Vortrag von Prof. Dr. Götz E. Rehn zum Neujahrsempfang bei der IHK

Kurzfassung des Vortrags von Prof. Dr. Götz E. Rehn zum Neujahrsempfang der Industrie und Handelskammer Frankfurt am 19. Januar 2011

Sehr geehrter Herr Präsident Müller,
sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr verehrte Damen und Herren,
und – ich glaube, ich darf Sie heute auch so ansprechen: „liebe Kundinnen und Kunden“,

über die Einladung von Herrn Präsident Müller, zum Jahresauftakt hier sprechen zu dürfen, freue ich mich sehr. Frankfurt ist ein Ort, mit dem ich tief verbunden bin. Es sind geistige und persönliche Wurzeln, die ich in dieser Stadt habe.

Johann Wolfgang von Goethe, der 1749 in Frankfurt geboren wurde, ist für mich nicht nur ein großer Dichter, sondern ein großer Philosoph und Wissenschaftler. Seine besondere Leistung besteht in seiner ganzheitlichen Weltanschauung. Sie war der Anknüpfungspunkt für Rudolf Steiner, der 1861 geboren ist und damit dieses Jahr seinen 150. Geburtstag feiert. Steiner hat in den 1880er Jahren in Weimar Goethes Naturwissenschaftliche Schriften herausgegeben und im Anschluss daran das Buch „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ veröffentlicht. Dieses Werk und die „Philosophie der Freiheit“ des gleichen Autors sind bis heute meine geistigen Wegbegleiter.

Jetzt zu meiner persönlichen Beziehung zu Frankfurt: 100 Jahre nach Goethe, also 1849 wurde mein Urgroßvater Ludwig Rehn in Allendorf an der Werra geboren. Er war Chirurg und lebte seit seinem 25. Lebensjahr in Griesheim und Frankfurt. 1896 gelang ihm als erstem Arzt überhaupt das Nähen einer Stichwunde am menschlichen Herzen. Er plante den Neubau der Chirurgie am hiesigen Städtischen Krankenhaus. 1914 wurde er ordentlicher Professor und Ordinarius an der neugegründeten Frankfurter Universität.

Ludwig Rehn war ein chirurgischer Autodidakt, der in seiner Biographie über sich schreibt: „Ausgetretene Pfade zu gehen, hat mich nie gereizt“. Er war ein Unternehmer seines Lebens; ein Arzt und Mensch, der manches erreichte, was viele für unmöglich erachteten. In dieser Hinsicht fühle ich mich ihm sehr verwandt.
Auch ich erlebte vor 28 Jahren, als ich meine Ideen zur Gestaltung eines Unternehmens vorstellte, fast ausnahmslos Ablehnung. Eine konsequent am Menschen orientierte Unternehmensführung ist wirtschaftlich nicht möglich, sagten mir die Kritiker. Die Entwicklung von Alnatura zeigt, dass die Verwirklichung unserer Vision „Sinnvoll für Mensch und Erde“ möglich ist und großen Zuspruch erfährt.

Dies ist nicht selbstverständlich. Wir haben das große Glück, in einer besonderen Zeit zu leben. Wir können in Freiheit und aus Freiheit Neues gestalten. Wann je in der Geschichte der Menschheit hatte eine Generation so viele Gestaltungsmöglichkeiten und so große Mittel wie wir? Fast alles ist möglich – im Guten wie im Schlechten.

Der in mancher Hinsicht Besorgnis erregende Zustand unseres Planeten ist die Folge unseres Denkens und Handelns. Die viel beklagten Umweltprobleme sind ja der Spiegel unseres Wirkens. Interessant ist die Frage, warum bauen wir unser Erdenschiff in solch einem Tempo um und warum entstehen trotzdem immer mehr Löcher, durch die das „Erden-Boot“ an immer mehr Stellen voll Wasser läuft?

