Mitwirken an der Evolution

"Wir sind auf einer Mission – zur Bildung der Erde sind wir berufen." Friedrich von Hardenberg alias Novalis

Platzhalter

Durch kaum etwas anderes greift der Mensch so sehr in seine Umwelt ein wie durch Landwirtschaft. 30 Prozent der festen Erdoberfläche werden landwirtschaftlich genutzt – der Rest sind Wälder, Wüsten oder Felsen. Alles Getreide, Obst und Gemüse wird auf dieser Fläche angebaut. Es ist leicht einsehbar, dass es auf das Wie ankommt, wenn es um die Nachhaltigkeit bei der Bewirtschaftung dieser Flächen geht.

Nach den schwedischen Wissenschaftlern Rockström und Kollegen (2009) haben wir bereits in vier Bereichen die Be­lastungsgrenzen der Erde überschritten – bei der Stickstoff- und der Phosphorbelastung (vorwiegend der Gewässer), beim Klimawandel und beim Verlust von Biodiversität. Alle diese Überschreitungen hängen eng mit der Landwirtschaft zusammen – Landwirtschaft trägt beispielsweise mit künstlicher Düngung mit dem gesamten Ernährungs­sektor zu etwa 40 Prozent zum Klimawandel bei, bei dem Biodiversitätsverlust ist die Landwirtschaft sogar Hauptverursacher.

Gleichzeitig wird die Weltbevölkerung von heute 7,5 Milliar­den Menschen auf 10 Milliarden im Jahr 2050 anwachsen, was einen stark erhöhten Lebensmittelbedarf mit sich bringen wird.

Wie sollte zukünftige Landwirtschaft also aussehen? Ich persönlich glaube, dass der Ansatz des "etwas weniger schädlich für die Umwelt" nicht ausreichen wird. Ich glaube, wir brauchen eine grundsätzlich neue Orientierung für eine Landwirtschaft mit Zukunft – statt "Ertrag pro Fläche", was zugegebenermaßen auch wichtig ist, brauchen wir eine Entwicklungsorientierung, die den Gesamtplaneten umfasst.

Landwirtschaft ist als einer von wenigen Wirtschaftszweigen prinzipiell in der Lage, die Produktionsgrundlage während des Produktionsprozesses stetig zu verbessern. Bis Großkonzerne das Geschäft übernahmen, hat die Landwirtschaft Kulturpflanzen und Kulturtiere selbst weiterentwickelt. Der Züchtungsfortschritt hin zu großen Getreideähren und süßen Äpfeln sowie zu viel Milch gebenden Kühen fand in der Landwirtschaft selbst statt. Auch die Bodenfruchtbarkeit kann während des Anbaus von Feldfrüchten verbessert werden. Natürlich haben Spezialisierung und Industrialisierung im letzten Jahrhundert die Produktivität der Landwirtschaft erhöht – allerdings überwiegend erdölbasiert und mit Umweltschäden erkauft, die die Belastungsgrenzen des Planeten mittlerweile übersteigen.

Wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig lebt die Landwirtschaft vom Sonnenlicht. Kein Pflanzenwachstum ohne Sonnenlicht. Und Pflanzennahrung ist letztlich Grundlage aller tierischen Erzeugung. Werden heute jedoch oftmals zehn fossile Energieeinheiten verbraucht, um eine Lebensmittelenergie-einheit zu erzeugen, müsste sich das Verhältnis in der Zukunft geradezu umkehren: zehn Lebensmittel-Energieeinheiten sollten direkt aus Sonne und vielleicht eine Energieeinheit zur Unterstützung des Produktionsprozesses aus fossilen Energien hergestellt werden. Das wäre das Einläuten eines wahren solaren Zeitalters.

Mit einem Mix aus erneuerbaren Energien – Wind, Sonne, Biomasse – können heute schon manche Landwirtschaften energieautark produzieren. Ich meine jedoch, dass zukunftsfähige Landwirtschaft darüber hinausgehen sollte. Denn auch der Biodiversitätsverlust ist ein gravierendes Problem. Ohne Biodiversität kein Leben, könnte man es kurzfassen. Alles höhere Leben ist komplex. Die Evolution hat sich dahin entwickelt, dass wir heute als Menschen Ergebnis dieses komplexen Lebens sind und gleichzeitig durch unser Bewusstsein diese Komplexität verstehen und gestalten können. Wenn Landwirtschaft in Monokulturen stattfindet, nimmt der Energieaufwand zum Erhalt der Gesundheit dieses unnatürlichen Systems mittels chemischer Pflanzenschutzmittel überproportional zu. Biodiverse Ökosysteme dagegen sind deutlich weniger krankheitsanfällig.

Leitbild für eine zukünftige Landwirtschaft sollte der Mensch sein. Als evolutiv sehr weit entwickeltes Wesen trägt der Mensch alle Voraussetzungen für ein kulturell höher entwickeltes Leben in sich. Legt man sein Gestaltungsprinzip der Arbeit mit der Natur – also der Landwirtschaft – zugrunde und gestaltet die Landwirtschaft gemäß einem lebendigen Organismus mit individuellen Zügen, dann hat man wesentliche Elemente für eine Weiterentwicklung der Natur beziehungsweise des Erdorganismus beieinander. Das Ganze geht produktiv, wie viele Demeter- und manche Bio-Bauern heute schon beweisen, hat jedoch noch Entwicklungspotenzial.

Eine Schlüsselkomponente ist dabei die Frage, wem das Land gehört. Landwirtschaften mit gemeinnützigem Träger werden erstaunlicherweise immer vielfältiger, während privatwirtschaftlich betriebene Landwirtschaft dazu tendiert, immer "einfältiger" zu werden. Eine wie oben beschrieben weiterentwickelte ökologische Landwirtschaft erzeugt im Sinne integraler Produktivität neben ausreichend Lebensmitteln bei eingeschränktem Fleischverzehr der Konsumenten auch essenzielle weitere Güter wie Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und sauberes Wasser.

››› Gastbeitrag Nikolai Fuchs

Nikolai Fuchs (geb. 1963) ist gelernter und studierter Landwirt mit Fachrichtung Naturschutz und Landschaftsökologie. Nach Jahren in der Umweltpädagogik war er zuerst auf Landes-, dann auf Bundesebene für den Demeter-Verband geschäftsführend tätig, bevor er das Brüsseler Büro von Demeter International leitete und die weltweite Weiter­entwicklung der biodynamischen Arbeit koordinierte. Vier Jahre arbeitete er in Genf im Umkreis der Welthandelsorganisation. Heute ist er Stiftungsrat der Zukunftsstiftung Landwirtschaft sowie Aufsichtsrat der BioBoden Genossenschaft. Sein jüngstes Buch trägt den Titel: "Evolutive Agrarkultur – Landwirtschaft nach dem Bildeprinzip des Menschen" (Verlag Lebendige Erde Demeter e.V., Darmstadt, 2014, ISBN 978-3-941-232-12-9).