Tierisch gute Therapien

Verena kann nun über den Zaun beim Schweinegehege klettern. Nach einem Schädel-Hirn-Trauma hat sie dafür ein Jahr lang trainiert. Warum das ein Erfolg ist? Weil sie jetzt auch auf einen Stuhl steigen kann, um die Glühbirne zu wechseln. Den Schweinen vom Risthof sei Dank.

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Wenn Verena sagt, sie ist heute froh, dass sie vor drei Jahren einen schweren Autounfall hatte, dann klingt das überraschend, aber ziemlich ehrlich. Mit einem Eimer voller Körner steht sie im Hühnerauslauf und gibt dem Federvieh sein Frühstück. "Gott sei Dank ist der Hahn weg", sagt sie und lacht. "Vor dem hatte ich schon ein wenig Schiss." Das lag nicht nur daran, dass der sein Revier verteidigen wollte, sondern auch daran, dass Verena noch bis vor rund einem Jahr nicht schnell laufen oder sich überhaupt normal bewegen konnte. Der Autounfall hat bei der damals 17-Jährigen zu einem schweren Schädel-Hirn-Trauma geführt. Dadurch ist sie fast halbseitig gelähmt.

Verena erhielt die Prognose, wohl nicht mehr arbeiten gehen zu können. Seit rund zwei Jahren arbeitet Verena trotzdem wieder: zwar nicht mehr als Töpferin, dafür nun auf dem Risthof in Immenstadt im Oberallgäu. Fünfmal pro Woche kommt sie für drei Stunden und versorgt sämtliche Tiere, vom Huhn bis zu den Pferden. Dass sie ihren neuen Job liebt, hat vor allem etwas mit Frida und Mathilda, den beiden Minischweinen, zu tun. Jeden Morgen bekommen sie neben ihrer Futter- auch eine Streichelration und grunzen zufrieden, wenn man sie hinter den Ohren krault.

Dass Verena die Streicheleinheiten für die Tiere austeilen kann, ist nicht selbstverständlich. Zum Schweinegehege gibt es nämlich keine Tür. Wer hinein will, muss erst über einen kleinen Zaun klettern. Auch Minischweine können schon mal zubeißen, wenn ihnen etwas nicht passt. Verena hat es nicht gepasst, dass sie die Schweine anfangs nicht versorgen konnte. "Da drüberzusteigen, das habe ich körperlich nicht geschafft", erzählt sie. Jetzt klappt es. Nach über einem Jahr Training. Sie kann nicht nur über den Schweinezaun klettern, sondern etwa auch auf einen Stuhl, um an die obersten Fächer ihrer Schränke zu gelangen. "Auch wenn das Ziel ›über einen Zaun klettern‹ absurd klingen mag, hat das eine hohe Alltagsrelevanz. Letztendlich geht es darum, selbstständiger leben zu können", sagt Veronika Rist. Sie ist Geschäftsführerin, Ergo- und Reittherapeutin auf dem Risthof.

Neben Verena werden hier Patienten aus der ganzen Umgebung behandelt, vom Säugling bis zum Rentner. Die Dia­gnosen sind unterschiedlich: Lernschwierigkeiten, Multiple Sklerose, Autismus, Depressionen, Unfallverletzungen. All diesen Patienten sollen Tiere bei der Therapie helfen. Zum einen, weil die Motivation höher ist, zum anderen, weil Tiere auch einiges können, was ein herkömmliches Übungsgerät nicht schafft.Wenn jemand seinen Arm nicht mehr bewegen kann, weil der Impuls vom Gehirn zu den Armmuskeln nicht mehr ankommt, hilft eines der 17 Pferde und Ponys. Die Tiere haben im Schritt den gleichen Rhythmus wie der Mensch und bewegen so den Körper des Reiters in alle Richtungen mit. Ohne selbst eine Übung auszuführen, kommt der Körper durch die Bewegung des Pferdes in Schwung. Wenn etwa ein Arm steif ist, wird er durch den Schwung des Pferdes mitbewegt. Rist erklärt: "Das Gehirn braucht rund 20 Minuten den gleichen Reiz, um neue Synapsen zu bilden. Die Bewegung, auch wenn sie nicht aktiv gesteuert wird, kommt als Impuls beim Gehirn an. So lernt der Mensch irgendwann, selber wieder diese Bewegung auszuführen." Bei Verena hat das geklappt.

Tierische Therapie Ponyreiten

Und auch Max macht Fortschritte.

Er ist sieben Jahre alt, schüchtern, kann schlecht reden und hinkt in seiner Entwicklung Gleichaltrigen hinterher. Das ist Max, wie er von anderen oft beschrieben wird, sagt seine Mutter. Er kam mit einem schiefen Hals zur Welt, sieht sehr schlecht, hat Probleme mit den Buchstaben "K" und "G" und kann seine Bewegungen nicht so gut koordinieren. Max macht eine tiergestützte Sprachtherapie. Statt Gymnastikball und Buntstiften hilft Blacky bei den Übungen. Was das Pony mehr kann als Stift und Ball? Zum Beispiel Max’ kleinen Körper bewegen, ohne dass er dafür aktiv etwas tut. Durch den Gang des Tieres richtet sich der Rücken auf, der Gleichgewichtssinn wird geschult. Allein durch das Sitzen auf dem Pferd. Neben Blacky hat Max auch schon einige der anderen Tiere kennengelernt. Frida und Mathilda zum Beispiel – die zwei Minischweine. Für sie macht er manchmal Schweine-Fraß. Mit einem Schraubenschlüssel bohrt er kleine Löcher in Kohl und Möhren und fädelt sie an einer Schnur auf, dann hängt er sein Werk in den Stall. Das macht die Schweine satt und Max hat seine Fingerfertigkeit und Feinmotorik geschult. Dafür könnte er zwar auch etwas basteln, gegen echtes Werkzeug und zwei grunzende Schweine kommen Schere und Kleber aber nicht an. Das sieht er genauso wie Verena: Mit Schweinen trainiert sich’s leichter.

››› Gastbeitrag Magdalena Fröhlich, Bioland e.V.

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