Wir haben uns immer stärker aus den formenden Kräften der Tradition und Religion gelöst. Frei und neugierig denken und handeln wir. Dabei ist das Primat des Erfolgs und damit zumeist auch die ausschließlich wirtschaftliche Dimension unser Leitbild geworden.

Um den Pfad der Zerstörung zu verlassen, müssen wir die Fähigkeit, ganzheitlich zu denken und zu handeln, neu entwickeln. Das ist die Aufgabe unserer Zeit, und dazu sind wir Menschen auch fähig. Die Folgen der einseitigen Ökonomisierung sind eine Abnutzung und Ausbeutung des Planeten und die bedrohliche Kulisse der wachsenden Umweltprobleme. Unsere Antwort darauf ist das Konzept einer nachhaltigen Wirtschaft. Darunter verstehen wir eine Denk- und Handlungsweise, die gleichzeitig die ökonomische, ökologische und soziale Dimension beachtet. Ob dies ausreicht, ist noch zu prüfen.

Ich möchte heute jedoch nicht über die Krisen, Probleme und Katastrophen in Wirtschaft und Gesellschaft sprechen. Ich möchte Sie vielmehr dazu einladen, gemeinsam mit mir neue Chancen und neue Lösungen zu entdecken. Ich will Ihnen zeigen, dass es jenseits der so genannten wirtschaftlichen Sachzwänge, denen wir unser Denken und Handeln allzu leicht unterwerfen, neue Denkperspektiven gibt.

Um dies zu illustrieren, möchte ich Ihnen vom Alnatura Bienenschmaus erzählen.
Es mag uns überraschen, dass es die Bienen in den Wirtschaftsteil der FAZ am 13. August 2010 geschafft haben. Doch machen wir uns bewusst: Bienen bestäuben unsere Kulturpflanzen und 35% der Nahrungsmittel sind für ihre Entstehung auf Bestäubung angewiesen.
Jährlich sterben in Deutschland 10% bis 30% der Bienen (laut Bienenmonitoring der Bundesanstalt für Landwirtschaft). Hierfür gibt es viele Ursachen; ein strenger Winter, die Milbenkrankheit, aber besonders die Folgen der Agrarindustrie mit ihrem Pestizideinsatz und den Monokulturen. Gibt es keine blühenden Pflanzen, dann haben die Bienen keinen Nektar und keine Pollen als Nahrung.
Auf die Situation der Bienen wurde eine Mitarbeiterin von Alnatura aufmerksam und suchte nach einer Lösung. Ihr kam die Idee, den Alnatura Bienenschmaus, eine Mischung von Blütenpflanzensamen, zu entwickeln und den Kunden zum Kauf anzubieten. Sie ging dabei davon aus, dass die Kunden so viel Interesse an den Bienen haben, dass sie den Bienenschmaus kaufen und an geeigneter Stelle aussäen. Ich stand dem Projekt äußerst skeptisch gegenüber und ließ mich erst nach mehreren Anläufen davon überzeugen, den Versuch zu wagen.
Seit März 2008 bis heute haben die Kundinnen und Kunden über 200.000 Tütchen Alnatura Bienenschmaus gekauft und damit – wenn alle Samen ausgestreut worden sind – 800.000 qm, das heißt 115 Fußballfelder eingesät.
Was zeigt uns diese für mich noch immer unglaubliche Geschichte? Es gibt eine immer größere Zahl von Menschen, die nicht nur Konsumenten, sondern Mitgestalter der Wirtschaft sein wollen. Sie fühlen sich für die Produkte und Dienste der Unternehmen mitverantwortlich. Sie wollen mehr über die Hintergründe der Wirtschaft wissen. Sie verlangen nach Transparenz, wollen mitdenken und mitmachen. Schon heute entstehen die Hälfte aller neuen Alnatura Produkte auf Basis konkreter Kundenideen.
Diese neuen Kunden sind nicht mehr bloße Verbraucher, die man durch Werbung beeindrucken kann. Sie wollen und können selbständig entscheiden, was sie kaufen. Sie wollen auch keinen Kaufgrund suggeriert bekommen, sondern glaubwürdig und verlässlich informiert werden.

