Verlorene Vielfalt

Schon heute sind in manchen Supermärkten nur noch fünf Apfelsorten erhältlich – von ehemals über 2.500. Durch das Abholzen von Urwaldflächen, durch Monokulturen, durch sogenannte Hochleistungszüchtungen und durch das Ausbringen von Pestiziden ist ein Großteil unserer Vielfalt für immer verloren. Lesen Sie hier, was getan werden muss, um den weiteren Verlust an Vielfalt zu stoppen.

Züchtung Saatgutvermehrung

Laut Weltökonomiestudie der Vereinten Nationen (UN) aus dem Jahre 2005 deckt die Menschheit heute einen Großteil ihres Nahrungsbedarfs aus lediglich zwölf Pflanzensorten und 14 Tierarten. Von ehemals 7.000 bis 8.000 Arten, die in 10.000 Jahren Landwirtschaft vom Menschen genutzt wurden, werden heute nur noch 150 angebaut.

  • Beispiel Weizen: Von ehemals 1.000 Sorten werden in Deutschland nur noch 30 angebaut.
  • Beispiel Apfel: Gab es im 19. Jahrhundert noch mehr als 2.500 Sorten, so sind heute nur noch 15 marktüblich – in manchen Supermärkten kann der Kunde meist sogar nur zwischen fünf Sorten wählen.
  • Beispiel Kohl: Bei konventionellem Blumenkohl und Brokkoli gibt es am Markt fast nur noch Hybridzüchtungen, die nicht vermehrungsfähig sind.  Alte Kohlsorten, deren Form und Farbe vom Standard-Supermarkt-Blumenkohl abweichten, die dafür aber einen besonderen Geschmack haben, gibt es im konventionellen Handel nicht mehr.

Besonders schlimm beeinflusst diese Entwicklung Schwellenländer: Gab es beispielsweise in Indien vor 50 Jahren noch rund 50.000 Reissorten, werden dort heute nur noch etwa 40 angebaut. Dabei sind traditionelle Sorten stets besser an die lokalen Bedingungen angepasst als hochgezüchtete Arten aus den Labors. Indische Weizensorten etwa reagieren auf Dürre, indem sie ihre untersten Blätter abwerfen und so den Boden vor Austrocknung schützen. Hochleistungsweizen dagegen verbraucht Unmengen Wasser, denn ihm fehlt die Anpassungsfähigkeit an Klimaextreme.

Sortenarmut durch Gentechnik
Agro-Gentechnik reduziert Vielfalt in besonderem Maße. Zum einen, weil die Industrie wegen der enormen Entwicklungskosten („Konzentrationsprozesse verhindert Vielfalt“)  nur einige wenige Sorten auf den Markt bringt und ein Interesse daran hat, dass alte Sorten verschwinden; zum anderen führen transgene Pflanzen auf dem Feld zum Rückgang von Vielfalt, weil sie mit  Breitbandherbiziden gespritzt werden und bestimmte Sorten obendrein selbst Insektengifte produzieren. Studien der Farm Scale Evaluation in England haben gezeigt, dass der Anbau von herbizidresistenten transgenen Raps und Zuckerrüben die Anzahl der Wildkräuter, Schmetterlinge und Bienen im Vergleich zum konventionellen Anbau verringert. Und Modellrechnungen lassen befürchten, dass durch den Anbau transgener Zuckerrüben die Feldlerche innerhalb von 20 Jahren ausstirbt, weil die auf die Futterpflanze gesprühten Breitbandherbizide tödlich sind für den Vogel, der auf den Feldern nistet.

Aufwendige Rettungsversuche
90 Prozent aller Kulturpflanzenarten sind verloren gegangen. Laut UN verschwinden jedes Jahr rund 50.000 Tier- und Pflanzenarten – das ist 100-mal mehr als in jeder anderen Epoche der geologischen Geschichte der Erde. Um den globalen Gen-Schwund zumindest teilweise aufzuhalten, werden alte und seltene Sorten in Genbanken eingelagert. Weltweit gibt es über 410.000 Proben. Doch in den Genbanken können die alten Kulturpflanzen lediglich konserviert, nicht aber weiterentwickelt werden. Dafür sind aufwendige Erhaltungszüchtungen nötig. Insbesondere biologische Züchter in Europa versuchen, dem Verlust von Vielfalt entgegenzuwirken. Dies erfordert jahrzehntelange Arbeit, die zunichte gemacht würde, wenn sich Agro-Gentechnik auch in Europa ausbreitet.