Unternehmen neu denken

Alnatura macht sich auf den Weg zu einer sich selbst führenden Organisation. Was das bedeutet, erläutert Joachim Schledt, Bereichsverantwortlicher Mitarbeiterservice und -entwicklung.

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Herr Schledt, praktisch alle Unternehmen werden ganz ­traditionell von Managern geführt. Was will Alnatura anders machen?

Die meisten Mitarbeiter in Unternehmen sind hie­rarchische Strukturen gewohnt. Chefs tragen die Verantwortung, sie verteilen Arbeitsaufträge und ihre Mitarbeiter setzen diese um.
Das Unternehmen Alnatura verstehen wir dagegen als einen Organismus, das heißt, als eine lebendige, von Menschen gestaltete, sich kontinuierlich verändernde und entwickelnde Einheit. Wir sprechen von einem sozialorganischen Unter­nehmen. Jedes Mitglied dieses Organismus kann und soll die Entwicklung aktiv und selbstverantwortlich mitgestalten.

Das machen viele Mitarbeiter anderer Unternehmen auch …

Mit dem Unterschied, dass dort die Selbstführung kaum ausgeprägt ist. Wir wollen Mitarbeiter dabei unterstützen, selbstverantwortlich und aus eigener Einsicht handeln zu können. Je besser das gelingt, desto mehr geht Mitarbeiterführung in die Selbstführung des Einzelnen über. Natürlich wird es auch bei Alnatura künftig Hierarchien geben, das gehört zum Wesen jeder Organisation. Es geht jedoch vor allem um Mitwirkung, um Bewusstseinsbildung und mehr Flexibilisierung in einer sich verändernden Welt. Die Entwicklung des Bewusstseins des Führenden sowie des Mitarbeiters im Sinne der freiwilligen Selbstbildung ist eine wesentliche Grundlage einer modernen Führungskultur. Führung, so verstanden, wird immer mehr zu einer Führungskunst.

Was bedeutet das konkret?

Hierarchische Strukturen können ersetzt werden durch sich selbst organisierende und immer wieder sich neu bildende, am Bedarf orientierte Teams. Die Aufgabe und die im Team vorhandenen Kompetenzen stehen dann im Vordergrund und nicht Status- oder Machtdenken. So kann zum Beispiel bei einem Projekt A meine Kollegin in der Verantwortung stehen und ich arbeite ihr zu, bei Projekt B kann es umgekehrt sein. Die Teams holen sich, wenn nötig, Beratung innerhalb oder außerhalb des Unternehmens. Entscheidungen werden dann nicht mehr "da oben", sondern dezentral an der sinnvollsten Stelle getroffen. Wenn so die Selbstverantwortung der Mitarbeiter weiter gestärkt wird, kann sich Alnatura immer beweglicher und schneller auf Veränderungen einstellen.

Hier Arbeitgeber, dort Arbeitnehmer – das ist dann passé?

So hat Alnatura ohnehin nie gedacht. Wir verstehen uns seit unseren Anfängen als eine Arbeitsgemeinschaft, die nicht vom Gewinnstreben motiviert ist, sondern die sich am Leitgedanken "Sinnvoll für Mensch und Erde" orientiert. Wirtschaftlicher Erfolg ist für uns somit eine Folge und kein Zweck unseres Handelns. Dieses Selbstverständnis erleichtert uns den Schritt zum sich selbst führenden Unternehmen. Neu wird zum Beispiel künftig auch sein, dass Strategie nicht mehr durch die Unternehmensleitung vorgegeben wird, sondern aus der Zusammenarbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsteht. Weil wir beweglicher werden, gehen wir auch mit Veränderungen selbstverständlicher um. Veränderung ist dann ein beständiges Prinzip unseres Unternehmensorganismus.

… was wiederum seitens der Mitarbeiter eine hohe Flexi­bilität voraussetzt, oder?

