Schwierige Ko-Existenz: Gentechnik und Bio

Bio-Lebensmittel sind per Definition ohne Gentechnik hergestellt. Doch Bio-Äcker lassen sich nicht mit einer Glasglocke schützen. Was die Bio-Branche tut, um ungewollte Kontaminationen mit GVO zu minimieren.

Koexistenz Bio und Gentechnik

Bio-Landwirte, -Hersteller und –Verarbeiter lehnen Grüne Gentechnik rundweg ab. Neben den nicht kalkulierbaren Risiken für Mensch, Tier und Natur gibt es dafür vier weitere wichtige Argumente:

  1. Agro-Gentechnik bringt keine Vorteile - denn die über Jahrtausende erprobten traditionellen Zucht- und Anbaumethoden ermöglichen auch langfristig eine nachhaltige Ernährung der Weltbevölkerung;
  2. Agro-Gentechnik führt zum Oligopol einiger weniger Agrarkonzerne – mit schon heute negativen sozialen wie ökonomischen Folgen für Landwirte, insbesondere in Entwicklungsländern;
  3. Agro-Gentechnik verhindert die Wahlfreiheit der Verbraucher – mittelfristig lässt sich das Ausbreiten von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) nicht verhindern.
  4. Agro-Gentechnik bedroht die Vielfalt – denn wenn nur noch einige wenige patentierte Genpflanzen angebaut werden, steht die Sortenvielfalt auf dem Spiel, die Landwirte in den mehr als 10.000  Jahren Landwirtschaft kultiviert haben.

Bio ist ohne Agro-Gentechnik
Bio-Betriebe verzichten vollständig auf „Grüne Gentechnik“. Dies gilt sowohl für den Pflanzenbau als auch die Futtermittel und sämtliche Verarbeitungsprozesse. Zwar erlaubt die EU-Öko-Verordnung seit 2009 theoretisch mit GVO hergestellte Produktzusätze und Hilfsstoffe wie Enzyme, Zusatzstoffe und natürliche Aromen, wenn diese nachweislich nicht in GVO-freier Qualität am Markt vorhanden sind. Doch dies trifft derzeit auf keinen einzigen dieser Stoffe zu, sodass der gesamte Lebensmittelkreislauf bei Bio-Betrieben ohne Einsatz von Gentechnik stattfindet. Allerdings sind auch Biolandwirte vor unbeabsichtigten und nicht vermeidbaren Verunreinigungen durch GVO nicht gefeit.

Strenge Kontrollen zur Sicherheit der Verbraucher
Bio-Landwirte und Verarbeiter betreiben einen enormen Aufwand zur Qualitätssicherung. Denn den Nachweis, dass ihre Produkte ohne Einsatz von GVO hergestellt sind, müssen Hersteller und Verarbeiter erbringen. Nur so können sie im Falle einer ungewollten Kontamination (z.B. durch Pollenflug auf dem Transportwege oder bei der Lagerung) frühzeitig reagieren. Nach Studien des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) müssen Mais verarbeitende Unternehmen fünf bis zehn Prozent ihres Umsatzes für Untersuchungen verwenden, die unbeabsichtigte GVO-Verunreinigung ausschließen; bei Raps sind es sogar bis zu 41 Prozent. Diese Kosten tragen jene, die eigentlich keine Gentechnik wollen. Damit stellt das geltende Gentechnikgesetz das Verursacherprinzip auf den Kopf. Der BÖLW listet in seinem „Schadensbericht Gentechnik“ die weltweiten Folgen der Agro-Gentechnik auf.

Schon hunderte Fälle gentechnischer Kontaminationen
Beispiel Bio-Raps ─ in Kanada kann er schon nicht mehr angebaut werden. Sämtliches Saatgut ist verunreinigt, weil genmanipulierter Raps das Erbgut von bislang herkömmlich angebautem Raps kontaminiert hat. In den USA sind bis zu 83 Prozent des Saatgutes von Mais, Raps und Soja gentechnisch kontaminiert. Doch auch in Europa ist die Vielfalt bedroht. In den Genmais-Gebieten Spaniens ist der Anbau von Bio-Mais um 75 Prozent zurückgegangen, weil für die Bio-Bauern die Gefahr zu groß ist, dass ihre Ernte mit genmanipuliertem Mais kontaminiert wird. Breiten sich genveränderte Organismen (GVO) auch in Europa weiter aus, ist die Wahlfreiheit der Verbraucher zunehmend bedroht.

Unsere Vielfalt ist bedroht
Selbst Bioprodukte sind gefährdet – durch Windeintrag oder auf dem Transportwege. Mehrfach wurden in Lieferungen von Bio-Baumwolle oder Mais und Reis geringe Spuren von gentechnisch verändertem Erbgut gefunden, weil die Waren auf dem Transport- oder Verarbeitungswege mit GVO in Kontakt kamen. GenWatch und Greenpeace UK haben ein Kontaminationsregister erstellt, in dem seit Beginn der kommerziellen Nutzung von Agro-Gentechnik laufend neue Daten eingepflegt werden. Allein für 2010 sind mehr als 20 Fälle aufgelistet – selbst in Österreich, obwohl dort seit 1997 ein vollständiges Verbot für Anbau, Produktion, Import oder Verkauf gentechnisch veränderter Lebensmittel besteht.

Wollen wir unsere Vielfalt erhalten, bleibt für Europa wohl nur ein vollständiges Verbot von Agro-Gentechnik oder eine rigorose Auslegung des Verursacherprinzips bei Kontaminationen durch GVO.