Zeit zum Umdenken!

Wo wird es hingehen mit der Landwirtschaft? In dieser Serie äußern sich namhafte Experten zum Thema und stellen ihre Thesen vor.

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Die konventionelle Intensivlandwirtschaft ist gegen die Wand gefahren. Zwar beschert sie dem Handel und der Lebensmittelindustrie immer noch satte Gewinne. Die Wünsche der Verbraucher und ein angemessenes Einkommen für die Bauern bleiben jedoch auf der Strecke. Hinzu kommen die verheerende Umweltverschmutzung, der Verlust der Biodiversität und das Leid der Tiere. Dies kritisieren mittlerweile nicht nur Verbraucher- und Umweltgruppen, sondern zunehmend auch viele wissenschaft­liche Sachverständige und regierungsberatende Gremien.

Worauf wir in Europa (und welt­weit) in Zukunft setzen müssen, ist eine ökologisch nachhaltige, ressourcenschonende und tiergerechte Landwirtschaft, die sich auf ihre eigenen Stärken und – wo immer möglich – auf die eigenen lokalen Verarbeiter und Märk­te be­sinnt. Mehr regionale Produktion, mehr regionales Handwerk, mehr regionaler Handel. Das generiert auch mehr Wertschöpfung vor Ort und höhere Einkommen für die Landwirte.

Für die europäische Agrarpolitik (GAP) bedeutet das: Öffentliche Gelder wirklich sinnvoll auszugeben, muss in Zukunft heißen, diese nur noch für den Umwelt-, Klima- oder Gewässerschutz sowie für Tierschutz und für sinnvolle strukturelle Investitionen in der ländlichen Wertschöpfung einzusetzen. Denn nur so sind gesellschaftliche Gegenleistungen mit im Paket. Betriebe, die sich nicht auf dieser Basis entwickeln, müssen ohne Steuergelder aus­kommen, denn eine Unterstützung wäre dann durch nichts gerechtfertigt.

Inzwischen wird vermehrt eine Nachhaltigkeitszertifizierung gefordert, doch die gibt es mit dem Bio-Landbau bereits. Komplexe Modelle und Systeme mit vielen messbaren Faktoren als Nachhaltigkeitsanzeiger mögen für wissenschaftliche Erkenntnisse oder industrialisierte Prozesse in der Lebensmittelverarbeitung sinnvoll sein. Für die praktische Landwirtschaft sind sie eher ungeeignet. Da Nachhaltigkeit als Gegenleistung für einen Zahlungsanspruch kontrolliert werden müsste, würde man erneut einen Super-GAU aus ­Auflagen und Kontrollen konstruieren: Biodiversität oder Bodenfruchtbarkeit können kurzfristig nicht mit angemessenem Aufwand kontrolliert werden. Besonders effizient wäre es, wenn das System gewählt werden würde, das mit einer einmaligen Kontrolle in der Lage ist, ökologische, tiergemäße und regionalökonomische Wirksamkeit zu überprüfen.

Der Bio-Landbau bietet dafür schon heute große Vorteile gegenüber der konventionellen Landwirtschaft. Dies hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung in Deutschland (RNE) in seiner Empfehlung "Gold-Standard Ökolandbau: Für eine nachhaltige Gestaltung der Agrarwende" bereits 2011 empfohlen.

Vor allem aber ist der Bio-Landbau in ganz Europa (und auch darüber hinaus) schon als kontrollfähiges System etabliert und es existieren weit entwickelte Handelsrahmenbedingungen. Beides müsste man für ein komplett neues, ökologisch orientiertes Direktzahlungssystem erst schaffen – und das parallel zum schon existierenden System Bio-Landbau. Das wäre volkswirtschaftlich und administrativ unsinnig.

Der Bio-Landbau ist also das ideale Leitbild für einen Umbau der EU-Agrarpolitik in Richtung Nachhaltigkeit und eignet sich am besten für den Premiumstandard zum Erhalt von Fördergeldern. Darunter kann es dann weniger anspruchsvolle Standards geben, bis zu einer Produktion, die zwar gesetzliche Mindestauflagen einhält, aber dafür keine öffentlichen Gelder erhält, weil keine zusätzlichen öffentlichen Leistungen erbracht werden. Intensivbetriebe, die nur auf Grundlage gesetzlicher Mindestvorgaben wirtschaften und am Weltmarkt operieren wollen, können dies ohne Förderung aus Steuergeldern tun.

››› Gastbeitrag Martin Häusling

Martin Häusling: Geboren 1961 in Bad Wildungen, zwei Kinder. Häusling ist Agrartechniker und bewirtschaftet seinen Kellerwaldhof seit 1988 nach Bioland-Richtlinien. Seit 1999 wird eigener Käse hergestellt. Von 2003 bis 2009 war er Mitglied des Hessischen Landtages, fachpolitischer Sprecher für Landwirtschaft, Europa, Verbraucherschutz sowie ländliche Räume und Gentechnik. Seit 2009 ist er Mitglied des Europaparlaments. Dort ist Häusling agrar- sowie umweltpolitischer Sprecher der Fraktion der Grünen/Europäische Freie Allianz. info@martin-haeusling.de

Tut sich da was?

Landwirtschaft hat nur dann eine Zukunft, wenn sie gesellschaftlich akzeptiert ist. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband beschloss daher im November 2016 Maßnahmen für die kommenden 14 Jahre für ein schrittweise etwas tier- und umweltgerechteres landwirtschaftliches Handeln (wlv.de/presse). Erste, nicht unwesentliche Schritte aus der Bio-Perspektive und dennoch äußerst kritisch kommentiert von den konventionellen Bauern. Hoffentlich behalten die Westfalen ihren Mut! Manon Haccius