"Gegen das Aussterben hilft nur Aufessen"

Sie geben weniger Milch, legen weniger Eier und setzen langsamer Fleisch an. Trotzdem brauchen wir alte Rassen, sagt Antje Feldmann von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V.

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Frau Feldmann, Sie setzen sich für den ­Erhalt alter Nutztierrassen ein. Warum eigentlich?
Antje Feldmann:
Gegenfrage: Käme jemand auf die Idee zu sagen, wozu brauchen wir die Dresdner Frauenkirche? Es gibt ja Bauwerke, die energieeffizienter sind und weniger kosten. Allen ist klar: Das ist ein wichtiges Kulturgut. Genauso ist es mit alten Nutztierrassen – seit die Menschen durch die Landwirtschaft sesshaft geworden sind, züchten sie Pflanzen und Tiere. So sind aus wilden Gräsern Getreidearten geworden, aus dem Wild- ein Arbeitspferd und aus dem Wildschwein ein Hausschwein.

7.500 Liter Milch liefert heute eine Kuh im Durchschnitt, bei Hühnern sind es rund 300 Eier jährlich. Eine alte Rasse kommt da nicht mit. Wozu brauchen wir sie trotzdem?
Eine Hochleistungsrasse könnte möglicherweise auf einen neuen Virus besonders empfindlich reagieren, dann wäre es erforderlich, auf einen anderen Genpool zurückzugreifen. Diesen wollen wir erhalten. Denn eingefroren gelagertes Sperma kommt nicht mit Umweltbedingungen oder Krankheiten in Kontakt – es findet keine Evolution statt. Deshalb muss man die Tiere am Leben halten.

Wie ist es denn überhaupt dazu gekommen, dass wir fast überall die gleichen Kuh-, Schweine- und Hühnerrassen finden?
Moderne Rassen sind Hochleistungstiere und diese brauchen Hochleistungsfutter – ohne würden sie nicht so schnell wachsen beziehungsweise so viel Milch geben oder so viele Eier legen. Früher haben die Bauern auch die Nach­kommen von einem Tier gewählt, das gute Leistungen gebracht hat. Aber die Tiere mussten eben mit dem Futter vom Hof leben, da kam der Futterwagen mit Soja nicht bis ins letzte Dorf. Die Verarmung der Vielfalt ist eine Folge der globalisierten Agrarindustrie.

Sind denn auch in anderen Teilen der Welt Nutztiere vom Aussterben bedroht?
Die Nachkommen eines Friesisch-Holsteinischen Zuchtbullen (Holstein-Friesian) können heute in den USA genauso gut stehen wie in Japan oder in Uganda. Dort, wo die Agrarindustrie Einzug hält, verschwinden die ursprünglichen, regional angepassten Nutztierrassen.

Eine friesische Rasse in der Sonne von Südafrika – das hält die Kuh aus?
Natürlich nicht. Die Kuh steht in einem klima­tisierten Stall, da bekommt sie das Wetter gar nicht mit. Wenn die Tiere auf der Weide stehen sollen, werden sie aber meist mit einheimischen Rassen gekreuzt.

Könnten die Tiere ohne Hochleistungsfutter überhaupt überleben?
Überleben schon, aber sie wären bei Weitem nicht so leistungsfähig und gesund. Heute bekommen Rinder oft nur noch deswegen Gras oder Heu – also ihre natürliche Nahrung –, um die Pansenaktivität aufrechtzuerhalten. Das Verdauungssystem der Kuh würde sonst nicht mehr funktionieren. Das Besondere an alten Rassen ist, dass sie regional so gut angepasst sind und sich mit dem Futter vor Ort begnügen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Wenn Sie ein Hochleistungsrind auf einen Magerrasen stellen, würde es eher ab- statt zunehmen. Denn auf solche wenig energiereiche Nahrung ist der Stoffwechsel dieser Kühe nicht eingestellt. Das Rote Höhenvieh, eine Rinderrasse aus Hessen und den deutschen Mittelgebirgen, setzt dagegen auf einer mageren Wiese auch ohne Kraftfutter Fleisch an – es dauert nur länger. Die Moorschnucke, eine Schafrasse, kommt in moorigen Gebieten vor. Ihr macht es nichts aus, dauernd nasse Füße zu haben. Andere Schafe würden da schnell krank werden.

Empfinden Sie es als Tierquälerei, Nutztiere vor allem auf Leistung zu züchten?
Prinzipiell ist es nicht schlimm, Rassen zu züchten, damit sie mehr Leistung bringen. Das hat man schon immer so gemacht. Sobald Zucht aber zu gesundheitlichen Problemen führt, finde ich das nicht gut. Etwa bei Puten. Die meisten leiden unter Gelenkschmerzen, weil ihnen eine große Brust angezüchtet wurde. Viele dieser Tiere sind nicht in der Lage, sich selbst fortzupflanzen – das Gewicht des Hahnes würde die Pute einfach nicht aushalten.

Ist das bei Bio-Tieren anders?
Bio-Betriebe halten auch Hochleistungsrassen. Etwa bei Hühnern hat man oft ­keine andere Wahl – hier gibt es aber Initiativen, das zu ändern. Es laufen Projekte, um ein marktfähiges Zweinutzungshuhn zu züchten. Auch wenn viele Bio-Höfe Hochleistungsrassen halten, ist die Mast hier nicht so ­extrem, weil die Tiere weniger Kraftfutter bekommen und Auslauf im Freien haben.

Was kann denn ich dafür tun, um alte Nutztierrassen zu erhalten?
Wie der Name schon sagt: sie nutzen! Gegen das Aussterben hilft letztlich nur das Aufessen.

››› Gastbeitrag Magdalena Fröhlich, Bioland e.V.

Seltene Nutzpflanzen und Nutztierrassen

Selten gewordene Sorten oder Arten von Nutzpflanzen bzw. Rassen von Nutztieren nicht nur im Labor, Zoo oder einer gigantischen Saatgutbank im ewigen Eis zu erhalten, sondern in der landwirtschaftlichen Praxis, hat wenig mit Sentimentalität zu tun und viel mit Vernunft. Diese Pflanzen und Tiere erfreuen Auge, Herz und Gaumen. Und sie bieten vielfältige Gene, auf die Forscher und Züchter zurückgreifen, falls unsere zunehmend globalisierte und vereinheitlichte Landwirtschaft aufgrund von Klima- oder Umweltveränderungen keine stabilen Erträge mehr liefert. Besonders ertragsfähig sind die seltenen Pflanzen oder Tiere meist nicht. Daher sind die Produkte oft teurer. Spezialisierte Höfe bieten diese Waren an. Gelegentlich kann Ihnen Alnatura die Spezialitäten offerieren: die Kartoffelsorte Bamberger Hörnchen z. B., Wurst vom Schwäbisch-Hällischen Schwein, Eier von Les-Bleus-Hühnern.

››› Manon Haccius, verantwortlich für das Alnatura ­Qualitätsmanagement und Verbraucherservice

Bioland und Demeter haben zusammen die gemeinnützige Ökologische Tierzucht GmbH gegründet. Ziel der Initiative ist die Züchtung ökologischer Zweinutzungshühner.

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