Mehr Tierwohl, weniger Fleischkonsum

Wo wird es hingehen mit der Landwirtschaft?

In dieser Serie äußern sich Experten zum Thema.

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Redaktion: Herr Prof. Spiller, wo liegt für Sie die größte Herausforderung unserer Landwirtschaft?
Spiller:
Die sehe ich in der Weiterentwicklung der Tierhaltung. Sie steht in der Gesellschaft äußerst kritisch in der Diskussion. Sie trägt erheblich zur CO2-Fracht bei, belastet das Klima. Gleichzeitig erwirtschaftet sie gut 50 Prozent des landwirtschaftlichen Einkommens, hat für die Landwirtschaft mithin große ökonomische Bedeutung.

In welcher Richtung könnte eine Lösung liegen?
Es geht darum, wie die Tiere in der Landwirtschaft gehalten werden. Es muss mehr auf das Tierwohl geachtet werden. In allererster Linie haben wir aber ein Mengenproblem. Es gibt zu viel landwirtschaftliche Tierhaltung, und wir produzieren zu viele tierische Produkte.

Die Konsumenten sollen also weniger Fleisch essen?
Ja. Weniger Tiere können die Bauern artgerechter halten, und weniger Tiere sind weniger schädlich für das Klima. Weniger Fleisch- und Wurstverzehr bringt gesundheitliche Vorteile. Wir sollten in den kommenden 20 Jahren den Fleischkonsum halbieren. Jeder Deutsche äße dann pro Jahr im Durchschnitt noch 30 Kilogramm Fleisch und Wurst, aber nicht mehr 60 wie zurzeit.

Essen nicht Bio-Kunden ohnehin deutlich weniger Fleisch?
Die Bio-Marktanteile von Fleisch sind geringer als bei anderen Produkten, das stimmt. Über alle Produkte beträgt der Bio-Anteil am deutschen Lebensmittelmarkt 4,5 Prozent. Der Bio-Anteil bei Geflügel- oder Schweinefleisch ist dagegen nur circa ein Prozent. Das heißt aber nicht, dass Bio-Konsumenten an Geflügel- und Schweinefleisch nur ein Viertel der durchschnittlichen Menge verzehren. Es gibt Bio-Konsumenten, die wenig oder gar kein Fleisch essen. Es gibt aber auch viele Kunden, die nicht Bio-Fleisch, sondern konventionell erzeugtes essen. Ihnen ist der Preisabstand zwischen konventionellem und Bio-Fleisch von 100 bis 200 Prozent zu groß. Die Auswahl ist zudem begrenzt.

Eier sind auch tierische Produkte. Da beträgt der Bio-Marktanteil zehn Prozent, ist also überproportional. Der Preisunterschied zwischen Bio- und konventioneller Massenware kann durchaus hundert Prozent ausmachen. Was ist bei Eiern anders als bei Fleisch?
Bei Eiern kennen die Kunden die verschiedenen Haltungssysteme. Sie sind gut kommuniziert. Mit der klaren Kundenerwartung aus 25 Jahren Käfighaltungsdiskussion im Rücken und einer lange Zeit unkooperativen Eier-Branche auf der anderen Seite konnte die damalige Agrarministerin Renate Künast die Käfighaltung für Legehennen nach einigen Jahren Vorlauf komplett verbieten. Auf jedem Ei ist – auf Grundlage von gesetzlichen Vorschriften – das Haltungssystem angegeben. Der Preis je Ei ist auch bei einem Bio-Premiumprodukt absolut immer noch gering, also für den Kunden erschwinglich. Eier sind ein gutes Beispiel für das Wechselspiel zwischen Kundenerwartung, Politik und Gesetzgebung sowie landwirtschaftlicher Arbeit.

Worauf kommt es noch an?
In den Nutztierwissenschaften – früher sagte man "Tierproduktion" – hat man lange fast nur auf die Produktionstechnik geschaut. Man hat gesagt, so lange die Tiere viel Milch geben, Eier legen oder kräftig zunehmen und Fleisch produzieren, ist alles in Ordnung. Heute gewinnt ein tierzentrierter Ansatz an Boden. Er ist bei Bio-Landwirten schon stärker verbreitet. In der konventionellen Landwirtschaft ist noch eine Wegstrecke zu gehen. Die Wissenschaft orientiert sich heute am natürlichen Tierverhalten und an der Tiergesundheit. Heute darf auch nach Emotionen der Tiere, nach ihrem Wohlergehen gefragt werden. Die Tiere sollen sich auf dem Bauernhof wohlfühlen. Es sollen nicht nur ihre Bedürfnisse nach Futter und Dach über dem Kopf befriedigt und akutes Leiden verhindert werden.

Wie kommen wir dahin?
Man muss an mehreren Schrauben drehen. Den Verbrauchern müssen die Unterschiede der Tierhaltungssysteme verständlich gemacht werden. Die Politik soll klare Richtlinien vorgeben, der Gesetzgeber ein Kennzeichnungssystem einführen und das Logo in einer Kampagne mit genügend Wucht und Nachhaltigkeit bekanntmachen. So wie das 2001/02 für das deutsche Bio-Siegel gemacht wurde. Ich meine, die Entwicklungsdynamik in der Bevölkerung ist da.

Kennen Sie ein erfolgreiches Beispiel für eine solche Politik?
Ja, das "beter leven"-Keurmark aus Holland funktioniert sehr gut, ein dreistufiges Tierschutzsiegel mit klar abgestuften Anforderungen an die Tierhaltung. Daran sollten wir uns orientieren. In den Niederlanden wachsen die Marktanteile schnell, sowohl im Bereich der Produkte mit etwas mehr Tierwohl (ein Stern) als auch im Premium-Bio-Bereich mit drei Sternen. Damit kann eine "Less but better-Strategie" gelingen, bei der die Verbraucher weniger, aber gutes Fleisch essen und die Landwirte mehr an der Qualität und weniger an der Menge verdienen.

››› Das Gespräch führte Manon Haccius

Prof. Dr. Achim Spiller ist seit 2000 Professor für "Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte" am Department Agrarökonomie und Rurale Entwicklung der Georg-August-Universität Göttingen. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, im wissenschaftlichen Beirat des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für "Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbrauchschutz", in der "Verbraucherkommission" des Landes Niedersachsen und des "Kuratoriums der QS-GmbH Deutschland". Zudem Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des "Tierwohllabels des Deutschen Tierschutzbundes".