30.01.2014

Saatgutvermehrung

Noch bis vor einem halben Jahrhundert war es auch bei uns üblich, dass Landwirte einen Teil ihrer Ernte zurückbehielten, um es als Saatgut in der nächsten Saison wieder auszusäen. Doch Sortenschutzgesetze, Hybridzüchtungen und Agro-Gentechnik machen dies heute bei vielen Kulturen unmöglich. Lesen Sie hier, wie Bauern weltweit bei der Saatgutvermehrung in eine maximale Abhängigkeit der Agro-Industrie geraten sind.

Saatgutvermehrung

Über Jahrtausende war es Tradition, dass Landwirte ihr Saatgut selbst vermehren: Sie behalten am Ende der Anbausaison einen Teil ihrer Ernte zurück, um diesen in der nächsten Saison wieder auszusäen. Dies bezeichnet man als Nachbau. Seit allerdings eine ganze Industrie von der Saatgutproduktion lebt, schränken nationale und internationale Sortenschutzgesetze das Recht der Bauern auf Nachbau deutlich ein. Seit vielen Jahren müssen deutsche Landwirte deshalb für den Nachbau von eingetragenen Sorten Lizenzgebühren an die Saatgutzüchter entrichten. Lediglich freie Sorten, die nicht in der Bundessortenliste geführt werden, dürfen lizenzfrei vermehrt werden.

Patente auf dem Vormarsch
Obendrein ist bei vielen Sorten ein Nachbau gar nicht mehr möglich. Denn was die konventionelle Saatgutindustrie zum Großteil verkauft, sind Hybridzüchtungen, entstanden aus jeweils gezielten Kreuzungen einmaliger Züchtungslinien. Diese sogenannten "Hochertragssorten" liefern in Kombination mit synthetischen Düngern und Pestiziden hohe Erträge. Allerdings nur bei der ersten Aussaat. Versucht ein Landwirt Hybridsorten durch Nachbau erneut auszusäen, muss er mit gravierenden Einbußen an Ertrag oder Qualität rechnen.  Durch diese "biologische Quasi-Patentierung" sichern sich die Saatgutkonzerne dauerhaft ihre Kundschaft, denn für zufriedenstellende Ernten muss der Bauer sein Saatgut jedes Jahr neu kaufen. Für genveränderte Pflanzen gilt dies ohnehin, denn diese sind im juristischen Sinne tatsächlich patentiert und Zuwiderhandlungen gegen diesen Patentschutz verfolgt die Saatgutindustrie auf juristischem Wege.

Kleinbäuerliche Wirtschaftsweise bedroht
Besonders dramatisch sind die Auswirkungen der internationalen Regelungen in Entwicklungsländern mit kleinbäuerlicher Subsistenzlandwirtschaft.  Weltweit sind rund 1,4 Milliarden Menschen auf den freien Tausch von Saatgut angewiesen. Für sie sind lokal angepasste Sorten und eine große Vielfalt wichtig; nur so passen die Pflanzen optimal zu den jeweiligen Böden und dem Klima. Große kommerzielle Züchter dagegen haben kein Interesse an dieser Vielfalt, denn sie ist nicht mit dem Massenmarkt kompatibel. Vielmehr sind die Agrar-Konzerne darauf bedacht, ihre Monopolstellung weiter auszubauen, damit Landwirte weltweit zum Kauf der wenigen verfügbaren industriellen Saatgutsorten gezwungen sind.

Saatgut ist Kulturgut
Biologische Züchter gehen einen anderen Weg. Sie bemühen sich, alte Sorten zu erhalten. Dabei handelt es sich  um samenfeste Sorten, die von Landwirten selbst vermehrt werden können. Da aber viele der alten Sorten in Vergessenheit geraten und kaum noch zu haben sind, sind umfangreiche Erhaltungszüchtungen nötig. Auch an Neuzüchtungen arbeitet die Biobranche: In den letzten 20 Jahren kamen allein mit Hilfe der Zukunftsstiftung Landwirtschaft  über 50  biologische Gemüse- und 25 Getreidesorten auf den Markt . Erklärtes  Ziel biologischer Züchter ist es, Saatgut wieder als Kulturgut für alle verfügbar zu machen.