Jetzt geht’s ans Eingemachte

Nikolaus Mosen ist Bio-Kontrolleur. Er schaut, ob sich die Bio-Bauern an die Bio-Vorschriften halten. Sein Job ist eine Mischung aus Steuerprüfung und Detektivarbeit.

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Alfred Schneider weiß, dass wir kommen. Es handelt sich um die reguläre Bio-Jahreskontrolle. Wir sind mittags verabredet, damit die Schneiders in der Früh in Ruhe melken können. Jede Menge Papierkram steht uns bevor. Dabei ist der Hof der Schneiders in der Eifel für den Kontrolleur überschaubar: Es gibt keinen Hofladen und kein Gewächshaus, nur 32 Kühe und 150 Hektar Land, auf dem die Bauern Klee, Erbsen, Getreide und Hülsenfrüchte anbauen.

Kontrolleur Mosen packt Taschenrechner und Stempel aus. Alle Unterlagen, die er einsieht, muss er abstempeln. Denn es kann passieren, dass jemand von der Aufsichtsbehörde des Landes nachprüfen will. Mosen selbst arbeitet nämlich für die private Kontrollstelle ABCert. Die Öko-Kontrollstellen sind vom Staat zugelassen und prüfen in seinem Auftrag, ob sich die Bio-Bauern an die EG-Öko-Verordnung halten. Und weil Bauer Schneider auch Bioland-Mitglied ist, überprüft Mosen auch gleich noch im Auftrag des Verbands, ob dessen Richtlinien eingehalten werden.

Natürlich kann niemand einen Betrieb komplett durchleuchten, das würde Tage, wenn nicht Wochen dauern. Mosen muss selbst einschätzen, wo er genauer nachbohrt. Aber er ist routiniert, 120 Bio-Betriebe besucht er jedes Jahr. Er will jetzt die Flurpläne sehen. Alfred Schneider hat bereits seine Papiere vorsortiert. Seit 2011 ist er Bioland-Bauer. Alles muss akribisch dokumentiert sein. So genau, dass Mosen selbst nur mithilfe der Pläne alle Flächen finden könnte. Schneider hat gerade einige Quadratmeter Feld an eine Straße verloren und anderswo ein Stück Boden dafür als Ausgleich bekommen. Es geht nur um 17 Quadratmeter. Aber auch das muss festgehalten werden. Denn auf dem neuen Streifen darf Schneider erst einmal kein Bio-Getreide anbauen, der Boden muss zunächst die Umstellungszeit durchlaufen. "Am besten pflanzen Sie dort Kleegras und lassen ordentlich Abstand", sagt Mosen. So gibt es keine Verwechslungsgefahr beim Ernten.

Auch die Buchhaltung lässt sich Mosen zeigen: "Jetzt wird es intim." Er schaut sich die Umsätze an und tippt auf dem Taschenrechner herum, rechnet aus, was die Kühe gefressen haben und ob Bauer Schneider genug geerntet haben kann, um sie satt zu kriegen. Keine Unstimmigkeiten. Hätten die Schneiders Angestellte, würde Mosen jetzt auch die Bioland-Sozialrichtlinien durchgehen. Ob die Überstunden geregelt sind etwa.

Bio-Kontrolleur Nikolaus Mosen beim Futtertest  (Foto: Julia Romlewski)

Schneider hat Zuchtbullen gekauft. Sie müssen von Bioland- oder zumindest Bio-Höfen stammen. Mosen vergleicht die Angaben auf den Kaufbelegen mit den Ohrmarken, die die Rinder eindeutig identifizieren. Schneider zeigt ihm die Bioland-Zertifikate der Verkäufer. Auch die Tierarztrechnungen geht Mosen sorgfältig durch. Könnte ja sein, dass der Landwirt seinen Kühen ein Antibiotikum gegeben hat, für das er eine Ausnahmegenehmigung brauchte.

Der große und helle Stall, in dem Mosen und Schneider jetzt stehen, stammt noch aus der Zeit vor der Umstellung. Schneider musste nicht umbauen, weil es schon genug Platz gab – und sogar Auslauf für die Tiere im Freien. Mosen ist zu­frieden. Er betrachtet die jüngsten Kälber. Sie sind zu mehreren untergebracht, nicht in Einzelboxen, wie es oft üblich ist. "Das klappt gut", erklärt ihm der Bauer. "Nur das Tränken war am Anfang anstrengend, weil sich immer alle vordrängeln wollten." Auch die Mütter der Kälber dürfen zusammenbleiben, sie ­haben einen großen Laufstall mit viel Stroh. Im Sommer sind sie auf der Weide, aber an diesem Apriltag ist es noch zu kalt.

Mosen riecht am Futter, schaut, ob die Tränken voll sind und ob Bauer Schneider regelmäßig ausmistet. Die Kühe sehen gesund aus. Der Kontrolleur geht auch in die Gerätehalle und stöbert in den Ecken herum. Keine Auffälligkeiten. Weiter geht es zu den Feldern. Mosen reißt ein paar Weizenhalme aus und zerbröselt die Erde zwischen den Fingern – auf der Suche nach übriggebliebenen Samen. An deren Farbe kann er sehen, ob sie chemisch gebeizt wurden. Das wäre nicht erlaubt. Auf den Feldern wächst Unkraut – für den Bio-Kon­trolleur ein gutes Zeichen.

In ein paar Wochen werden die Schneiders ihr neues Bioland-Zertifikat erhalten. Aber vielleicht sieht man sich noch mal, denn hin und wieder gibt es auch Spontankontrollen. Die nächste Regelkontrolle wird ein anderer Prüfer übernehmen. Denn nach einiger Zeit wissen die Bauern, wie ihr Kontrolleur tickt, wo er besonders genau hinschaut und wo vielleicht nicht.

››› Gastbeitrag Julia Romlewski, Bioland e. V.