Menschenwürde in der Wirtschaft

Eine lebensnahe, menschenfreundliche Wirtschaft, die nicht den ökonomischen Erfolg zum alleinigen Ziel erklärt - der Ruf danach wird immer lauter. Was aber können wir tun, um zu einer Neubestimmung von Wirtschaft und Gesellschaft zu kommen?

Johannes Rau hat am 18. Mai 2001 in der berühmten Rede "Wird alles gut? Für einen Fortschritt nach menschlichem Maß" gesagt: "Ökonomische Interessen sind legitim und wichtig. Sie können aber nicht gegen die Menschenwürde und den Schutz des Lebens aufgewogen werden." ... "Wo die Menschenwürde berührt ist, zählen keine wirtschaftlichen Argumente."

Unsere moderne Gesellschaft scheint allerdings ganz unter dem Diktat der ökonomischen Rationalität zu stehen. Wirtschaftliche Gesichtspunkte werden in allen gesellschaftlichen Belangen als Begründung für geplante Maßnahmen herangezogen. Ob es um die Ansiedlung neuer Industrien, um den Abbau von Arbeitsplätzen durch Rationalisierung oder um andere Aktivitäten geht - immer wird das Argument der wirtschaftlichen Notwendigkeit genannt.

Eine einseitige Entwicklung

Diese radikale Ökonomisierung unserer Gesellschaft führt zu einer Verkürzung der großen Ideale, die in der Vergangenheit Ziel und Maßstab unseres Handelns waren. An die Stelle des vernünftigen Handelns tritt die reine Effi zienz als Inbegriff der ökonomischen Rationalität. Das Ideal des Fortschritts wird reduziert auf Wirtschaftswachstum. Die Freiheit des Menschen wird häufi g genug mit Marktliberalismus gleichgesetzt - gemäß dem Motto: Der größte individuelle Nutzen führt auch zum größten Nutzen für alle Mitglieder einer Gemeinschaft.

So lange wir alle Fähigkeiten und alle Kreativität, unser gesamtes Engagement und auch unseren Lebenssinn ausschließlich in den Dienst wirtschaftlicher Ziele stellen, missbrauchen wir die Erde für den wirtschaftlichen Erfolg und entziehen damit dem Menschen die für seine leibliche Existenz notwendige Lebensgrundlage.

Der Mensch erlebt sich als Opfer der wirtschaftlichen Verhältnisse. Immer häufiger und lauter wird der Ruf nach einer Neubestimmung von Wirtschaft und Gesellschaft erhoben. Sie gipfelt in der Forderung nach der Menschenwürdigkeit der Wirtschaft.

Soll es nicht bei einer Forderung stehen bleiben - und in der Vergangenheit haben die Appelle wenig bewirkt -, müssen wir unseren eigenen Beitrag im Hinblick auf die Situation von Wirtschaft und Gesellschaft betrachten. Die Verhältnisse, in denen wir leben, sind nicht das Ergebnis der Wirksamkeit anonymer Mächte, sondern ihre Gestalt ist Menschenwerk. Wir alle sind als Konsumenten oder Mitwirkende in der Gesellschaft die Ideengeber und Gestalter unserer Umwelt. Die Verhältnisse heute und morgen stellen wiederum den Handlungsrahmen dar, innerhalb dessen wir in Zukunft wirksam sein können.

Die Macht jedes Einzelnen

Immer wieder wird uns eingeredet, dass wir ohnmächtig seien angesichts der bestehenden Verhältnisse und dass der Einzelne nichts bewirken könne. Diese Beobachtung teile ich nicht, und meine persönliche Erfahrung zeigt, dass der Einzelne gemeinsam mit anderen sehr wohl etwas ändern kann. Alnatura ist eine Unternehmensinitiative, die sich an der Würde des Menschen ausrichtet und dementsprechend mit der Natur sorgsam und bewusst umzugehen versucht. Diese Initiative ist nur möglich, weil viele Menschen als Kundinnen und Kunden unseren Weg unterstützen und unsere Produkte und Leistungen wertschätzen. Die Wertschätzung findet ihren Ausdruck im Kauf unserer Produkte.

Insofern liegt die Entwicklungsrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft in unseren Händen. "Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie singt mit Euch! Mit Euch wird sie sich heben!" Friedrich Schiller macht mit diesem Ausspruch deutlich, dass wir selbst der Schmied unseres Glückes sind. Wir können frei über unsere Zukunft entscheiden, und in Folge der Orientierung unseres Denkens und Handelns gestalten wir die Welt entweder im Dienste des Menschen oder zu seinem Nachteil.

Selbstständig und veranwortlich

Ist der Mensch das Maß alles Handelns? Können wir der Wirtschaft einen Sinn und einen Inhalt geben? Wirtschaft als arbeitsteilig organisierter Prozess der Produkt- und Leistungserstellung kann, je nach Entwicklungsrichtung, dem Menschen dienen oder ihm in Zukunft seine Lebens- und damit Entwicklungsgrundlage entziehen.

Die Entwicklungsfreiheit des modernen Menschen ist deshalb Segen und Fluch zugleich. Sie wird zum Fluch, wenn wir, im Sinne Schillers gesprochen, die Würde des Menschen nicht erkennen, indem wir uns als selbstständige und freie Wesen entwickeln. Sie gereicht zum Segen, wenn wir uns als Menschen entwickeln und damit unsere eigene Würde als freie Individualitäten, die selbstständig und verantwortlich handeln können und wollen, in unserem Denken und Handeln zum Ausdruck bringen. Jeder von uns kann jederzeit zum Schutz der Menschenwürde beitragen, indem er sein eigenes Tun und Handeln entsprechend gestaltet.

Angesichts dieser Situation geht es nicht nur um die Menschenwürde in der Wirtschaft, sondern vordringlich um die Gesellschaftswürdigkeit des Menschen. Da der Mensch selbst die gesellschaftlichen Verhältnisse gestaltet, sind sie nur dann seiner würdig, wenn er nach bestem Vermögen die Verhältnisse so ausbildet, dass sie seinem Wesen tatsächlich entsprechen.

Wirtschaftlich: Für Andere tätig sein

Doch wie ist dies möglich? Rudolf Steiner hat in Vorträgen zur "Praktischen Ausbildung des Denkens" Ansatzpunkte für den Entwicklungsweg geliefert: Eine umfassende Erkenntnis der Welt setzt voraus, dass wir echtes Interesse an der Welt haben. Sinnvolles Handeln kommt nur zustande, wenn wir aus Liebe und Lust tätig sind und sein können. Wir werden uns nur entwickeln, wenn wir die Kraft haben, über das, was wir tun, nachzusinnen und die Folgen unserer Taten zu bedenken.

Gelingt es uns, aus wirklichem Interesse am Menschen tätig zu sein, wird sich nicht nur unser unmittelbares Umfeld, sondern unsere gesamte Gesellschaft nachhaltig ändern. Wirtschaften bedeutet immer, für andere tätig zu sein. Jeder von uns bringt Produkte hervor, die von anderen gekauft werden. Seine eigenen Bedürfnisse werden wiederum durch Produkte befriedigt, die seine Mitmenschen erzeugen. Gelingt es uns, dieses Grundgesetz zu beachten, werden wir unsere Gesellschaft von dem Joch der reinen Rationalität der Ökonomie befreien und ihr den Ausdruck verleihen, der der Würde des Menschen entspricht.

Autor: Prof. Dr. Götz E. Rehn,
Gründer und Geschäftsführer Alnatura