Bedrohte Vielfalt

Der Einsatz von Pestiziden in den Agrar-Monokulturen hat in den letzten Jahrzehnten zu einem dramatischen Rückgang der Arten geführt. Erklärtes Ziel der Agro-Gentechnik ist es, in ein paar Jahren möglichst nur noch patentierte, transgene Pflanzen auf dem Markt zu haben.

Artenvielfalt

Viele wild lebende Tiere und Pflanzen sind auf den Lebensraum Acker angewiesen sind, um eine überlebensfähige Populationsgröße aufrecht zu erhalten. Ist die Vielfalt auf den Äckern gering, fehlt es anderen wild lebenden Arten an Nahrung.

Sortenarmut in der industriellen Landwirtschaft
In der konventionellen Landwirtschaft werden in großer Menge Agrochemikalien eingesetzt, um die Bedingungen der auf Höchstleistung gezüchteten Kulturpflanzen wie Mais, Weizen, Raps und Baumwolle zu verbessern. Dies reduziert die biologische Vielfalt erheblich – bei Pflanzen und Lebewesen. So werden durch Pestizide die meisten der rund 750 auf Getreidefeldern vorkommenden Insektenarten eliminiert, obwohl nur etwa 75 Arten einen ökonomischen Schaden verursachen können. Auch sogenannte „Unkräuter“ stören die auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Agro-Industrie. Werden diese weggespritzt, stirbt auch ein Teil Leben.

Genormtes Einerlei statt Geschmack
In den letzten 50 Jahren haben bei der konventionellen Züchtungsarbeit Geschmack und Vielfalt so gut wie keine Rolle gespielt. Das hat zu einer bedauernswerten Sortenarmut geführt. Vielerorts gelangen nur noch jene Pflanzen zur Aussaat,  die maximale Ernteerträge versprechen. Dabei geraten jene Sorten ("Verlorene Vielfalt") in Vergessenheit, die einzigartig sind in Geschmack und Aussehen oder optimal auf bestimmte regionale Lebensräume angepasst.

Vielfalt schützt vor Schädlingen
Monokulturen sind anfälliger für Schädlinge und Krankheitserreger, weil diese sich dort leicht ausbreiten können. Um die Risiken weiß man schon aus einer Zeit, in der die Industrialisierung der Landwirtschaft noch gar nicht begonnen hatte. Zwischen 1845 und 1848 starben in Irland eine Million Menschen, weil die Bauern dort vor allem Kartoffeln anbauten – und obendrein nur eine Handvoll unterschiedlicher Sorten. Das führte dazu, dass sich der damals wahrscheinlich aus Mexiko eingeschleppte Pilz Phytophthora infestans problemlos ausbreiten konnte und so einem ganzen Land die Ernährungsgrundlage entzog. Die Hungersnot zwang viele Iren zur Auswanderung.

Je höher die Anzahl der angebauten Kulturpflanzenarten, desto reicher ist die umliegende Flora und Fauna und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Schädlinge sich allzu sehr vermehren. Dennoch setzt die konventionelle Agrar-Industrie weiter auf Mono-Kulturen. Sie glaubt, Schädlinge mit Pestiziden beherrschen zu können. Dass dies häufig nicht funktioniert, zeigen zahlreiche Beispiele:

  • 1919 vernichtet der Baumwoll-Kapselkäfer im US-Bundesstaat Alabama die gesamte Ernte. Immerhin brachte das die Farmer zu einer Abkehr von der Baumwoll-Monokultur und einem Mischanbau von Erdnüssen, Zuckerrohr, Mais und Kartoffeln – bei guten Gewinnen; die Stadt  Enterprise in Alabama setzte dem Käfer deshalb sogar ein Denkmal – das einzige weltweit für einen Pflanzenschädling.
  • 1970 und 1971 wurde in einigen US-Bundesstaaten mehr als die Hälfte der Ernte von Hybrid-Mais durch Mehltau vernichtet
  • 1997 führte das immer wieder auftretende Klimaphänomen El Niño im US-Bundesstaat Idaho zu einem sehr feuchten Sommer. Auf 80 Prozent der dortigen Felder wächst eine einzige Sorte: Russet Burbank, die vor allem bei der Pommes-Industrie gefragt ist. Mit dem Regen durch El Niño breitete sich die Kartoffelfäule innerhalb der Monokultur rasch aus.
  • 2008 warnt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) vor der Ausbreitung aggressiver Getreiderost-Pilze. Laut FAO sind 80 Prozent aller Weizensorten, die in Asien und Afrika angebaut werden, anfällig für diesen Schädling.

Im Gegensatz zu Monokulturen erhöht eine große Vielfalt an Arten und Sorten die Wahrscheinlichkeit, dass nicht die gesamte Ernte von Schädlingen oder Krankheitserregern befallen oder gar zerstört wird. Und das Beste daran: Diese Vielfalt kostet im Gegensatz zu den „Lösungen“ der Agro-Industrie nichts – die Natur bietet sie zum Nulltarif.

Gentechnik gefährdet Vielfalt
Die Agro-Gentechnik ist der letzte und unumkehrbare Schritt einer Entwicklung in Richtung sterbende Vielfalt. Sie führt zu einem Strukturwandel in der Saatgutbranche. Die in Indien wie Europa oder Amerika identischen transgenen Pflanzen nehmen keine Rücksicht auf klimatische Besonderheiten oder verschiedene Böden. Dies führt mittelfristig nicht - wie von der Agro-Industrie als Vorzug der Gentechnik versprochen – zu weniger Spritzmitteleinsatz, sondern zwangsläufig zu einem vermehrten Einsatz an Pestiziden und Kunstdünger, da transgene Pflanzen ein Einheitsprodukt sind, das auf regionale Besonderheiten wie Klima und Böden keine Rücksicht nimmt. Auch ist das Risiko groß, dass diese wenig anpassungsfähigen Einheitspflanzen nicht mit den zunehmenden Wetterkapriolen klarkommen. Dann drohen Ernteausfälle und Hunger.

Unkalkulierbare Risiken
Die Risiken, welche das Ausbringen transgener Pflanzen in die Natur mit sich bringt, sind nicht abschätzbar. Zum einen fehlen Langzeituntersuchungen; zum anderen können sich GVO in der Natur vermehren – mit ungeahnten Folgen für das Ökosystem. Es gilt, den Reichtum der Natur in seiner faszinierenden Vielfalt von Arten und Sorten zu erhalten. Dafür braucht es eine Landwirtschaft ohne Gentechnik.

Percy Schmeiser, kanadischer Rapsbauer und Träger des Alternativen Nobelpreises, über Agro-Gentechnik:

„Sie hier in Deutschland haben noch eine Wahl.
Bei uns in Kanada gibt es keine Koexistenz mehr.
Alles ist verseucht. Wenn ein Farmer damit
anfängt, kontaminiert er alle Nachbarn –
auch die, die entfernt leben.“