilhelm. "Die Bio-Landwirtschaft hat einfach mehr Unterstützung verdient, man muss zusammenarbeiten."

››› Gabriele Storm

Kurz gefasst

  • Rapunzel ist einer der führenden Erzeuger, Hersteller und Vertreiber von biologischen Lebensmitteln.
  • Gegründet 1974 von Joseph Wilhelm und Jennifer Vermeulen
  • Produkte über 550
  • Mitarbeiter 350
  • Unternehmenssitz Legau / Allgäu