Globuli für die Kuh

Auch Bio-Kühe oder Bio-Schweine werden mal krank. Antibiotika dürfen nur selten verabreicht werden, sonst verliert das Tier seinen Bio-Status. Doch die Bio-Bauern wissen sich zu helfen.

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Wenn man schon als Mastschwein auf diese Welt kommt, dann hat man Glück, wenn man auf dem Hof von Christian Matthesius landet. Dort, in der Nähe von Augsburg, hat man Auslauf, bekommt frisches Futter aus eigenem Anbau und darf das Ringelschwänzchen behalten. Und wenn sich das Schwein mal verletzt oder krank wird, hat es die volle Aufmerksamkeit des Bioland-Bauern sicher. Dann reibt er es mit Ringelblumensalbe ein oder gibt ihm Globuli – homöopathische Kügelchen. Ganz wie es die EU-Öko-Verordnung verlangt.

Alternative Heilmethoden haben im Öko-Landbau immer Vorrang. Antibiotika sind nur die ultima ratio; sie – wie in vielen konventionellen Betrieben – vorbeugend zu verabreichen, geht gar nicht. Nach der Öko-Verordnung sind sie zwar nicht grundsätzlich verboten. Wird aber eine Milchkuh mehr als dreimal im Jahr antibiotisch oder chemisch-synthetisch behandelt, verliert sie ihren Bio-Status. Mastferkel oder Mastgeflügel dürfen überhaupt nur einmal im Leben ein Antibiotikum bekommen. Manche Öko-Verbände gehen in ihren Richtlinien noch weiter: Bei Bioland gibt es bereits seit 1994 eine Verbotsliste für bestimmte Medikamente. Nur in ganz wenigen Ausnahmefällen erteilt der Verband hier eine Genehmigung.

Aber auch mit der Naturheilkunde ist das nicht immer so einfach: Nicht jeder Bauer hat einen Tierarzt in der Nähe, der sich mit alternativer Tiermedizin auskennt. Mancher ist da versucht, Globuli aus der Hausapotheke zu nehmen. Das aber ist verboten, es sei denn, ein Tierarzt ordnet es an. Denn die Mittel für Kühe, Schweine oder Geflügel müssen eigens registriert sein. So eine Zulassung aber ist teuer und rechnet sich meistens nicht.

Natürlich sind Naturheilkunde und vor allem Homöopathie nicht unumstritten: Auf der einen Seite bilden sich zwar keine gefährlichen Resistenzen, wie man das von Antibiotika kennt. Und es gibt keine problematischen Rückstände in Milch, Fleisch, Mist oder Gülle. Dafür, so meinen Kritiker, bleiben aber nicht nur die Nebenwirkungen, sondern auch die erwünschten Wirkungen aus. In manchen Fällen, zum Beispiel bei Parasitenbefall, kommt der Bauer mit sanften Mitteln nicht weit.

Wenn der Bio-Bauer deshalb doch mal zur klassischen Schulmedizin greift, dauert die Wartezeit doppelt so lange wie ­gesetzlich vorgeschrieben. Das heißt: Der Bio-Bauer darf zum Beispiel die Milch einer kranken, mit Antibiotika behandelten Kuh doppelt so lange nach der Behandlung nicht verkaufen wie sein konventioneller Kollege. Der Verbraucher soll schließlich sicher sein, dass er mit einer Flasche Milch nicht gleich auch noch einen Schuss Antibiotikum mitkauft.

Tierwohl kontra Rückstände Beliebte homöopathische Mittel sind Nux Vomica bei Durchfall oder Phytolacca bei entzündeten Eutern oder Problemen mit dem Milchfluss. "Dieses Mittel kennen auch viele stillende Frauen", sagt Tierheilpraktikerin Birgit Gnadl. Und Akupunktur wird ebenfalls immer beliebter. "Das ist schon lange nicht mehr exotisch", sagt Gnadl. Immer mehr Bauern lernen in Seminaren, wie man Rindern Nadeln legt – bei Euterentzündungen oder Gastritis etwa. Naturheilverfahren sind kein reines Bio-Thema. In den Seminaren sitzen zu 80 Prozent konventionelle Tierhalter. "Vor allem Landwirtinnen wollen einen anderen Weg gehen", hat Tierarzt Andreas Striezel festgestellt.

Am liebsten ist es den Bauern jedoch, wenn die Tiere erst gar nicht krank werden. Wo konventionelle Bauern oft noch mit prophylaktischen Antibiotika-Gaben arbeiten, setzt der ökologische Landbau in erster Linie auf bessere Haltungsbedingungen. Oft sind es Fehler im Herdenmanagement, die zu Gesundheitsproblemen führen, falsches Futter etwa. "Man muss erst einmal die Rahmenbedingungen verbessern", sagt Striezel. Dann geht der Medikamentenbedarf von selbst zurück.

Freilich ist es immer ein Spagat für den Bauern: Fleisch und Milch sollen frei von Antibiotika oder anderen Rückständen sein und natürlich will er Wartezeiten vermeiden, in denen er die Milch seiner Kuh wegschütten muss. Andererseits soll die Kuh wenig leiden und möglichst schnell wieder gesund werden. "Die Tiere müssen leistungsfähig bleiben. Man kann eine kranke Kuh ja nicht ins Bett legen", so Tierarzt Matthias Link. "Das Tierwohl ist mir am wichtigsten", sagt auch Schweinehalter Matthesius. Hat ein Schwein Schmerzen, bekommt es Schmerzmittel.

››› Gastbeitrag Julia Romlewski, Bioland e.V.