Landwirtschaft und Naturschutz im Dialog

Drei Beispiele für mehr Vielfalt in der Agrarlandschaft

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Der Verlust an biologischer Vielfalt nimmt immer dramatischere Ausmaße an – vor allem auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Ehemalige "Allerweltsvögel" wie Feldlerche und Rebhuhn oder wichtige Bestäuberinnen wie Wildbienen und Hummeln sind stark gefährdet, blumenbunte Wiesen und Ackerrandstreifen verschwinden vielerorts. "Diesen Abwärtstrend müssen wir unbedingt aufhal­ten", sagt NABU-Landwirtschaftsexperte Jochen Goedecke. "Und das wird nur gelingen, wenn Naturschutz und Landwirtschaft zusammenarbeiten."

Ein Schritt auf diesem Weg ist das Projekt "Dialogforum Land­wirtschaft und Naturschutz". Der NABU Baden-Württemberg hat es ins Leben gerufen, um Vertreterinnen und Vertreter aus Landwirtschaft, Naturschutzverbänden und Behörden an einen Tisch zu bringen. "Wir wollen voneinander lernen und die Sorgen und Zwänge der anderen besser verstehen", erklärt Goedecke. "Daher veranstalten wir gemeinsame Workshops und Exkursionen, um Vorurteile abzubauen und Kontakte zu knüpfen – und um zu zeigen: Jeder Hof kann auf seine Weise etwas für die biologische Vielfalt tun."

Feldlerche

Beispiel 1: Gestaffelte Mahd rettet Insektenleben

Normalerweise werden Wiesen in einem Schwung gemäht. Insekten finden dort von einem Tag auf den anderen keine Nahrung und keinen Lebensraum mehr. Ihnen hilft es, wenn man stattdessen bei der ersten Mahd im Jahr Teilbereiche ausspart und "Inseln" stehen lässt. Diese Inseln dienen zum Beispiel Wildbienen oder Schwebfliegen auch dann noch als Nahrungsquelle, wenn die umliegenden Blüten bereits abgemäht sind. Die Larven des imposanten Grünen Heupferdes oder des stimmgewaltigen Feldgrashüpfers können hier ihre Entwicklung vervollständigen. Und von den Wieseninseln aus schaffen es die Insekten, die gemähten Bereiche wieder zu besiedeln. Auch Feldhasen oder Rebhühner profitieren von der gestaffelten Mahd, sie finden Rückzugsmöglichkeiten, die sonst in der ausgeräumten Agrarlandschaft rar sind.

Mohnfeld

Beispiel 2: Blühstreifen sind Lebensraum und Augenweide

Bunt blühende Feldränder mit Wiesensalbei, Klatschmohn, Sonnenblumen und Co. sind eine Augenweide – und sie leisten einen wertvollen Beitrag, um die biologische Vielfalt zu bewahren: Sie bieten Lebensraum für viele Wildtiere und verbinden unterschiedliche Biotope miteinander. Während der Erntezeit können sich Feldhasen oder Feldvögel darin verstecken. Ihre Blütenvielfalt sorgt für einen reich gedeckten Tisch für Schmetterlinge, Wildbienen und zahlreiche Vogelarten – je vielfältiger die Mischung, desto mehr Arten profitieren. So stehen zum Beispiel auf dem Speiseplan der Raupe des auffällig rotgefleckten Esparsetten-Widderchens die prächtig blühenden Esparsetten. Damit viele Tiere auch im Herbst noch Nahrung finden, werden die Blühstreifen möglichst spät gemäht, auf Teilen sogar erst im Frühjahr. So finden die Tiere noch lange Nahrung. Eier und Puppen vieler Insekten können in den trockenen Halmen und Stängeln den Winter überstehen.

Beispiel 3: Ziegen als Landschaftspflegerinnen

In unserer Kulturlandschaft sind viele Flächen, auf denen bedrohte Pflanzenarten wie die Gewöhnliche Kuh- oder Küchenschelle wachsen, über Jahrhunderte hinweg entstanden und würden heute ohne Bewirtschaftung zuwachsen und verloren gehen. Gerade in Mittelgebirgsregionen wie der Schwäbischen Alb oder der Rhön sind solche Grünlandflächen oft nur schwer zugänglich und stellen Landwirtinnen und Landwirte vor Herausforderungen. Hier bewährt sich eine auf die speziellen Gegebenheiten angepasste Beweidung – mit Ziegen als un­erschrockenen Landschaftspflegerinnen. Denn neben Gras fressen sie auch holzige junge Heckenpflanzen oder Baumsprösslinge. So verhindern sie, dass die artenreichen Wiesen von Schlehen, Ahorn und Ebereschen überwuchert werden. Kommen dabei seltene Nutztierrassen wie Thüringer Waldziege oder Schwarzwaldziege zum Einsatz, trägt die Beweidung auch dazu bei, deren Bestände zu sichern.

››› Gastbeitrag Jochen Goedecke und Anke Beisswänger, NABU Baden-Württemberg

Der NABU – Gemeinsam für Mensch und Natur

Seit 1899 setzt sich der NABU dafür ein, unsere Natur zu schützen und für zukünftige Generationen zu sichern. Mit mehr als 600.000 Mitgliedern und Förderern ist er Deutschlands mitgliederstärkster Umweltverband. In den rund 2.000 NABU-Gruppen und 70 Infozentren in ganz Deutschland steht praktischer Naturschutz genauso auf dem Programm wie Lobbyarbeit, Umweltbildung, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit.

Das Projekt "Dialogforum Landwirtschaft und Naturschutz" ist auf zwei Jahre angelegt. Es wird von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg gefördert.