Leitbild Landwirtschaft – ein Resümee

Elf Fachleute ganz unterschiedlicher Disziplinen haben uns im Laufe des Jahres ihre Überlegungen zu einem landwirtschaftlichen Leitbild für die Zukunft mitgeteilt. Eine Zusammenfassung der Kerngedanken der Autoren und Gesprächspartner.

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Der Bio-Landbau wird angesprochen als Beispiel für ein stabiles, sich weitgehend selbsttragendes landwirtschaftliches System (Löwenstein, 02/17), als Modell einer schon existierenden Nachhaltigkeitszertifizierung der Landwirtschaft, von der wir in der Zukunft mehr brauchen (Häusling, 04/17), und als Muster integraler agrarischer Produktivität (Fuchs, 03/17), die gleichermaßen Lebensmittel und Umweltgüter hervorbringt. Dieses System gelte es weiterzuentwickeln.

Daran, dass der Bio-Landbau einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der weltweiten Problemkreise Hunger und Ernährungssouveränität, Umweltschutz und Klimawandel leisten kann, zweifelt dagegen ein anderer Autor (Niggli, 01/17), der eine starke Differenzierung von urbanen Lebensräumen und marktfernen Standorten in der Zukunft voraussieht. In den städtischen Agglomerationen (Ballungsgebieten) werden Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion den Städtern Erlebnisse und Erholung bieten, zu grünen Lebensräumen und Ausgleich im Klima riesiger Metropolregionen beitragen. In marktfernen Räumen produzieren mit hohem Technikeinsatz und anspruchsvoller Verarbeitung großer Datenmengen sehr wenige Menschen äußerst effizient Nahrung in großer Menge für die wachsende Bevölkerung.

Dringend lösen sollte die Gesellschaft den durch die konventionelle Landwirtschaft bewirkten krassen Verlust an Biodiversität, der etlichen der Beitragenden große Sorgen bereitet (Fuchs; Kindinger, 05/17; Dabbert, 08/17; Hudson, 09/17; Miller, 11/17). Als Treiber dafür werden gesetzliche Regeln und Bewirtschaftungsauflagen gesehen, ebenso mündige Konsumenten und Bürger, die sich engagieren und sich der starken Lobby der Agroindustrie, der Pestizid- und Düngerproduzenten und der Lebensmittelkonzerne entgegenstellen (Hudson; Miller).

Rasch sollte es Agrarpolitik und Gesellschaft gelingen, beim Thema Tierwohl die Realität in weiten Teilen der Landwirtschaft und die Verbrauchererwartungen zu versöhnen (Niggli; Fuchs; Spiller; 07/17; Dabbert; Miller). Denn zum dauerhaften Erhalt fruchtbarer Böden bedarf es, gerade unter globaler Sichtweise, landwirtschaftlicher Tierhaltung. Sie stabilisiert durch Futterpflanzenanbau und organischen Dünger in maßvoller Menge das System landwirtschaftlicher Produktion ohne agrochemische Inputs, insbesondere ohne chemische Dünger (Dabbert). Es gilt, den Tieren gerecht werdende Produktionsmethoden und Haltungssysteme zu entwickeln, die dem Praxistest standhalten und sich dabei zugleich wirtschaftlich tragen, sodass ihre Erzeugnisse auch Kunden finden.

Gerechtigkeit als Aspekt landwirtschaftlicher Erzeugung und Nutzung ländlicher Räume thematisieren Autoren und Gesprächspartner aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Generationengerechtigkeit und Gerechtigkeit im globalen Zusammenhang werden angemahnt (Rabe, 10/17), Fairness im internationalen Handel mit Agrarprodukten (Dabbert) und die Internalisierung externer Kosten gefordert, um zu einer gerechten Lastenverteilung nach dem Verursacherprinzip zu kommen (Löwenstein).

Dass bei der zukünftigen Gestaltung von Landschaft, ländlichem Raum und Landwirtschaft der Mensch im Mittelpunkt stehen soll, als Produzent, Gestalter und Konsument, mahnen mehrere der Beitragenden an. Sie betonen die Wichtigkeit einer ästhetisch schönen Landschaft für die Menschen (Kindinger). Sie erinnern daran, dass ländliche Räume mit den Menschen für die Menschen zu gestalten sind (Rabe). Sie verweisen darauf, dass gerade in vielen Ländern der Dritten Welt erst einmal die einfachsten Grundbedürfnisse durch Arbeit in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelerzeugung zu befriedigen sind, bevor an Umwelt- und Ressourcenschutz gedacht werden kann (Dabbert). Ohne fairen Ausgleich in den Handelsbeziehungen wird das nicht gelingen.

Leitgedanken für die Gestaltung des einzelnen landwirtschaftlichen Betriebes beziehungsweise der ganzen Landwirtschaft werden formuliert: Es wird an Rudolf Steiners Konzept erinnert, dass eine Landwirtschaft als eine Art Organismus zu verstehen ist (Haccius, 06/17). Zudem wird angeregt, den Maßstab des Verhältnisses von fossiler zu Sonnenenergie in der Agrarproduktion umzukehren (Fuchs). Eine ganzheitliche Ernährungspolitik, also eine Agrarpolitik, die unter dem Blickwinkel der Ernährung und der Konsumenten zu gestalten ist, wird vorgeschlagen (Hudson).

Eine zukunftsfähige Agrar- und Ernährungspolitik geht die ganze Gesellschaft an. Sie ist kein Spezialthema für wenige. Auf diesen gemeinsamen Nenner lassen sich alle Beiträge dieser Serie bringen.

››› Manon Haccius

Manon Haccius

Manon Haccius war nach agrarwissenschaftlichem Studium zunächst 13 Jahre tätig für die Verbände des ökologischen Landbaus, seit April 2000 verantwortet sie bei Alnatura den Bereich Qualitätsmanagement und Verbraucherservice.