Sandra und ihre Schafe

Sie könnte studieren und einmal einen gemütlichen Bürojob haben. Die 25-Jährige hat sich aber für ein Leben als Schäferin entschieden.

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"Melle, melle, melle." Sandra Sanner ruft und pfeift. "Melle, melle." Es klingt melodisch. Sie steht am Zaun und versucht, ihre Schafe heranzulocken. Wenn Fremde dabei sind, trauen sich die Tiere nicht so recht. Sie stehen einfach da und starren uns an. Interessiert, aber abwartend. "Sie haben genug zu fressen, deshalb sehen sie nicht ein, warum sie sich bewegen sollten", sagt die 25-Jährige.

Wenn die Herde das Gras heruntergefressen hat, wird Sanner den Zaun ein Stück versetzen. So wandern die Schafe mit der Zeit über die Wiese. Mit Wanderschäferei quer durchs Land hat das wenig zu tun. Die Weide, 18 Hektar sind es alles in allem, liegt in einem Naturschutzgebiet in der Nähe von Wesel in Nordrhein-Westfalen. Bioland-Schäfer Achim Koop, Sandra Sanners Chef, hat das Gebiet gepachtet. In der Dingdener Heide hält er weitere Herden.

Sandra Sanner fährt oft mit dem Auto zwischen den Herden hin und her. Zeit, sich ins Gras zu legen, hat sie nicht. Von wegen beschauliches Schäferleben. Es gibt immer etwas zu tun: Zäune verschieben, Wasser heranschaffen, kranke Tiere einpacken und auf den Hof in den Stall bringen. Und im Winter muss die zierliche Frau Futter heranschleppen. Die meisten Tiere bleiben zwar draußen, aber die Neugeborenen und ihre Mütter kommen in den Stall. "Das Ganze ist körperlich schon anstrengend, aber ich möchte das machen, solange es geht", sagt sie. Vom Schleppen hat sie Oberarmmuskeln bekommen.

Abends fällt sie kaputt ins Bett. Am Wochenende, wenn es ihre Büro-Freundinnen an die frische Luft zieht, liegt sie gern auf dem Sofa. "Ich bin ja sonst schon den ganzen Tag draußen." Bei Wind und Wetter. Wird ihr im Winter zu kalt, klettert sie ins Auto und wärmt sich kurz auf.

Schäferin Sandra Sanner im Stall

Gerade ist Lämmerzeit.

Anstrengende Wochen für Sanner und ihre Kollegen. Denn natürlich halten sich die Schafe nicht an ihre Arbeitszeiten. Immer wieder muss die Nachwuchsschäferin Geburtshilfe leisten und Lämmer aus dem Mutterleib ziehen. "Am Anfang war es natürlich schon komisch, da reinzugreifen." Sanner fährt zurück zum Hof, zur Lämmerkrippe. Ein Blöken empfängt sie. Dort im Stall tollen Lämmchen herum, die noch nicht raus auf die Weide dürfen, weil sie noch zu klein sind oder zu schwach. Oder keine Mutter haben, die sie säugen könnte. Das sind die Flaschen-Lämmer. Mehrmals am Tag gibt Sandra Sanner ihnen die Flasche.

Achim Koop hebt ein kleines Wollbündel hoch. Es hat verkrüppelte Beine. Das Mutterschaf hatte das Schmallenberg-Virus. Das hat den Nachwuchs geschädigt, etwa so wie Röteln beim Menschen. Der Schäfer wird das Lämmchen wohl einschläfern lassen müssen. Das Virus ist grausam, oft lässt es die Lämmchen schrecklich entstellt zur Welt kommen. Der Erreger taucht immer mal wieder hier und da auf.

Dass fünf bis zehn Prozent der Lämmchen nicht überleben, ist aber ganz normal. "Man darf sich nicht alles zu Herzen nehmen, sonst geht man kaputt", sagt Sanner. Auch auf der Weide muss sie oft kühl kalkulieren und abwägen, welches Tier wirklich so krank ist, dass es in den Stall gehört. "Ein Schaf ist ein Schaf und kein Mensch." Außerdem: Jedes Tier, das im Stall steht, muss gefüttert werden. Das kostet. Und Geld ist bei den Schäfern eigentlich immer knapp. Sie müssen mit den Fördergeldern, von denen sie hauptsächlich leben, haushalten.

Auf die Schafe ist die junge Frau nach dem Abitur gekommen, als sie in Australien eine Work-and-Travel-Reise machte. Als Kind wollte sie Tierärztin werden, ihre Großeltern hatten einen Bauernhof. "Ich mache mich gern dreckig." Sie lacht.

Illusionen macht sie sich keine. "Reich werde ich in meinem Beruf nicht." Während der zweijährigen Ausbildung – weil sie Abitur hat, konnte sie ein Jahr abkürzen – hat sie 700 Euro brutto im Monat verdient. Ohne Unterstützung durch die Eltern hätte das nicht funktioniert. Den Schäfern gibt Sandra Sanner keine Schuld. Die können einfach nicht mehr Lohn zahlen.

An eine eigene Herde ist erst einmal nicht zu denken. Bauern, Biogasbetreiber und Altschäfer haben die knappen Flächen schon unter sich aufgeteilt. An den Flächen aber hängen die staatlichen Subventionen. Ohne die geht es nicht.

Heute hat sie mal wieder ihre Pausenbrote umsonst mitgenommen. "Ich merke immer gar nicht, wie die Zeit vergeht. Die Schafe geben einem so viel. Eigentlich sollte das jeder mal erleben."

››› Gastbeitrag Julia Romlewski, Bioland e.V.

Mehr Interesse?

  • Mit welchen Problemen sich Schäfer heutzutage herumschlagen und warum Schafe so wichtig für die Natur sind, erzählt der Bericht "Wo sind die Schafe geblieben?" auf bioland.de, zu finden über den Kurzlink bit.ly/1R1KEXo
  • Wer heimische Schäfer unterstützen will, kann bei ihnen Wolle kaufen. Adressen finden sich im Bioland-Einkaufsratgeber Wolle unter dem Kurzlink bit.ly/1VLwTeO