In vielen Unternehmen tun sich Mitarbeiter mit Veränderungen so schwer, weil sie nicht gut informiert sind. In der sich selbst führenden Organisation dagegen herrscht kontinuierliche Informationstransparenz. Auch offene Büroräume und nicht das abgeschottete, statusunterstreichende Einzelbüro ermöglichen flexible und bedarfsgerechte Kommunikation fernab jeglicher hierarchischer Hürden. Neues kommt dann nicht überraschend, sondern ist Teil des Alltags.
Natürlich hilft es Mitarbeitern, wenn sie flexibel sind und Interesse am Unbekannten mitbringen. Genauso wichtig ist aber auch die Fähigkeit, mit Konflikten umgehen und diese als Chance zur Lösung betrachten zu können. Weil gutes Streiten gelernt sein will, werden wir auch darin die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Arbeitsgemeinschaft weiter schulen.

Das klingt fast so, als ob nur ein bestimmter Typus von Mitarbeitern gewünscht ist?

Im Gegenteil! Jeder gesunde Organismus lebt von der Vielfalt. Erst durch die Unterschiedlichkeit der Charaktere gelingt es uns, selbst Neues hervor­zubringen und mit Veränderungen von außen optimal umzugehen. Gemeinsam muss ihnen jedoch eine Grundhaltung zu unserem Führungsverständnis sein, sie müssen an dieser Idee teilhaben wollen (siehe Infokasten). Alnatura steht noch am Beginn dieses neuen Weges und wir können noch nicht absehen, wohin diese Entwicklung führen wird. Aber eines ist sicher: Wir brauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich bewusst selbst entwickeln und ganzheitlich denken und handeln wollen. Dies ist eine Bildungsaufgabe, die das Unternehmen unterstützen, dem Einzelnen jedoch nicht abnehmen kann. "Freiwilligkeit ist der Preis der Freiheit", hat Gottlieb Duttweiler klug formuliert. Nur wenn ich selbstbestimmt, aus eigenem Antrieb handle, bin ich frei. Wenn unsere Arbeitsgemeinschaft von Menschen mit einer solchen Haltung geprägt ist, können wir Alnatura evolutionär für unsere Kunden weiter gestalten.

››› Das Interview führte Volker Laengenfelder.

Unser Führungsverständnis

Führung durch den Leitgedanken
Unser Leitgedanke "Sinnvoll für Mensch und Erde" prägt unsere Haltung und drückt aus, weshalb wir uns engagieren. Erfolg definieren wir als das Ergebnis sinnvollen Handelns und nicht durch Gewinnmaximierung.

Führung durch den Kunden
Wir richten unser gesamtes Handeln konsequent an unseren Kunden aus. Sie sind unsere eigentlichen "Arbeitgeber". Denn erst durch ihren Kauf bestätigen die Kunden unser Tun. So ermöglichen sie, dass wir weiter Leistungen für sie erbringen. Damit lösen sich traditionelle Strukturen und die Gegensätzlichkeit von Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf: Die herkömmliche Annahme, dass "das Kapital" andere Interessen habe als der Arbeitnehmer, entspricht nicht mehr der gelebten Wirklichkeit.

Selbstführung in Selbstverantwortung
Wir gehen davon aus, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter zu selbstständigem und selbstverantwortlichem Handeln willens und fähig ist. Alnatura unterstützt Mitarbeiter darin, selbstverantwortlich, aus eigener Einsicht und damit letztlich frei handeln zu können.

Mitarbeiterführung
Führung bedeutet für uns, dem Einzelnen weniger Vorgaben zu machen und stattdessen möglichst vielen Mitarbeitern ein eigenständiges und selbstverantwortliches Handeln im Sinne des Ganzen zu ermöglichen. Dies setzt Transparenz, Vertrauen und Entwicklungsbereitschaft bei den Führenden voraus. Gedankenaustausch und Dialog sind dann die wesentlichen Formen der Zusammenarbeit.

Joachim Schledt

"Wir verstehen uns seit unseren Anfängen als eine Arbeitsgemeinschaft, die nicht vom Gewinnstreben motiviert ist, sondern die sich am Leitgedanken ›Sinnvoll für Mensch und Erde‹ orientiert."

Joachim Schledt, Bereichsverantwortlicher Mitarbeiterservice und -entwicklung bei Alnatura