Weg von der Wegwerfgesellschaft

Noch verwertbare Lebensmittel landen überall auf der Welt in der Tonne, viele Menschen empört das. Was sind die Ursachen für diese Verschwendung und wie können Verbraucher und Handel solche Entwicklungen vermeiden?

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Berge weggeworfenen Brotes, Unmengen entsorgtes Gemüse – Bilder wie diese, plakativ im Dokumentarfilm "Taste the Waste" inszeniert, haben vor einigen Jahren Furore gemacht. Seitdem ist die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Verschwendung noch verwertbarer Lebensmittel immer mehr gewachsen. Wie kann es sein, dass "Mittel zum Leben" im Müll landen und gleichzeitig weltweit fast eine Milliarde Menschen Hunger leidet? Weshalb werden auch bei uns Kartoffeln oder Äpfel vernichtet, obwohl es auch hierzulande bedürftige Menschen gibt? Die Überflussgesellschaft zeigt ihr Gesicht auch im Umgang mit Lebensmitteln. So kommt in den Industrieländern ein Drittel der gesamten Nahrungsmittelproduktion nicht der Ernährung zugute, stellt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen fest. Die Verschwendung beginnt bereits auf dem Acker. Weil Ästhetik inzwischen wichtiger als Genuss- und Nährwert ist, wird ungünstig proportioniertes Obst und Gemüse, zum Beispiel eine zu krumme Gurke, gleich aussortiert. In den Küchen geht die Verschwendung weiter. Allein in Deutschland werden jährlich fast elf Milliarden Kilogramm Lebensmittel weggeworfen. Hiervon gehen 61 Prozent auf die privaten Haushalte zurück, wie das Bundesverbraucherministerium 2012 in einer Studie festgestellt hat. Großverbraucher wie Gaststätten, Schulen oder Kantinen sowie die Hersteller haben je einen Anteil von 17 Prozent. Fünf Prozent gehen auf das Konto des Einzelhandels.

Lebensmittelverschwendung ist ein Wohlstandsphänomen. Während jeder Deutsche pro Jahr rund 82 Kilogramm und jeder US-Amerikaner 115 Kilogramm Lebensmittel in den Müll wirft, sind es in den südlichen Ländern Afrikas lediglich 6 Kilo pro Bewohner und Jahr. Ungünstige Vorratshaltung, Fehldeutung des Mindesthaltbarkeitsdatums und nicht zuletzt Gedankenlosigkeit sind die häufigsten Ursachen für die Entsorgung von Lebensmitteln. Am häufigsten landen Backwaren im Mülleimer, gefolgt von Fleisch- und Wurstwaren. In einem Vier-Personen-Haushalt in Deutschland summiert sich der Wert der "entsorgten" Lebensmittel auf fast 1.000 Euro pro Jahr. Was Verbraucher tun können, um diese Verschwendung zu vermeiden, fasst der Info-Kasten auf dieser Seite zusammen. Doch auch der Einzelhandel ist gefordert – und sieht sich vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe: Auf der einen Seite wünschen sich die Kunden jeden Tag frisches Gemüse und Obst, auf der anderen Seite soll so wenig wie möglich weggeworfen werden. Wegwerfen passt weder zum Selbstverständnis von Alnatura noch macht es wirtschaftlich Sinn. Was aber tun, wenn der frisch am Morgen geerntete Salatkopf bis zum Abend nicht verkauft wurde? Alnatura hat ein komplexes Warenbestellsystem entwickelt, mit dem alle 96 Filialen punktgenau und individuell die erforderliche Warenmenge für den jeweiligen Tag bestellen können. Bestellkriterien sind unter anderem Verkaufsprognosen auf Basis von vorangegangenen Bestellungen, Ferienzeiten, Wochentage mit höherer Kundenfrequenz, regionale Feiertage, filialabhängige Erfahrungswerte, aber auch der Wetterbericht oder eine zu erwartende größere Nachfrage wegen eines Stadtfestes oder Ähnlichem. 

Dirk Pilz, Filialleiter des Alnatura Super Natur Marktes in Darmstadt-Bessungen

Dirk Pilz, Filialleiter des Alnatura Super Natur Marktes in Darmstadt-Bessungen, berichtet von seinen Erfahrungen: "Anhand dieses sorgsam entwickelten Bestellsystems gelingt uns in der Regel eine Balance zwischen Bestell- und Verkaufsmengen. Falls doch einmal zu viel vorrätig sein sollte, bemühen wir uns, alle Produkte sinnvoll zu verwerten." Das sind Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben oder nicht mehr ansehnlich genug sind. Artikel, die nahe am Mindesthaltbarkeitsdatum sind, meist Molkereiprodukte, werden um bis zu 50 Prozent günstiger angeboten. "Welche Produkte zu welchem Preis günstiger abgegeben werden, liegt im Ermessen von uns Filialleitern, weil wir das Kaufverhalten unserer jeweiligen Kunden am besten kennen. Häufig kochen sich auch unsere Mitarbeiter ein Mittagessen aus diesen Resten", erläutert Dirk Pilz. Wichtig ist auch der enge Kontakt der meisten Filialen zu den Tafeln und anderen sozialen Initiativen. Diese Einrichtungen holen Lebensmittel ab, die von den Kunden nicht gekauft wurden, und verteilen sie an bedürftige Menschen. Dirk Pilz ist zufrieden: "Mit diesem abgestuften Vorgehen machen wir seit Jahren sehr gute Erfahrungen und können so das Entsorgen von Lebensmitteln weitestgehend vermeiden."

Wie Sie Lebensmittelverschwendung vermeiden können

  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum richtig deuten:
    Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist kein Verfallsdatum. Das MHD gibt den Zeitpunkt an, bis wann das Produkt seine garantierten Qualitätseigenschaften behält. Häufig sind die Produkte auch über das angegebene Datum hinaus noch genießbar. Vor allem bei Molkereiprodukten, kann man die aktuelle Qualität gut mit den eigenen Sinnen beurteilen. Fleisch sollte bis zum angegeben Datum verzehrt werden.
  • Richtig lagern:
    Obst und Gemüse gehören im Kühlschrank ganz unten, aber getrennt aufbewahrt in das Schubfach. Tomaten, Zucchini und Südfrüchte halten sich außerhalb des Kühlschranks besser. Äpfel und Tomaten sollten vom übrigen Obst getrennt gelagert werden – sie fördern den Verderb. Regelmäßig nach vergessenen Produkten im Kühlschrank suchen!
  • Verarbeiten statt wegwerfen:
    Eine Druckstelle im Apfel oder in der Paprika? Einfach rausschneiden, der Rest ist genießbar. Nicht benötigtes Brot einfrieren.
  • Auf Qualität achten:
    Wer hochwertige Lebensmittel einkauft, misst ihnen einen höheren Wert bei und geht achtsamer mit ihnen um.

    ››› Volker Laengenfelder