01.02.2017

Stabilität und Glück

Wo wird es hingehen mit der Landwirtschaft? In dieser Serie äußern sich namhafte Experten zum Thema und stellen ihre Thesen vor.

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An 900 Seiten umfassende Romane traue ich mich schon länger nicht mehr heran, weil ich beim Lesen immer über die Berge an Ungelesenem nachdenken muss, die meinen Schreibtisch überwuchern. Warum ich bei "Blackout – Morgen ist es zu spät" eine Ausnahme gemacht habe, daran erinnere ich mich nicht. Der Roman von Marc Elsberg hat mich auch nicht lange beschäftigt, weil ich ihn in zwei Nächten fertig gelesen habe. Nicht, weil er preisverdächtig gut geschrieben wäre. Sondern weil er so scheußlich realistisch ist und so nah an der Wirklichkeit. Den Rahmen bildet eine terroristische Attacke auf die europäischen Stromnetze und im Laufe der Handlung wird beschrieben, was ein vollkommener, kontinentübergreifender Stromausfall bewirkt. Den totalen, den absoluten Zusammenbruch: des Zugangs zu Lebenswichtigem, der Versorgung und der Sicherheit, sehr schnell auch des zivilisatorischen Korsetts der Gesellschaft. An keiner Stelle denkt man als Leser: "Nur mal nicht so übertreiben", denn alles ist schlüssig. Ja, das alles könnte passieren.

Der Roman öffnet die Augen dafür, wie verwundbar wir sind und wie instabil. Denn wir können nicht mehr ohne den massiven Input von Energie leben. Weil wir nicht wissen, wie es geht, und weil wir uns so organisiert haben, dass wir von ihr abhängiger sind als der Junkie vom nächsten Schuss.

Auch die Landwirtschaft ist Thema in diesem Buch – selbstverständlich, denn als Allererstes werden die Menschen hungrig, wenn die Versorgung zusammenbricht. Am Anfang können die Läden noch geplündert werden – öffnen können sie nicht, weil man dafür Strom braucht. Aber erstens sind sie schnell leer, wenn kein Nachschub geliefert wird. Und zweitens braucht es Kühlketten, um Nahrung zu konservieren. Dass die Schweine im Stall ersticken, weil die Lüftung ausfällt, und der Bauer zu viele Kühe hat, um sie mit der Hand melken zu können, versteht sich.

Das Buch hat mich ratlos gemacht, weil es zeigte, wie verstrickt wir sind. Aber es hat mir auch die Augen geöffnet für die Notwendigkeit stabiler Systeme. Dabei spreche ich nicht nur von der Energieabhängigkeit. Ich spreche von Obstgärten, in denen sich auf großen Flächen nur eine Pflanzenart befindet, die auch noch hochanfällig für verschiedenste Krankheiten ist. Von Böden, denen das Leben abhandenkommt. Von einer Tierhaltung, bei der Gesundheit als Abwesenheit von Symptomen unter Medikamenteneinfluss definiert ist. Von Nährstoffkreisläufen quer über den Globus, als Einbahnstraßen organisiert, mit fatalen Folgen dort, wo die Stoffe wieder in die Natur entlassen werden. Und ich rede von einem Klima, das sich auch durch das Zutun unserer Lebensmittelproduktion so aufheizt, dass das Leben an immer mehr Orten immer unmöglicher wird.

Die Landwirtschaft der Zukunft muss, wenn sie denn eine Zukunft haben soll, stabil sein. Sie muss ein System bilden, das sich selbst trägt, ohne Krücken und Drogen. Davon entfernt sich die konventionelle, so hoch produktive, industriell organisierte Landwirtschaft immer mehr. "Der" Ökolandbau – als die Gesamtheit derer, die nach seinen Regeln arbeiten – hat den Weg zu einem stabilen System begonnen, seine Grundprinzipien markieren diesen Weg. Aber auch wir haben noch eine weite Strecke vor uns.

Es macht Mut, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die zeigen, wie das gehen kann. Wie ein System stabil wird, wenn man versteht und berücksichtigt, wie alles zusammenhängt. Die wichtigste Voraussetzung ist Vielfalt. Nicht Chaos, sondern wohlgeplante, geschickt genutzte, effizient organisierte Vielfalt an Kulturarten, an Nutztieren, an Arten und an Rassen. Die zweite ist die ökologische Intensivierung: die Intensivierung von Fotosynthese – und damit der Energiegewinnung aus der Sonne – und die Intensivierung des Bodenlebens. Außerdem die Verlagerung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre in den Boden, Klimawandel-Abschwächung durch Humusaufbau. Aber auch: Veränderung im Ökonomischen. Wertschöpfung durch Fruchtbarkeitsmehrung. Veränderung von Konsummustern durch Internalisierung externer Kosten – also: anders einkaufen und anders essen, weil die Produktionskosten im Preis stecken und nicht der Umwelt und den Lebenschancen der Enkel aufgelastet werden.

Es klingt paradox: Durch Rücksicht auf die Komplexität wird das Leben einfacher und überschaubarer. Weil Autonomie und Selbstbestimmtheit zunehmen.

Wenn man Menschen bittet, ihre Vorstellung von Glück zu schildern, malen sie genau diese Bilder. Von einer überschaubaren Welt, die sie verstehen. Von Selbstbestimmtheit und von Autonomie. Deshalb ist mein Leitbild von Landwirtschaft: ein stabiles System, das glücklich macht.

››› Gastbeitrag Dr. Felix Prinz zu Löwenstein

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein: Nach dem Studium der Agrarwissenschaften und Promotion zehnjähriger Einsatz in der Entwicklungshilfe. 1992 Umstellung des elterlichen landwirtschaftlichen Hofguts auf ökologische Bewirtschaftung (den Betrieb führt seit 2014 die nächste Generation). Seit 2002 Vorsitzender des deutschen Öko-Landbau-Spitzenverbandes BÖLW. Autor der Bücher "Food Crash" (Pattloch, 2011) und "Es ist genug für alle da" (Knaur, 2015).