Anstelle einer persuasiven Kommunikation ist Transparenz gefragt. Dies kommt einem Umsturz der klassischen Marketingkonzepte gleich. Fast alles ist anders zu machen: Statt verkaufen, anbieten; statt überreden, informieren; statt monologisieren, den Dialog mit den Kunden pflegen.

In dieser Entwicklung zeigt sich für mich die Signatur des modernen Individuums. Der Mensch ist nicht nur Geschöpf, sondern er erlebt sich als Schöpfer. Er möchte sich in seinen Taten ausdrücken und will die Gesellschaft und besonders die Welt der Wirtschaft mitgestalten.

Doch sind wir auf diese Situation vorbereitet? Welche Möglichkeiten haben wir für diese neuen Kunden zum Mitdenken und Mitmachen in unseren Unternehmen entwickelt? Wie verstehen wir unser Geschäft? Was ist für uns moderne Wirtschaft? Vor allem Kampf am Markt, Preisdruck, Rendite, Erfolg, Marktanteilsgewinn, das Auf und Ab der Kurse, …?

Für mich ist die moderne Wirtschaft vor allem real praktizierter Altruismus und ein großer Freiheitsgewinn. Dies meine ich nicht im moralischen Sinne, sondern in faktischer Hinsicht. Die Arbeitsteilung in Verbindung mit den technischen Innovationen führt zu einer Einsparung an Arbeit und damit zu einem Gewinn an Freiheit, da wir mit wachsender Produktivität immer mehr in gleicher Zeit erzeugen können.

Die moderne Arbeitsteilung zwingt uns zugleich dazu, mit anderen für andere tätig zu sein. Nur in Verbindung mit den Leistungsbeiträgen der Kollegen entsteht ein Produkt für Kunden. Gleichzeitig ist der Leistungsbeitrag des Einzelnen vom Erzeuger selbst nicht zu gebrauchen. Wir sind auf die Leistungen und Produkte anderer Menschen angewiesen. Ich kann mich also in der arbeitsteiligen Wirtschaft gar nicht mehr mit meinen Arbeitsergebnissen selbst versorgen. Deshalb ist die arbeitsteilige Wirtschaft per se eine altruistische. Denken tun wir Wirtschaft allerdings als Selbstversorger.

Doch passt diese Selbstversorgungsmentalität zu dem altruistischen Prinzip der arbeitsteiligen Wirtschaft? Wie gelingt es uns, gerne für die anderen, unsere Kunden, tätig sein zu wollen? Eine radikale Kundenorientierung einfach nur zu verordnen, wird nicht funktionieren. Wir werden uns nur dann ganz für unsere Kunden einsetzen wollen, wenn wir den Grund dafür erkennen. Nach meiner Erfahrung sind wir dann zum vollen Engagement bereit, wenn wir an einer Aufgabe mitwirken, die uns sinnvoll erscheint.

Sinnvoll ist, was dem Mensch dient und dabei die Erde als lebendigen Organismus respektiert. Dabei verstehe ich den Menschen nicht als Gattungswesen, sondern als geistige Individualität. Als eine je individuelle Persönlichkeit, die nach Selbstentwicklung und geistiger Freiheit strebt.

Wenn wir die Erde nicht als Rohstofflager missverstehen, sondern als lebendigen Organismus begreifen, dann geht es in unseren wirtschaftlichen Aktivitäten um z. B. eine umweltgerechte Produktion; im Idealfall um eine Agrarkultur wie den biologisch-dynamischen Landbau.

