31.10.2016

Määäh hier mal den Rasen

Den Bock zum Gärtner zu machen, ist für Regino Esch, Bio-Landwirt aus der Eifel, kein Problem. Im Gegenteil. Bei ihm wird der Rasen gemäht: von rund 150 Ziegen. Damit sorgen sie nicht nur für schöne Wiesen, sondern verwandeln Gras zu Milch. Wenn das mal kein gutes Geschäft ist.

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Ziegen seien Kühe für die Armen, heißt es. "Das ist Quatsch", sagt Regino Esch. Der Bioland-Bauer aus der Eifel hält seit 15 Jahren rund 150 Ziegen. Obwohl er eigentlich erst Kühe wollte. Mit ihnen hat er fünf Sommer auf der Alm verbracht, war den ganzen Tag in der Natur mit den Tieren oder beim Käsen. Statt auf der Alm ist er jetzt mit seiner Frau Sibylle und Kollegin Wiebke Medau in der Eifel – und macht dort wieder: Käse. Diesmal aber aus Ziegenmilch. Für Kühe hätte der Platz nicht gereicht. "Daher kommt auch der Spruch, Ziegen seien die Kühe des kleinen Mannes: Ziegen brauchen weniger Platz", erklärt er. "Und weniger Futter." Deshalb werden auch heute noch auf der Welt vor allem in den Ländern des globalen Südens eher Ziegen als Kühe gehalten. Das war auch hierzulande so: "Wenn die Zeiten mager waren, erlebte die Ziegenhaltung einen Boom", so Esch.

Heute ist Ziegenmilch vor allem wegen des Geschmacks und ihrer Bekömmlichkeit gefragt. Eine Ziegenmilchkrise gibt es nicht. Der Ziegenmilchpreis ist nicht an den der Kuhmilch gekoppelt. Er ist stabil.

Ziege

Obwohl die Nachfrage steigt, ist Bio-Ziegenmilch noch ein Nischenprodukt. Laut oekolandbau.de, einem Internetportal der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, werden in Deutschland jährlich 22,8 Kilogramm Käse pro Kopf verzehrt, circa 50 Gramm davon sind Käse aus Ziegenmilch. "Eine Kuh gibt auch viel mehr Milch. Nur mal zum Vergleich: Die Durchschnittsmilchleistung einer Bio-Ziege liegt bei 600 bis 650 Liter im Jahr – eine Kuh gibt zehnmal so viel", so Esch. Ein wenig könnte sich das aber ändern: Denn während die Kuh seit den Fünfzigerjahren ständig weitergezüchtet wurde, hat sich kaum jemand für Ziegen interessiert. "Ziegen hielt man nur zur Selbstversorgung", so Esch. Zum Teil ist das auch heute noch so. Von den 200.000 Ziegen, die in Deutschland gehalten werden, dienen rund 35 000 einem landwirtschaftlichen Erwerb. Die übrigen Ziegen gehören Hobbyhaltern, Streichelzoos oder werden ausschließlich zur Landschaftspflege eingesetzt. Deshalb gibt es auch kaum Molkereien, die diese Milch verarbeiten. Im Bio-Bereich kann man sie an einer Hand abzählen. Darum verarbeiten viele Bauern wie Bio-Landwirt Esch die Milch selbst.

Regino Esch

Dabei gibt es ein Problem: Männliche Ziegen geben keine Milch. Und in der Herde würden zu viele Böcke für Rangeleien sorgen. "Das ist wie mit den Legehennen – die männlichen Tiere sind nicht ökonomisch. Die Brüder der Legehennen setzen zu langsam Fleisch an", so Esch. Was also tun? "Das Fleisch geht vor allem ins benachbarte Frankreich. Dort isst man mehr Ziegenfleisch", räumt er ein.

Die Lösung wären weniger männliche Ziegen – aber bei der Geburt ist das Verhältnis 50:50. "Bei Rindern setzt man auf gesextes Sperma und befruchtet die Tiere künstlich. Das Sperma soll das Geschlecht vorgeben und hauptsächlich zu weiblichem Nachwuchs führen. Bei Ziegen kommt das alles nicht infrage – es gibt kein gesextes Sperma, und die künstliche Befruchtung ist, anders als bei Rindern, wenig verbreitet.

Was aber bei allen Tieren geht: Sie länger zu nutzen. "Statt die Tiere jedes Jahr zu decken, melken wir sie zwei Jahre lang durch. Sie geben dann zwar weniger Milch, aber die Milch reicht immer noch aus, um wirtschaftlich zu sein", sagt Esch. "Und je weniger Ziegen in der Herde geboren werden, desto weniger männliche Tiere gibt es logischerweise."

Die Tiere einfach zu töten, ohne das Fleisch zu nutzen, käme für Esch nicht infrage. "Die meisten Böcke kommen früh zum Schlachter. Aber bis dahin sollen sie ein gutes Leben haben." Wer also denkt, wenn man nur Käse isst, wird dafür kein Tier getötet, der irrt: "Auch eine Milchziege wird irgendwann geschlachtet", so Esch. Allerdings werde Ziegenfleisch hierzulande kaum gegessen – anders als in südeuropäischen Ländern. Mindestens 16 Euro pro Kilo müsste der Landwirt erhalten, denn als Bio-Ziege muss das heranwachsende Tier mindestens 45 Tage lang Milch oder Milchpulver bekommen, ehe es geschlachtet wird. "Aber das ist wie mit den meisten männlichen Tieren in der Landwirtschaft – da muss man froh sein, wenn man als Bauer nicht draufzahlt", so Esch.

››› Gastbeitrag Magdalena Fröhlich, Bioland e.V.