01.03.2018

Grundwasser als Quelle der Welternährung

Ernährungssicherheit steht auf der Agenda 2030 der Vereinten Nationen weit oben. Aber kann dieses Nachhaltigkeitsziel – das Sustainable Development Goal 2 – auch erreicht werden? Der künftige Umgang mit den Grundwasserressourcen wird für die Ernährung der Weltbevölkerung entscheidend sein.

Platzhalter

In vielen Teilen der Welt werden Grundwasservorräte so stark übernutzt, dass der Grundwasserspiegel drastisch sinkt. Betroffen sind Regionen mit intensiver landwirtschaftlicher Bewässerung, beispielsweise in den USA, in China, Pakistan, Süd- und Westindien und Nordafrika. Aber auch in Europa leeren sich die Grundwasserspeicher, etwa in Spanien, Südfrankreich, Bulgarien. Der extreme Zugriff auf das Grundwasser führt vor allem in trockenen und halbtrockenen Gebieten dazu, dass die sogenannten Ausgleichspuffer verschwinden. Seen, Feuchtgebiete und Flüsse trocknen periodisch aus, ein Problem, das durch den Klimawandel noch verschärft wird. Denn steigende Temperaturen erhöhen die Verdunstungsrate, entsprechend weniger Grundwasser kann sich neu bilden. Damit steigt das Risiko für die Ernährungssicherung, weil die Nahrungsmittelproduktion auf Grundwasservorräte angewiesen ist. Wenn der Umgang mit der Ressource nicht nachhaltig reguliert wird, kommt es zwangsläufig zu Engpässen in der Lebensmittelproduktion.

Eine nachhaltige Grundwasserentnahme bedeutet, nicht mehr Wasser zu entnehmen, als sich langfristig über den Wasserkreislauf neu bilden kann. Zwar bestehen auch in den vom Wassermangel betroffenen Ländern gesetzliche Vorgaben zur Grundwasserregulierung, aber das Problem liegt in der fehlenden Überwachung. Hier muss es eine verbindliche internationale Regelung für ein Grundwasser-Monitoring geben, das sich an den UN-Nachhaltigkeitszielen orientiert. Sonst bleibt die Übernutzung der Grundwasservorräte vielerorts weiterhin ein blinder Fleck.

Schützenswert sind auch die fossilen Grundwasservorräte. Es sind die ältesten und tiefstliegenden Wassersysteme der Erde, die nicht mehr durch Niederschläge erneuerbar sind. Diese natürlichen Wasserschätze werden irreversibel zerstört. Beispielsweise in Ägypten oder auch in Libyen, wo das Abpumpen fossilen Grundwassers dramatisch zunimmt. Um die Grundwasserkrise in den Griff zu bekommen, wäre es sinnvoll, die Sustainable Development Goals (SDG) um eine Definition der nachhaltigen Grundwasserbewirtschaftung zu ergänzen. Die Weltgemeinschaft darf sich nicht länger vor eindeutigen Formulierungen zum Grundwassererhalt scheuen.

Denn die Folgen der Grundwasserübernutzung sind so vielfältig wie die Gründe. Im bevölkerungsreichen Südostasien, aber auch im Iran, in Ägypten und im Mittleren Osten trägt die staatliche Subventionierung von Energie zur Grundwasserkrise bei. Indem der Staat Diesel und Strom für Wasserpumpen subventioniert, fehlen Anreize zum Energie- und Wassersparen. Die Folge ist ein regelloses Bewässern durch subventionierte Energie. In trocken-heißen Gebieten führt das nicht nur zu Wassermangel, sondern auch zu Versalzungsproblemen: Durch das Verdunsten des überschüssigen Bewässerungswassers steigen vermehrt erdgebundene Salze auf und kristallisieren an der Oberfläche aus. Das versalzt die Böden dauerhaft und macht die Felder langfristig unbrauchbar für die Landwirtschaft.

Grundsätzlich sollten weltweit nachhaltigere landwirtschaftliche Praktiken angewendet werden, die stärker auf lokale Sorten setzen und die Fruchtfolgen den klimatischen Bedingungen anpassen. Insgesamt können nachhaltige Management-Praktiken, wie sie etwa im ökologischen Landbau schon seit Langem aktiv gefördert werden, dazu beitragen, den Wasserverbrauch zu reduzieren.
Vorbildlich ist auch ein Ansatz aus dem Hessischen Ried. Als einzige Region in der EU verfügt es über einen rechtsverbindlichen Grundwasserbewirtschaftungsplan, der Entnahmemengen durch sogenannte Grenzgrundwasserstände regelt. Solche partizipativ erzeugten Bewirtschaftungspläne können zudem die weltweit zunehmenden Nutzungskonflikte um das Wasser entschärfen. Sie können helfen, die Ansprüche von Siedlungswasserwirtschaft, Landwirtschaft, Industrie und Naturschutz besser auszubalancieren. Zentral für eine nachhaltige Wassernutzung muss künftig aber auch die Wiederverwendung von aufbereitetem Abwasser sein, wenn wir die wertvolle Ressource Grundwasser entlasten wollen.

››› Gastbeitrag Thomas Kluge, Wasserforscher am ISOE

Dr. Thomas Kluge ist Wasserforscher und Mitbegründer des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main, das zu den führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung gehört. Seit fast 30 Jahren entwickelt das ISOE wissenschaftliche Grundlagen und zukunftsfähige Konzepte in den Themenbereichen Wasser, Energie, Klimaschutz, Mobilität, Urbane Räume und Biodiversität. Thomas Kluge leitete am ISOE viele Jahre den Forschungsschwerpunkt Wasserressourcen und Landnutzung.