01.01.2018

Bedrohung der Vielfalt – eine verkannte Gefahr – Serie "Biodiversität"

Vielfalt ermöglicht Vielfalt. Vielfalt in Natur und Landwirtschaft ist wertvoll. Das ist heute eine anerkannte Tatsache, wird aber dennoch viel zu wenig beachtet. In dieser Serie zeigen Experten Zusammenhänge auf und berichten über die vielen Facetten des Themas.

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Die Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten werden sehr kontrovers diskutiert. So wird viel über den drohenden Klimawandel, aber nur selten über die Abnahme der biologischen Vielfalt gesprochen. Dabei sind sich führende Wissenschaftler darin einig, dass der enorm schnell voranschreitende Verlust an biologischer Vielfalt langfristig eine sehr viel größere Bedrohung für die Existenz der Erde darstellt als der Klimawandel.

Schon 2009 hat eine Gruppe von renommierten Naturwissenschaftlern unter der Leitung des Schweden Johan Rockström eine in ihrer Art bislang einzigartige Untersuchung in der Zeitschrift Nature veröffentlicht. In dieser Studie wurden Ergebnisse zu den Belastungsgrenzen unseres Planeten aus einer Vielzahl von naturwissenschaftlichen Studien zusammengefasst, die in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht worden waren. Von sieben bislang untersuchten Gefahren für unseren Planeten Erde waren die Belastbarkeitsgrenzen der Erde mit Abstand am stärksten im Bereich der biologischen Vielfalt überschritten, gefolgt von der Überdüngung von Böden und Gewässern mit Stickstoff und erst an dritter Stelle vom Klimawandel.

Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Ausdehnung von Landwirtschaftsflächen und die Intensivierung der Landwirtschaft die Hauptverursacher für den Verlust an biologischer Vielfalt sind. Dies betrifft nicht nur weit entfernte Regionen wie die Regenwälder am Amazonas oder in Borneo, sondern auch unsere unmittelbare Umgebung. Auch in Deutschland schreitet der Verlust an bio­logischer Vielfalt dramatisch voran. Dass die Zahl der Feldvögel oder der Ackerwildkräuter durch einseitige Fruchtfolgen und einen hohen Einsatz an Pflanzenschutzmitteln stark zurückgeht, wird in der Bevölkerung noch am Rande wahrgenommen. Aber wer diskutiert den dramatischen Rückgang der Bodenlebewesen in Ackerflächen, der in Gewässern lebenden Organismen oder gar der Insekten? Und wer macht sich Gedanken darüber, welche Auswirkungen das Aussterben einzelner Arten für komplexe Ökosysteme in der Landschaft hat? Nur vereinzelt schrecken uns Medienberichte von Menschen in Asien auf, die Obstbäume per Hand bestäuben, weil es keine Insekten mehr gibt, die diese Aufgabe übernehmen.

Erstaunlich ist auch, dass Bio-Landwirte ihre Leistungen, die sie für den Erhalt der biologischen Vielfalt erbringen, so wenig kommunizieren. Dabei ist das gerade derjenige Bereich, in dem es auch von naturwissenschaftlicher Seite keine Zweifel daran gibt, dass der biologische dem konventionellen Landbau weit überlegen ist. Der Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und leicht lösliche Stickstoffdünger, eine sehr viel geringere Nutztierdichte und vielfältigere Fruchtfolgen tragen dazu bei, dass der Rückgang der biologischen Vielfalt auf Bio-Landwirtschaftsbetrieben sehr viel geringer ist als auf konventionellen Betrieben. Auch werden auf Bio-Betrieben überdurchschnittlich viele vom Aussterben bedrohte Nutzpflanzenarten und -sorten sowie Tierrassen gehalten. Ein kaum in der Öffentlichkeit diskutiertes Thema ist auch, dass auf weniger intensiv genutzten Weideflächen, die häufig für den Bio-Landbau genutzt werden, eine ungleich größere Artenvielfalt herrscht als auf Ackerflächen. Der Verzehr von Rind- oder Schaffleisch und der Konsum von Weide- oder Heumilchprodukten tragen dazu bei, diese für die biologische Vielfalt wertvollen Weiden und Wiesen zu erhalten. Verbraucher können auch mit dem gezielten Kauf von Lebensmitteln, die aus vom Aussterben bedrohten Nutzpflanzenarten oder Tierrassen erzeugt wurden, zum Erhalt der biologischen Vielfalt beitragen. Durch solche Käufe ermöglichen sie Landwirten, die an besondere Standorte angepassten, robusten alten Rassen und Sorten gewinnbringend zu erzeugen. Diese Produkte sind zwar nicht so billig wie Lebensmittel aus der Hochleistungslandwirtschaft, dafür eröffnen sie aber besondere Geschmackserlebnisse.

Politiker und Wissenschaftler sollten die Öffentlichkeit stärker für Fragen der biologischen Vielfalt sensibilisieren und Lösungen für den rasch voranschreitenden Verlust erarbeiten. Dazu kann auch beitragen, in Diskussionen nicht so sperrige Begriffe wie Biodiversität und genetische Ressourcen zu verwenden.

››› Gastbeitrag Prof. Dr. Ulrich Hamm

Prof. Dr. Ulrich Hamm ist seit 2003 Leiter des Fachgebiets Agrar- und Lebensmittelmarketing am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel, seit 2010 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Biodiversität und genetische Ressourcen beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und seit 2012 Mitglied des Bioökonomierates der Bundesregierung.