Streicheltechnik statt Chemikalien

Früher liefen die Gärtner mit Schutzanzügen durch die Gewächshäuser, jetzt will sich die Heidelberger Stadtgärtnerei bio-zertifizieren lassen. Damit ist sie die erste in Deutschland überhaupt. Wolfgang Morr, Betriebsleiter, und Martin Geißler, geschäftsführender Berater, erklären, warum.

Platzhalter

So eine Stadtgärtnerei verkauft doch nichts. Warum wollen Sie trotzdem das EU-Bio-Siegel an Ihren Gewächshäusern?

Geißler: Klar verkaufen wir keine Pflanzen, wir wollen ja keine Konkurrenz zu den anderen Gärtnern sein. Das war schon so, als wir noch gar nicht an Bio dachten. Dass Heidelberg auf Bio setzt, hat der Stadtrat vor ein paar Jahren beschlossen, bis Jahresende wollen wir die EU-Bio-Zertifizierung geschafft ­haben. Wir spritzen nicht mehr mit chemisch-synthetischen Pestiziden, verwenden keinen Kunstdünger und schauen auch sonst, dass alles möglichst nachhaltig ist. Wenn wir dabei glaubwürdig sein wollen, müssen wir uns auch bio-zertifizieren lassen. Und wenn die Leute sehen: Ach, hier sieht es ja schön aus, dann lassen sie vielleicht auch daheim im Garten die Giftkeule weg.

in der Heidelberger Stadtgärtnerei

Hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?

Morr: Ja. Ohne Pestizide brauchen wir jetzt keine Vollschutzanzüge mehr. Früher sind wir fast wie Astronauten mit einer Maske durch die Gewächshäuser gelaufen. In einem Gewächshaus ist der Luftaustausch geringer als im Freiland. Die Arbeit mit Pflanzenschutzmitteln ist dadurch für die Mitarbeiter schwieriger und unangenehmer. Mit Bio ist das nun viel besser. Dazu kommt noch: Die Stadtgärtnerei ist schon sehr alt. 1976 hat sie die Stadt von einer Privatperson gekauft. Nach so vielen Jahren bilden sich Resistenzen – man braucht also immer mehr Chemie. Das ist jetzt vorbei.

Sie lassen einfach nur die Chemie weg und es funktioniert trotzdem? Das müssen Sie genauer erklären.

Morr: Wir ersetzen Gifte durch natürliche Ressourcen: Licht, Wasser, Temperatur – und auch durch mechanisches Arbeiten. Wir brechen beispielsweise manchmal die Blüten im Winter aus, damit etwa die Stiefmütterchen rechtzeitig zur Auspflanzung im Frühjahr blühen; manche konventionellen Pflanzen sind so behandelt, dass bei ihnen zu frühes Blühen nicht passieren würde. Und wir haben in neue Gewächshaustechnik und Pflanztische investiert, bei denen das Wasser gut abfließen kann und die Luft besser zirkuliert. So vermeiden wir Staunässe und damit Pilzbefall. Oder: Vielleicht haben Sie sich schon einmal gewundert, dass Zier- anders als viele Wildpflanzen meist einen kurzen Stängel, dafür aber sehr kompakte Blüten haben. Im konventionellen Pflanzenbau verwendet man dafür chemische Halmverkürzer. Wir steuern dies stattdessen über die Düngung und entsprechende Belüftung. Andere, größere Betriebe nehmen dazu eine Streichelmaschine. Die ist aber sehr teuer.

Sagten Sie Streichelmaschine?

Morr: Ja, das ist ein Gerät mit einer Art Lappen dran, der sanft über die Pflanzen fährt. So, wie das auch der Wind in der Natur macht. Das bewirkt, dass die Pflanzen keine langen Stängel bilden – und damit nicht so leicht umknicken.

Wie kommen Sie denn überhaupt an die ganzen Bio-Zierpflanzen? Die gibt’s ja nicht gerade an jeder Ecke.

Geißler: Bei den Jungpflanzen hatten wir Glück: Ein Lieferbetrieb hat extra unseretwegen ein Bio-Sortiment aufgebaut. Einige Pflanzen, wie zum Beispiel unsere Palmen, vermehren wir selbst. Hier ernten unsere Auszubildenden im Zierpflanzenbau die Samen und vermehren sie so. Diese Pflanzen sind zum Teil schon 40 Jahre alt. Am schwierigsten ist es aber, an gute Bio-Erde zu kommen, die frei von Verun­reinigungen ist. Und an neue Mitarbeiter. Wir suchen ständig Azubis.

Es muss also keiner auf seinen Ficus benjamini im Rathausbüro verzichten?

Morr: Genau. Das gibt’s alles auch in Bio.

Ist Bio eigentlich kostengünstiger?

Morr: Kaum. Wir sparen zwar Geld, weil wir keine Giftkeulen mehr einsetzen müssen, dafür haben wir mehr Arbeit, die von Hand erledigt werden muss. Wenn man beispielsweise eine Wiese mit Wildblumen aussäen will, dann kann man die Samen nicht in eine Maschine geben, weil sie unterschiedlich groß sind. Und statt Unkräuter totzuspritzen, müssen wir von Hand hacken. Bio hat aber – abgesehen vom Umweltschutz – noch einen weiteren wesentlichen Vorteil: Die Arbeit macht ohne Schutzanzug mehr Spaß und ist viel abwechslungsreicher.

››› Gastbeitrag Magdalena Fröhlich, Bioland e. V.