Wie gefährlich ist Gen-Mais wirklich?

Testbiotech stellt die "unabhängige Risikoforschung" auf den Prüfstand

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Welche Folgen die fehlende Unabhängigkeit von Experten und Behörden haben kann, zeigt die Geschichte der Tabakindustrie: Bis vor einigen Jahren sahen auch in Deutschland viele anerkannte Wissenschaftler kein Problem darin, Forschungsaufträge von der Industrie anzunehmen, sich von dieser auf Tagungen einladen zu lassen und gleichzeitig als unabhängige Experten aufzutreten. Dies hatte erhebliche Auswirkungen: Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens konnten jahrelang erfolgreich verleugnet werden. Geändert hat sich diese Praxis erst, als per Gerichtsbeschluss die Frei­gabe interner Unterlagen veranlasst wurde. Wie ein Buch von US-Wissenschaftlern über die "Machiavellis der Wissenschaft" (Verlag Wiley) zeigt, wird die Strategie der Tabakindustrie längst auch in anderen Bereichen wie dem Klimawandel und dem Mobilfunk angewandt: Auf der einen Seite werden Wissenschaftler bezahlt, um für die Industrie zu forschen. Auf der anderen Seite werden scheinbar unabhängige Institute gegründet, die die Politik beraten.

Diese Strategie beobachtet auch Testbiotech schon seit Jahren: Im Bereich der Biotechnologie spielt das International Life Sciences Institute (ILSI) eine zentrale Rolle bei der Beeinflussung von Politik und Behörden. ILSI tritt als scheinbar neutrale Institution auf, wird aber von Unternehmen der Lebensmittel-, Chemie- und Agrarindustrie finanziert. Zwischen 1983 und 1998 unterstützte ILSI nach eigenen Angaben beispielsweise auch die Tabakindustrie.

Als 2014 die Ergebnisse des EU-Projektes GRACE veröffentlicht wurden, in dem Ratten über drei Monate mit gentechnisch verändertem Mais MON 810 gefüttert wurden, wählten die Autoren ausgerechnet ein wissenschaftliches Journal, das Archives of Toxicology, das jahrelang mit der Tabakindustrie kooperiert hatte. Etliche der GRACE-Experten kooperieren auch mit ILSI. Zudem wurde die statistische Auswertung der Versuche von Wissenschaftlern vorgenommen, die auch für Monsanto arbeiten. Alles sicher – so das Fazit von GRACE. Doch die Auswertung durch einen Toxikologen, der im Auftrag von Testbiotech die Daten analysierte, stellt dies in Frage: Demnach gab es durchaus Hinweise auf gesundheitliche Beeinträchtigungen durch den Gentechnik-Mais, die man genauer hätte untersuchen müssen. Es geht um Blutwerte, die auf Probleme bei Niere, Leber und Bauchspeicheldrüse der Versuchstiere hinweisen. Unser Fazit: Dieses EU-Projekt ist nicht glaubwürdig, die beteiligten Wissenschaftler sind einseitig vorbelastet und der Publikationsprozess ist äußerst fragwürdig.

Dieser Fall ist nur einer von vielen, die Zweifel daran wecken, ob in der Wissenschaft und bei den Behörden die nötige Unabhängigkeit zur Industrie gewahrt wird. Testbiotech hatte diese Probleme mehrfach am Beispiel der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) deutlich gemacht. Manche Behörden und viele Wissenschaftler scheinen sich mehr und mehr als Dienstleister industrieller Interessen zu verstehen. Unabhängige Kontrolle und Kritik sind unter diesen Rahmenbedingungen unerwünscht.

Ohne gezielte politische Maßnahmen zur Förderung einer tatsächlich unabhängigen Risikoforschung werden Gesellschaft und Umwelt zunehmend zum Spielball wirtschaftlicher Interessen. Solange risikobehaftete Produkte nicht verboten sind, sollte die Gesellschaft wenigstens mehr um deren Gefahren wissen. Testbiotech hat deswegen schon 2013 gemeinsam mit anderen Verbänden eine Petition im deutschen Bundestag eingereicht, nach der die Industrie gesetzlich dazu verpflichtet werden soll, in einen Fond zur Finanzierung unabhängiger Risikoforschung einzuzahlen. Über die Verwendung der Gelder sollen Organisationen aus dem Bereich des Umwelt- und Verbraucherschutzes mitentscheiden. Das Prinzip ist einfach und kann auf andere Bereiche wie Pestizidzulassung, Nanotechnologie oder Mobilfunk übertragen werden: Erstens müssen diejenigen, die an entsprechenden Produkten verdienen, auch die Erforschung ihrer Risiken bezahlen, zweitens sollen diejenigen, die die Risiken tragen, auch darüber entscheiden, wie und was geforscht wird – natürlich unter Beachtung der nötigen wissenschaftlichen Standards. Ob derartige Vorschläge jemals umgesetzt werden, ist derzeit völlig offen. Aber es ist definitiv keine Alternative, so weiterzumachen wie bisher.

››› Gastbeitrag Christoph Then, Geschäftsführer Testbiotech e. V.

Testbiotech kurz gefasst

Das Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie hat es sich zur Aufgabe gemacht, über die Risiken der Biotechnologie aufzuklären. Es stellt von der Industrie unabhängige Expertise bereit und stärkt so die Entscheidungskompetenz der Gesellschaft. Außerdem veröffentlicht es Berichte zu verschiedenen Themen, beobachtet die EU-Zulassungen gentechnisch veränderter Pflanzen und regt u. a. auch Forschungsprojekte an Universitäten an. Gerade erschien im oekom verlag das Buch "Handbuch Agro-Gentechnik – Die Folgen für Landwirtschaft, Mensch und Umwelt", das zu gro­ßen Teilen auf der Arbeit von Testbiotech beruht (ISBN 978-3-86581-716-7, 19,95 Euro). Hinter Testbiotech steht ein gemeinnütziger Verein, der sich über Spendengelder finanziert.