Der Mitternachtsbus des Diakonischen Werks Hamburg

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Die Fahrt geht einmal quer durch Hamburgs Innenstadt: längs des Jungfernstiegs und des Hamburger Rathauses, über die Brücken der Binnenalster, vorbei am Michel und am Hafen entlang. Orte, die wohl jeder Hamburg-Tourist besucht. Doch ich bin nicht wegen der Sehenswürdigkeiten hier, sondern wegen der Menschen, die in unmittelbarer Nähe der Plätze wohnen und schlafen, wo andere flanieren, einkaufen und das Hamburger Flair genießen: in Zelten unter den Alsterbrücken, in den Eingängen von Kaufhäusern, auf der Straße am Hafen.

Rund 1.000 Menschen leben laut Schätzungen der Hamburger Sozialbehörde auf den Straßen der norddeutschen Metropole – die meisten im Innenstadtbereich. Und wohl kaum einer von ihnen kennt ihn nicht: den Mitternachtsbus des Diakonischen Werks. Täglich fährt er die "Platten", die Schlafplätze der Obdachlosen, ab. Im Gepäck: heiße Getränke, Brötchen, Schlafsäcke, Decken und Kleidung. 140 Ehrenamtliche, eingeteilt in 28 Teams, versorgen knurrende Mägen mit Essen und haben ein offenes Ohr für Sorgen – und das 365 Tage im Jahr. Ein "Lichtblick in der kalten Nacht", wie es auf dem bunt bemalten Mitternachtsbus geschrieben steht.

Drei dieser "Helfer in der Not" nehmen mich heute mit auf ihre Stadtrundfahrt der besonderen Art. Seit 19 Uhr haben Anna Crone und das Ehepaar Martina und Andreas Woltaire den Mitternachtsbus für seinen Einsatz vorbereitet: Sie haben drei große Thermen mit heißem Wasser befüllt und die Regale mit Taschentüchern, Teebeuteln, Kaffeepulver, Brühe, Schlafsäcken, Isomatten und Decken bestückt, die wir zwischen 20 und 24 Uhr an Obdachlose in der ganzen Innenstadt verteilen werden.

Anna ist müde. Die 36-jährige Werbefachfrau und Mutter zweier Kinder hat einen Arbeitstag hinter und morgen frühes Aufstehen vor sich. Nicht anders sieht es bei Andreas und Martina, Autoverkäufer und Tagesmutter, aus. Und trotzdem schlagen sich die drei einmal im Monat gerne die Nacht um die Ohren. "Man wird ja nicht ärmer dadurch", erklärt Andreas mit einem Augenzwinkern. Sonja Norgall, Projektleiterin des Mitternachtsbusses, sagt: "Die Ehrenamtlichen helfen, Not direkt vor Ort zu lindern, und auch das Dankeschön kommt direkt. Das gibt Sinn." Einer der Gründe für Martina, sich bereits seit neun Jahren für den Mitternachtsbus zu engagieren: "Nur zu spenden, ist mir zu unpersönlich."

Seit 1996 rollt der Mitternachtsbus als festes Angebot der Obdachlosenhilfe durch Hamburgs Straßen – von Anfang an rein spendenfinanziert. 140.000 Euro muss Sonja Norgall jährlich sammeln – für den Unterhalt des Busses, die Miete von Lager und Büro, für Lebensmittel, Schlafsäcke und so weiter.

Unsere erste Station: eine Bäckerei am Hauptbahnhof.

Wir laden Kisten voller übrig gebliebener Brote, Brötchen und Plunderteilchen ein. "Heute ist es wenig – da müssen wir rationieren." Die Enttäuschung steht Anna, die sich selbst ein "ausgeprägtes Helfersyndrom" attestiert, ins Gesicht geschrieben, während sie Kuchen und Teilchen in kleinere Stücke schneidet. Rund 40 Männer und ein paar wenige Frauen warten bereits auf uns, als wir auf dem Platz vor einem großen Elektronikmarkt nicht weit vom Hauptbahnhof einfahren.

Während Anna an der Seitentür Backwaren verteilt, bereiten Martina und ich an der hinteren Tür Getränke zu: In Reih und Glied stellen sich die Gäste an, bestellen heißen Kakao, Kaffee mit viel Zucker und Taschentücher. Andreas mischt sich derweil unter die Anstehenden, plaudert, fragt, wie es geht, weist bei neuen Gesichtern auf die Angebote hin, die das Diakonische Werk Obdachlosen bietet.

Im Zentrum für Wohnungslose im Stadtteil Eimsbüttel befindet sich eine Tageseinrichtung, in der es neben einer ärztlichen Sprechstunde auch Waschmaschinen, Aufenthaltsräume und jeden Tag ein warmes Mittagessen gibt. Außerdem kümmern sich sieben Sozialarbeiter um die Anliegen der Obdachlosen – in verschiedenen Sprachen. "Seit der EU-Osterweiterung leben auf unseren Straßen immer mehr Menschen aus Ländern wie Bulgarien, Rumänien oder Polen", sagt Norgall. Am Mitternachtsbus machen sie fast die Hälfte der durchschnittlich 150 Gäste am Abend aus. Das erschwert die Verständigung. Aber Kaffee ist ja zum Glück ein internationaler Begriff. Für alle Fälle hat Andreas immer ein paar Infoflyer in verschiedenen Sprachen in der Tasche.

Wie viele junge, wie viele ältere Menschen, wie viele deutsche und ausländische Gäste am Abend da waren, wo sich "Platten" aufgelöst haben und wo neue hinzugekommen sind – all dies wird von den Ehrenamtlichen gewissenhaft dokumentiert: "Die Zahlen geben Aufschluss darüber, was sich auf den Straßen Hamburgs verändert", erklärt Norgall. "Der Bus ist unser Seismograf der Straße."

Am Bahnhof in Altona – die letzte Station, an der nochmals rund 30 Gäste auf den Mitternachtsbus warten – steige ich aus. Es ist inzwischen 23:30 Uhr. Am Hauptbahnhof fragt mich ein obdachloser Mann nach Kleingeld. Wir unterhalten uns und er erzählt, dass er schon seit elf Jahren "auf Platte" sei. Ich frage ihn, ob er den Mitternachtsbus kenne. "Klar", antwortet er, "von denen hab ich meinen Schlafsack." Wir verabschieden uns und im Weggehen ruft er mir hinterher: "Die vom Mitternachtsbus, das sind echt korrekte Leute."