Die Welt als Garten

Wo wird es hingehen mit der Landwirtschaft? In dieser Serie äußern sich Experten zum Thema und stellen ihre Thesen vor.

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Seit der industriellen Revolution werden nicht nur natürliche Lebensräume immer mehr zerstört, wir sind auch mit dem Verschwinden der Schönheit unserer Kulturlandschaften konfrontiert.

Zwischen der Zerstörung von Lebensräumen und dem vom Menschen als schön empfundenen Landschaftsbild besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Professor Hans H. Wöbse von der TU Hannover beschreibt diesen so: "Der Verlust von Schön­heit ist ein Indiz für die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Es gilt, das Schöne zu bewahren, es ins allgemeine Bewusstsein zu rücken und ihm im Umgang mit der Natur und Landschaft, insbesondere bei jedem Eingriff, höchste Priorität einzuräumen."1

Seit 1976 wird in Deutschland das Planungsinstrument Landschaftsplanung eingesetzt, um negative Entwicklungen sowohl für natürliche Lebensräume als auch für das Landschaftsbild zu vermeiden. "Die Landschaftsplanung ist das zentrale raumbezogene und vorsorgeorientierte Planungsinstrument von Naturschutz und Landschaftspflege mit dem Ansatz eines ganzheitlichen Naturhaushaltsschutzes. Die Landschaftsplanung soll die Belange von Naturschutz und Landschaftspflege für die räumliche Gesamtplanung darstellen und begründen. […]  Die Vielfalt, Eigenart, Schönheit und der Erholungswert von Natur und Landschaft sind langfristig zu erhalten."2

Die Landschaftsplanung wurde vor allem als Vorsorgeinstrument eingeführt. Wir sind heute aber meist in der Situation, dass erfolgte Eingriffe und Schäden rückgängig gemacht und "geheilt" werden müssen. Mit der Intensivierung ökologischer Anbaumethoden besteht die Chance, Landschaft endlich als Ganzes zu betrachten und die Vielfalt an Lebensräumen in der Kulturlandschaft zurückzugewinnen. Dabei reicht es nicht aus, sich auf Arten- und Biotopschutz zu beschränken. Die Schönheit der Landschaft ist das wichtigste Kriterium.

Die Schönheit der Landschaft als Wert an sich wurde bereits im 15. Jahrhundert zur Zeit der Renaissance erkannt und ein Gleichgewicht von Architektur und Natur angestrebt. ­Dieses Idealbild hat sich über die Jahrhunderte bis in unsere Zeit erhalten. Unsere heutige Realität hat mit diesem Idealbild nur noch wenig gemeinsam. Wenn Landschaft aber durch ihre Schönheit einen Wert an sich erhält, kann dem Druck durch den Flächenbedarf für industrielle Landwirtschaft, Bebauungen und Verkehrswege begegnet werden.

Die Welt als Garten betrachten Da der Mensch heute bereits 90 Prozent allen Wachstumsgeschehens direkt oder indirekt beeinflusst, ist er zum bestimmenden Gestalter des Plane­ten geworden. Betrachten wir die Welt also als Garten, den wir zu pflegen und zu schützen haben. Der Garten ist wie Religion, Kunst oder Philosophie ein Grundphänomen der Menschheit3 und kann als Leitbild für die Gestaltung der Landschaft dienen. Der bereits verstorbene Würzburger Professor Heinrich Rombach beschreibt in seiner Philosophie des Gartens das Wesen des Gartens als zwischen dem Mensch und der Natur stehend. Der Garten ist bei dieser Betrachtungsweise das Ergebnis der ordnenden Hand des Menschen in und mit der Natur.

Landschaftsplanung koordiniert alle Nutzungsansprüche Mischanbau, Präzisionslandwirtschaft und Fruchtfolgen4 bieten die Chance, Landschaften zu nutzen und zu gestalten, ohne sie auszubeuten. Alle Ziele können mit dem Instrument der Land­schaftsplanung formuliert und visualisiert werden. Nahrungsmittelproduktion, Infrastruktur, Energiegewinnung, Erholung, Biodiversität – alle diese Ansprüche lasten auf der Landschaft.

Der Landschaftsplaner als Generalist koordiniert in diesem Zusammenhang diese Nutzungsansprüche, greift zu erwartende Entwicklungen auf und dimensioniert sie auf die Tragfähigkeit einer Landschaft. Die Chance, dass eine Kulturlandschaft entsteht, die die Nahversorgung, Erholungsansprüche des Menschen und Biodiversität sichert, ist größer denn je. Damit ist es insbesondere für eine Metropolregion wie das Rhein-Main-Gebiet schlichtweg nicht mehr vertretbar, das Gut "Landschaft" dem Flächenfraß zu opfern.

Ein wunderbares Beispiel und real gewordenes Leitbild ist die Laguna-Blanca-Farm des 2015 verstorbenen Umweltaktivisten Doug Tompkins in Argentinien5. Ein Leitbild, das auch in europäischen Landschaften umsetzbar ist und Monokulturen verhindert.

Eine vorausschauende und heilende Landschaftsplanung konsequent und rechtsverbindlich umzusetzen, ist die geeignete Methode, um Vielfalt und Schönheit der Landschaft zu erhalten und sie neu zu gestalten.

››› Gastbeitrag von Alf H. Kindinger und Wolfgang H. Kindinger

1 Hans Hermann Wöbse: Landschaftsästhetik: Über das Wesen, die Bedeutung und den Umgang mit landschaftlicher Schönheit, Verlag Eugen Ulmer, 2003
2 Institut für Naturschutz und Naturschutzrecht Tübingen: Aufgaben der Landschaftsplanung, www.naturschutzrecht-online.de/naturschutzrecht/landschaftsplanung/3-2-1-aufgaben-der-landschaftsplanung (Stand: 6. 3. 2017)
3 vgl. Heinrich Rombach: Philosophie des Gartens, in: Günther ­Bittner (Hrsg.): Wieviel Garten braucht der Mensch? Würzburger Universitätsvorträge, Ergon-Verlag, 1990
4, 5 vgl. Beitrag von Prof. Dr. Urs Niggli: Nachhaltig essen in einer ­urbanen Welt, Alnatura Magazin 1/2017