Chiasamen und Leinsamen

Quellfähig und reich an Omega-3-Fettsäuren und Ballaststoffen: von den großen Ähnlichkeiten zweier Samenarten, deren Heimat nicht weiter voneinander entfernt sein könnte.

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Ein großes Weltmeer und Tausende Kilometer liegen zwischen der Heimat von Chia- und Leinsamen. Und doch eint sie vieles: Beides sind kleine Samen mit nussigem Geschmack, vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten und vor allem einem ähnlichen Spektrum wertvoller Inhaltsstoffe. In ihren Ursprungsländern sind sie Altbekannte. Hierzulande kultivierten schon die Germanen den Leinsamen, allerdings vor allem seiner Fasern wegen. In der Ernährung pflegte er lange das Image von Krankenkost. Interessanterweise waren es dann die neu zu uns gekommenen Chiasamen, die sein Ansehen immens steigerten. Doch der Reihe nach:

Leinsamen

Die ältesten Leinfunde stammen aus dem Vorderen Orient und werden auf circa 6.000 bis 8.000 vor Christus datiert. Archäologen entdeckten sowohl die Samen in ihrer Wildform als auch textiles Gewebe. Schließlich verpackten schon die alten Ägypter ihre Mumien in Leinenstoff. Überhaupt stand Faserlein – Flachs genannt – lange Zeit im Mittelpunkt des Anbaus, die ölhaltigen Samen waren vermutlich zunächst nur ein Nebenprodukt. Auch weil die reifen Kapseln aufsprangen, sich verteilten und eine Ernte sehr beschwerlich war. Heutiger Lein ist Schließlein – das Ergebnis von Auslese –, seine Kapseln bleiben geschlossen.

Was sich außerdem noch entscheidend änderte: Der Flachs hat seit dem ausgehenden Jahrhundert an Bedeutung verloren; Baumwolle und Co. haben ihm den Rang als Textilfaser Nummer eins abgelaufen. Sprich: Sieht man heute Lein auf den Feldern, so ist es vor allem der Öllein. Ein einjähriges Kraut von 60 bis 100 Zentimeter Höhe. Hübsch anzusehen mit seinem rispenartigen Blütenstand, an dem über Wochen immer wieder hellblau-violette Blüten leuchten. Aus ihnen entwickeln sich kugelrunde Gebilde, die sechs bis sieben kleine Samen umschließen – je nach Sorte in brauner oder goldgelber Farbe.

Diese Samen enthalten etwa 30 bis 40 Prozent Öl, ein beachtlicher Teil davon in Form mehrfach un­gesättigter Omega-3-Fettsäuren. Ebenso herausragend ist der hohe Ballaststoffgehalt von circa 30 Gramm je 100 Gramm Leinsamen. Diese sind schleimbildend und quellfähig – daher immer die Empfehlung, Leinsamen mit reichlich Flüssigkeit zu verzehren. All diese wertvollen Inhaltsstoffe verbergen sich unter der harten Schale des Samens, daher ist gründliches Kauen unerlässlich. Oft sogar noch besser: Leinsamen vor dem Verzehr quetschen, schroten oder mahlen. So passt er ins Müsli, in Brot und Brötchen, zu Kartoffeln, Quark und vielem mehr.
 

Chiasamen

Die Chiapflanze ist ein Salbeigewächs, deren Ursprung man in Mexiko und Guatemala vermutet. Dort, und mittlerweile auch in anderen südamerikanischen Ländern wie Peru, Bolivien oder Argentinien, wächst die Pflanze bis zu zwei Meter hoch. Dafür benötigt sie viel Sonne, Wärme und ausreichend Feuchtigkeit – ein erwerbsmäßiger Anbau in unseren Breitengraden wäre nicht wirtschaftlich. Für bescheidene und nicht auf Ertrag angewiesene Hobbygärtner ist die Chiapflanze aber durchaus spannend. Denn mit etwas Glück – in Form eines langen, feuchtwarmen Sommers ohne große Wetterkapriolen – und der zeitigen Voranzucht auf einer wohltemperierten Fensterbank, kann man Chiasamen auch im eigenen Garten anpflanzen. Die Bienen würden es danken, denn die violette Blüte ist bei ihnen sehr beliebt. Doch liegt nicht im Zierwert oder der Insektennahrung die weltweite Bedeutung der Chiapflanze. Ihre – je nach Sorte – weißen, grauen oder braunen Samen sind es, die sie hierzulande so populär machen.

Interessanterweise gibt es viele Parallelen zum Leinsamen. So sind auch Chiasamen sehr ölhaltig und haben einen hohen Anteil an mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren. Ebenso sind sie eine bemerkenswerte Ballaststoffquelle mit hohem Quellvermögen. Verrührt man Chiasamen mit Wasser, einem Getreidedrink oder anderer Flüssigkeit, ergeben sie ein Gel – perfekt für Smoothies oder Backwaren beispielsweise.

Was Chia aber von Leinsamen unterscheidet, ist ein Pflichthinweis, den jede Chiasamen-Verpackung tragen muss: "Die tägliche Aufnahme darf 15 Gramm nicht überschreiten." Denn die kleinen südamerikanischen Samen kamen nach Inkrafttreten der Novel-Food-Verordnung zu uns: Jedes Lebensmittel, welches vor Mai 1997 hierzulande nicht in einem nennenswerten Umfang verzehrt wurde, muss ein aufwendiges EU-Zulassungsverfahren durchlaufen. So auch die Chiasamen, für die von den Kontrollbehörden ein Grenzwert festgelegt wurde, der als gesundheitlich unbedenklich gilt. Diese 15 Gramm sind, nebenbei gesagt, auch völlig ausreichend, um den Speiseplan mit wertvollen Fettsäuren und Ballaststoffen anzureichern – was natürlich genauso für den heimischen Leinsamen gilt.