Equilibrismus – eine realisierbare Utopie?

Der Verein Equilibrismus e.V. setzt sich mit seinem Wirtschaftsmodell dafür ein, dass Menschen durch ein Miteinander ihren Lebensraum schützen. Eine fiktive Trilogie macht das Konzept erfahrbar.

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Wo beginnen bei einem Konzept, das für sich in Anspruch nimmt, eine umfassende "runde Sache" zu sein? Vielleicht beim auslösenden Gedanken: In den 1990er-Jahren wurde einigen Leuten klar, dass trotz der vielen Bemühungen von Menschenrechts- und Umweltorganisationen, trotz Friedens- und anderer Reformbewegungen die Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, eher zunehmen. Sie erkannten, dass das Nebeneinander von Initiativen, die sich jeweils einem Teilbereich widmeten, die Entwicklung zum Negativen nicht stoppen konnte. Es brauchte ein Konzept, das allen für das Überleben der Spezies Mensch relevanten Reformen einen Rahmen gab und aufzeigte, wie diese Bereiche miteinander verzahnt sind.

So kam es vor nun bald 20 Jahren zur Gründung des ­Equi­librismus e. V. in München. Equilibrium bedeutet Gleichgewicht – und aus dem hat die Industriegesellschaft den Planeten mit ihrem Fokus auf dem Wirtschaftswachstum in einem Ausmaß gebracht, das einerseits lebensbedrohlich ist, andererseits aber bereits so stark im Bewusstsein verankert ist, dass man sich kaum noch vorstellen kann, wie es ­anders gehen sollte.

Gerade hier setzt das Konzept des Equilibrismus an. Es versteht sich als "sozio-ökologisches Wirtschaftsmodell", in dem ein biozentrischer statt eines anthropozentrischen Standpunkts eingenommen wird: Der Mensch ist Teil der Natur und hat sein Tun ihren Regeln anzupassen. Dazu gehören unter anderem die Kreislaufwirtschaft, Bio-Regionalisierung und eine nachhaltige Geld- und Bodenordnung. Ein so umfangreiches Modell lässt sich allerdings nicht auf einigen wenigen Seiten darstellen, und so wurde es 2005 als Sachbuch veröffentlicht ("Equilibrismus", vergriffen; als pdf zu bestellen unter equilibrismus.org).

Von Sir Peter Ustinov, der ein Geleitwort zum Sachbuch schrieb, kam die Anregung, den Equilibrismus in einem Zukunftsroman als bereits realisiert erlebbar zu machen. Für die Umsetzung dieser Idee wurde Dirk C. Fleck gewonnen, der 1994 mit seiner düsteren Zukunftsvision "GO! Die Ökodiktatur" den Deutschen Science-Fiction-Preis gewann. Er war bereit für eine positive Zukunftsvision, nachdem er den Equilibrismus kennengelernt hatte. Die Idee dahinter: Mit der ­Fiktion im Roman sollte der Boden bereitet werden für ein reales Modellprojekt. Denn darum ging und geht es dem Equilibrismus e.V. letztlich: zu zeigen, dass Alternativen mach­bar sind, wenn sie miteinander vernetzt vorangebracht werden.

Etwas so Umfangreiches – so viel war von Beginn an klar – könnte nur in einer relativ abgeschiedenen Region ­Gestalt annehmen. Am besten also auf einer Insel mit europäischen Standards, mit vergleichbaren Problemen, aber auch mit eigenen Ressourcen. Tahiti drängte sich da geradezu auf.

So entstand 2006 "Das Tahiti-Projekt", ein Roman, der Dirk C. Fleck zum zweiten Mal den Deutschen Science-Fiction-Preis und den Titel "Vater des Öko-Thrillers" einbrachte. In diesem Buch wird gezeigt, wie es sich in einer Gesellschaft lebt, die die uns bereits heute zur Verfügung stehenden Alternativen umgesetzt hat – also eigentlich gar keine "Science Fiction", sondern eher eine Gesellschaftsfiktion. 2010 folgte der Fortsetzungsroman "Das Südsee-Virus", in dem die ­konfliktreiche Ausbreitung der Reformen über die Kontinente geschildert wird. Und vor kurzem wurde die Trilogie abgeschlossen durch den Band "Feuer am Fuß".
Parallel liefen die realen Kontakte in Tahiti weiter, um dort mit einem Modellprojekt zu beginnen, das andere Regionen inspirieren sollte – so, wie in den Romanen angelegt. Doch leider erwiesen sich die politischen Verhältnisse in Französisch-Polynesien als so instabil, dass an Reformen in diesem Ausmaß derzeit nicht zu denken ist.

Inzwischen hat sich der Equilibrismus e. V. längst auf die Suche nach einem neuen Ort gemacht, an dem das "Tahiti-Projekt" verwirklicht werden könnte – warum zum Beispiel nicht in Nova Scotia (Kanada)? Oder einer anderen Region – die wichtigste Voraussetzung ist, dass die Menschen dort selbst die Idee aufgreifen und an ihre Gegebenheiten anpassen. Denn eines haben die Equilibristen nicht: den Anspruch, sie hätten "die goldene Lösung".

Aber auch die besten Ideen werden sich erst verwirklichen lassen, wenn wir endlich das Paradoxe an unserer Lebenseinstellung erkennen: mit einem Mangelbewusstsein im Überfluss zu leben. Und wenn wir die Angst voreinander verlieren, einsehen, dass "der Andere" nicht Konkurrent ist, sondern Partner – der mit uns auf dem gleichen Dampfer unterwegs ist, dessen Kurs wir gemeinsam schnell und entscheidend ändern müssen.

››› Gastbeitrag Volker Freystedt, zweiter Vorsitzender Equilibrismus e.V. (equilibrismus.org)

Die Maeva-Trilogie von Dirk C. Fleck

Die Maeva-Trilogie von Dirk C. Fleck

Abgrundtief realistisch und dennoch voller Hoffnung – dies ist das Motto der Maeva-Trilogie, die die Folgen unserer zerstörerischen Lebensweise schildert. "Das Tahiti-Projekt" spielt im Jahre 2022 und macht eine sozio-ökologische Gesellschaft sinnlich erfahrbar, die sich abseits des globalen Wahnsinns in der Südsee gebildet hat. "Das Südsee-Virus" / "Maeva!" handelt davon, wie das positive Virus von Tahiti aus in die Welt getragen wird und auf welche Widerstände die Protagonistin Maeva im Jahre 2028 dabei stößt. "Feuer am Fuß" spielt sieben Jahre später und beschreibt den Untergang unserer Zivilisation, der sich auf vielfältige Weise seit geraumer Zeit ankündigt. Aber wie in den beiden Vorgängerromanen wird auch hier das Prinzip Hoffnung hochgehalten.

Zu bestellen sind die Bücher in jeder Buchhandlung oder unter dirk-c-fleck.de/de/shop