01.02.2018

Die unermessliche Bedeutung von Insekten: Wie kleine Krabbler Großes leisten – Serie "Biodiversität"

Vielfalt ermöglicht Vielfalt. Vielfalt in Natur und Landwirtschaft ist wertvoll. Das ist heute eine anerkannte Tatsache, wird aber dennoch viel zu wenig beachtet. In dieser Serie zeigen Experten Zusammenhänge auf und berichten über die vielen Facetten des Themas.
Serie konzipiert und redaktionell betreut von Manon Haccius.

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Ohne die Vielfalt der Insekten gibt’s auch die Menschen bald nicht mehr, sagen Forscher. Die erstaunlichen Tiere sind teils winzig klein, aber die Wunder, die sie vollbringen, riesig!

Seit etwa 400 Millionen Jahren krabbeln und fliegen sechsbeinige Wesen auf der Erde. Seither haben Insekten eine faszinierende Vielfalt ausgebildet: Experten streiten sich, ob es nun drei, zehn, 30 oder 80 Millionen Insektenarten gibt. Zum Vergleich: Wir Säugetiere kommen auf gerade mal 5.400 Arten.

Was Insekten können, gelänge auch dem fleißigsten Menschen mit Übung nicht: Motten riechen bis zu hundertmal feiner als wir Menschen. Die Wiesenschaumzikade springt hundertmal weiter als ihre eigene Körperlänge. Libellen fliegen so schnell wie Leichtflugzeuge. Und manche Termiten mögen’s eng: Sie leben in eigenen Städten mit einer Bevölkerungsdichte von 10 000 Individuen pro Quadratmeter. Vom Leben auf so engem Raum können "Smart City"-Stadtplaner einiges lernen.

Als artenreichste Tierklasse tragen Insekten maßgeblich zur Biodiversität auf unserem Planeten bei. Nur eine ihrer wichtigen Leistungen ist die Bestäubung: Bienen, Mücken, Fliegen und viele weitere Insekten ermöglichen die Vermehrung vieler Pflanzen. Bis zu 75 Prozent unserer Kulturpflanzen und bis zu 90 Prozent aller Wildpflanzen sind dafür auf Insekten angewiesen. Ohne sie wäre die Landwirtschaft extrem teuer: Experten schätzen den wirtschaftlichen Nutzen der Bestäubung auf 265 Milliarden Euro pro Jahr. Der gefühlte Wert ist wahrscheinlich noch viel höher – denn ohne Insekten könnte der Kakaobaum keine Früchte bilden und es gäbe keine Schokolade …

In der Nahrungskette spielen die Sechsbeiner eine kaum ersetzbare Rolle: Die meisten Vögel, Süßwasserfische, Reptilien und Amphibien sowie diverse Säugetiere brauchen Insekten als Nahrung. Mauersegler füttern ihre Jungtiere mit bis zu 20.000 Insekten pro Tag. Süßwasser-Speisefische ernähren sich zu 90 Prozent von Insektenlarven. Weil aber auch Insekten andere Insekten verspeisen, sind sie selbst Schädlingsbekämpfer in der Landwirtschaft.*

Dass wir Menschen Insekten essen können, geistert zwar immer mal durch die Medien, scheint den meisten aber eher eine eklige Vorstellung à la Dschungelcamp. Fakt ist: Insekten sind günstiger, nahrhafter sowie schneller und einfacher zu züchten als andere tierische Eiweißquellen. Kein Wunder also, dass rund ein Viertel der Menschheit Insekten verzehrt – besonders in Südasien, Südamerika und Afrika. Auch in Europa und den USA baut sich gerade ein entsprechender Lebensmittelmarkt auf.

Warum erscheinen sie uns eigentlich eklig? Vielleicht, weil sie oft mit dem zu tun haben, was wir Müll nennen. Aber ohne Insekten hätten wir ein echtes Hygieneproblem. Denn manche Insekten ernähren sich von Kot und zersetzen die Ausscheidungen etwa von Kühen. Damit machen sie auch Böden fruchtbarer.

Ohne Insekten würden wir ziemlich nackt dastehen. Die Baumwollpflanze braucht sie, um zu gedeihen, Leder kommt von Tieren, die insektenbestäubte Futterpflanzen fressen. Und das Wunder der Seide vollbringt eine Raupe, die für ihren Kokon einen bis zu 900 Meter langen, feinsten Faden spinnen kann. Seide als Stoff isoliert und absorbiert sehr gut, ist nicht brennbar und sehr reißbeständig. Schließlich sind Insekten extrem nützlich für die Chemikalienproduktion (Schellack etwa wird aus Schildläusen gewonnen), die Medizin und die Forschung.

Das Problem ist nur: Insekten gehen stark zurück. Neue Studien zeigen, dass sich ihre Biomasse in manchen Regionen Deutschlands um drei Viertel reduziert hat. Die Ursachen sind vielschichtig: Pestizide und Monokulturen in der Landwirtschaft sowie die Versiegelung von Flächen durch immer mehr Straßen und Häuser beeinflussen die Populationen.

Wer etwas gegen das Insektensterben tun will, findet viele Möglichkeiten. Insect Respect hat eine Liste mit Tipps veröffentlicht, wie man Insekten fördern kann. So kann jeder den eigenen Garten, Balkon oder auch nur die Fensterbank zum Insektenparadies machen. Die meisten Fluginsekten lieben Pflanzen wie Schafgarbe oder Färberkamille. Haus und Wohnung sollten nicht die Endstation für Sechsbeiner sein. Daher: Verirrte Insekten vorsichtig hinaustragen, Insektengitter zum Schutz anbringen, warmweiße LED-Lampen für die Außenbeleuchtung nutzen. Auch beim Kauf von Lebensmitteln kann man Insekten helfen: Weniger konventionell erzeugtes Fleisch bedeutet weniger Monokulturen für Futtermittel, mehr Bio bedeutet mehr Ackervielfalt durch Fruchtfolgen und weniger Pestizide. Die vielleicht schönste, weil geselligste und erholsamste Art, sich zu engagieren, ist aber der Einsatz in Naturschutzprojekten. Denn in der eigenen Region helfen viele Umweltorganisationen beim Bauen von Nisthilfen und informieren über Naturwunder.

* Quelle für Zahlen und Fakten im Beitrag: Hans-Dietrich Reckhaus: "Warum jede Fliege zählt. Eine Dokumentation über Wert und Bedrohung von Insekten." Eigenverlag Insect Respect, Bielefeld und Gais 2016.

Tina Teucher arbeitet freiberuflich für Insect Respect. Mit ihrem journalistischen Hintergrund trägt sie dort zur Bewusstseinsförderung der Gesellschaft bei: Insekten sind wertvoll, aber sie gehen zurück. Insect Respect heißt daher, Bekämpfung zu vermeiden, ökologischer zu gestalten und wenn nötig zu kompensieren.

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