Vor einer Woche habe ich eine neue biologisch-dynamisch bewirtschaftete Farm der Sekem Initiative in Ägypten bei Minja besucht. Mitten in der Wüste sind in einem 18 km langen Tal durch Bewässerung und biologisch-dynamisch gepflegten Kompost bereits nach einem Jahr 1.000 Hektar Kräuteranbau entstanden. Die fruchtbare Bodenschicht in der Wüste wächst Jahr für Jahr. Das ist ein gutes Beispiel für eine Partnerschaft mit der Erde: Aus Wüstensand blühende Agrarkultur zu schaffen, die jährlich drei Ernten von Kräutern erlaubt.

Das Ziel der Wirtschaft ist abhängig von unserem Welt- und Menschenbild. Das ist meine wesentliche Erkenntnis. Aus der Wirtschaft selbst kann man keine Sinnbestimmung ableiten. Wirtschaften heißt, miteinander für andere Produkte und Dienste möglichst effizient zu produzieren, die von Kunden gekauft werden, weil sie geschätzt werden. Damit ist noch keineswegs geklärt, wie die Qualität der Erzeugnisse beschaffen ist und an was sich die Qualitätsarbeit ausrichtet.
Dieser Zusammenhang hat bei Alnatura vom Tag der Gründung an zu einer strikten Trennung zwischen Produktentwicklung, Qualitätsmanagement und Produktion geführt. Jedes Produkt wird im Hinblick auf seine Qualität von einem vom Unternehmen unabhängigen Arbeitskreis Qualität geprüft und zur Produktion freigegeben oder nicht. Für uns ist die Qualitätsarbeit eine Kulturfrage. Erst anschließend, wenn die Rezeptur für ein Produkt steht, beginnt der eigentliche wirtschaftliche Prozess mit schlanker Organisation und effizienten Prozessen. Natürlich schauen wir dann auf die Zahlen und arbeiten an steten Verbesserungen.

Wirtschaft bedarf heute und morgen der Sinngebung. Nur wenn der Mensch als schöpfende Individualität das Maß für unser Handeln darstellt, werden wir die Wirtschaft zähmen, werden wir uns selber zähmen. Die Art, wie wir wirtschaften, ist abhängig von unserem Welt- und Menschenbild. Wenn das Maß aller Dinge allein der in Zahlen gemessene wirtschaftliche Erfolg ist, werden wir alles am Erfolg ausrichten – ohne Rücksicht auf die „Nebenwirkungen“, die wir bei Mensch und Erde auslösen. Wenn das Maß aller Dinge der Mensch ist, dann führt dies zu einem Neudenken im Wirtschaften.

Nicht der Mensch dient dann der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft dient den Menschen. Das höchste Ziel der Wirtschaft ist nicht mehr die Erzielung des maximalen Gewinns, sondern die Entwicklung und Produktion möglichst sinnvoller Produkte für die Menschen. Natürlich müssen die wirtschaftlichen Prozesse – das Miteinander in der Wertschöpfungskette in und zwischen Unternehmen – effizient gestaltet sein. Natürlich muss das Unternehmen profitabel sein, um auch in Zukunft wirksam sein zu können. Der Gewinn ist jedoch nicht das Ziel, sondern das Ergebnis des Wirtschaftens.

Das ist eine neue Art, Wirtschaft zu denken. Und auf die Kritiken, das seien sozialromantische Traumwelten und kein faktenbasiertes Management für Morgen, erinnere ich:

  1. An die neuen Kunden, die Wirtschaft mitgestalten wollen und sinnvolle Produkte fordern
  2. An die neuen initiativen Mitarbeiter, die aus Liebe und Interesse an einem sinnvollen Produkt arbeiten wollen
  3. An die Umweltprobleme, die nur durch eine wirklich nachhaltige Wirtschaft gelöst werden können. Nachhaltig in ökologischer, sozialer, ökonomischer und zusätzlich kultureller Dimension. Nachhaltig ist, was dem Menschen dient, ihn in seiner Entwicklung, Urteils- und Erkenntnisfähigkeit ernst nimmt und fördert.

Prof. Dr. Götz E. Rehn, Alnatura GmbH, 64404 Bickenbach