Der Wald in der Großstadt

Mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen aus der Großstadt war noch nie im Wald. Das hat die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald auf die Idee gebracht, mit dem Wälderhaus den Wald in die Stadt zu bringen.

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Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg haben mehr als 75 Prozent aller jungen Menschen unter 18 Migrationshintergrund. Der Stadtteil zeichnet sich unter anderem durch eine doppelt so hohe Arbeitslosigkeit wie in Gesamt-Hamburg und ein Durchschnittseinkommen aus, das fast halb so hoch ist wie in der ganzen Stadt. Dazu kommt die besondere Lage von Wilhelmsburg als Elbinsel. Obwohl mit der S-Bahn in weniger als zehn Minuten erreichbar, war es für Hamburger wenig attraktiv, einen Ausflug dorthin zu machen. Das änderte sich erst 2013 mit der Internationalen Gartenschau und der Bauausstellung. Durch diese beiden parallelen Veranstaltungen entstand der Inselpark, eine rundum schöne Parkanlage mit vielen Freizeitmöglichkeiten. Und mittendrin steht das Wälderhaus der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW).

Im Hamburger Wälderhaus

Im Wälderhaus dreht sich alles um das Thema Nachhaltigkeit. Die oberen drei Geschosse des fünfstöckigen Hauses bestehen aus unbehandeltem Fichtenholz, die Lärchenfassade bietet Pflanzen und Tieren einen Lebensraum und das intensive Gründach mit mehr als 9.000 Pflanzen gleicht die versiegelte Grundfläche des Hauses wieder aus. Geheizt wird CO2-neutral mit Erd- und Nahwärme. Das Haus besteht aus einem Hotel, das von der Raphael Hotel-Gruppe betrieben wird, einer Gastronomie, einem großen Tagungsbereich für 300 Personen und dem Herzstück, dem Science Center Wald. Veranstaltungsorganisation und Science Center werden von einem von der SDW gegründeten Integrationsbetrieb geführt. Das Ziel ist dabei, Menschen, die aufgrund von Behinderung und Langzeitarbeitslosigkeit wenig Perspektiven im Berufsleben haben, einen dauerhaften Job zu verschaffen. Naturschutz, Soziales, Ökonomisches und Kultur verbinden sich so im Wälderhaus.

Im Hamburger Wälderhaus

Jeden Tag kommen Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft und erhalten einen ersten Eindruck über den Wald. Im Foyer mischen sie sich mit den Hotel- und Tagungsgästen und sorgen für eine lebendige Atmosphäre, wenn die Umweltpädagogen mit den Programmen vor der Waldausstellung starten. Eingeteilt in Kleingruppen und ausgerüstet mit einem iPad für die mobile Rallye, lauschen die Kinder gespannt den Pädagogen, bevor sich die Türen zum Science Center Wald öffnen. Beeindruckt von den mächtigen Baumstämmen und den ungewöhnlichen Waldgeräuschen betreten die Kinder vorsichtig und fast mucksmäuschenstill die Ausstellung. Nach einer kurzen Orientierungsphase geht es dann los. Mithilfe der Wälderhaus-App erkunden die Gruppen die einzelnen Stationen und lösen dabei die Aufgaben rund um das große Thema Wald. Was ein Waldbaumläufer ist, wie sich Bäume ernähren, warum Nadelbäume ihre Blätter im Winter nicht abwerfen und viele weitere Informationen mehr nehmen die Jungförster im Science Center auf.

"Die Waldausstellung im Wälderhaus soll den Besuch im Wald nicht ersetzen, sondern ergänzen", so Bettina Bartlick-Kustak, Umweltpädagogin bei der SDW. "Mit dem Science Center Wald können wir die komplexen Abläufe im Wald erklären und veranschaulichen, was im Wald so nicht immer möglich ist." Denn an mehr als 80 Erkundungs- und Mikroskopierstationen erleben die Besucher den Wald auf eine neue Art und Weise und entlocken ihm viele seiner Geheimnisse.

Aber nicht nur der Wald wird in der Ausstellung behandelt.

Auch der Stadtnatur ist ein großer Bereich gewidmet. Als grüne Stadt an der Elbe bietet Hamburg vielen Tieren einen neuen Lebensraum. Marderhund, Waschbär, Steinmarder und Fuchs leben schon lange zwischen uns, nur bekommen wir sie sehr selten zu Gesicht. Warum die Tiere in die Städte ziehen und welche Visionen Stadtplaner für "grüne" Metropolen haben, diese und weitere Themen behandelt die Ausstellung Stadtnatur.

Das Science Center Wald steht aber nicht nur Kindern und Jugendlichen offen. Auch Erwachsene können noch viel über unsere Natur erfahren – entweder in einer Führung oder mithilfe der App für das iPad, das ausgeliehen werden kann. Wer länger bleiben möchte, kann in einem der 82 Zimmer des ­Raphael Hotel Wälderhaus übernachten. Sie bestehen aus ökologisch verarbeitetem Holz und erfüllen die Forderungen nach höchstmöglicher Energie-Effizienz und Nachhaltigkeit in allen verwendeten Materialien. Jedes Zimmer hat einen heimischen Baum und Strauch als "Baumpaten", über den auf dekorative Weise informiert wird.

> Das Wälderhaus in Hamburg Wilhelmsburg entwickelt sich langsam zu einem Treffpunkt im Wilhelmsburger Inselpark. Nicht nur für Waldfreunde, Tagungs- und Hotelgäste, sondern auch für die Bewohner des Stadtteils.

››› Gastbeitrag Hartmut Eckert, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Landesverband Hamburg e.V. (SDW)