Für eine "Gemeinsame Ernährungspolitik"

Wo wird es hingehen mit der Landwirtschaft? In dieser Serie äußern sich namhafte Experten zum Thema.

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Es ist kein Geheimnis, dass viele Dinge im globalen Lebensmittelsystem nicht rund laufen. Die Auswirkungen des industriellen Produktionssystems auf Klima, Umwelt, unsere natürlichen Ressourcen sowie das Wohlbefinden der Tiere und die Gesundheit der Menschen sind bekannt und als Themen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Medien greifen Problemfelder der Lebensmittelerzeugung täglich auf: Massentierhaltung, Lebensmittelskandale, gesundheitliche Beeinträchtigungen durch den Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat, den Zusammenhang der Insektizidgruppe der Neonikotinoide mit dem Kollaps von Bienenvölkern, die Machtkonzentration der Lebensmittelkonzerne und vieles mehr. Der neue Lebensmitteldiskurs ist bei uns omnipräsent. Vielerorts bekommen Kleinerzeuger oder Gemeinschaften vor allem des globalen Südens die negativen Auswirkungen dieser Form der Lebensmittelproduktion buchstäblich am eigenen Leib zu spüren. In Europa ist zwischen 2003 und 2013 bei gleichbleibender Anbaufläche einer von vier Bauernhöfen verschwunden.

Das industrielle Lebensmittelsystem ist entlang der Wertschöpfungskette mehrheitlich nicht zukunftsfähig – man denke an Ressourcenknappheit, Biodiversitätsverlust, Klimawandel. Auch in der Politik sind diese Themen angekommen, allerdings beschränken sich sowohl der Rhetorik- als auch Handlungsraum des Bundeslandwirtschaftsministers etwa beim Thema Lebensmittelverschwendung häufig darauf, die Verbraucher in die Verantwortung zu nehmen. Entscheidungen und Taten folgen auf wichtige Entwicklungen und Fakten kaum, gerade wenn es um Weichenstellungen wie etwa beim Thema Gentechnik geht. Politisch gibt es deshalb viel Luft nach oben, auf Bundes-, EU- sowie auf globaler Ebene. Hier bedarf es einer grundsätzlich anderen neuen und ganzheitlichen Herangehensweise: Wir brauchen einen gesetzlichen Rahmen, der die notwendigen Veränderungen im Agrar- und Lebensmittelsektor anstößt und konsequent fördert. Ganzheitlich, das heißt eine ressortübergreifende, kohärente Politik, die ein zukunftsfähiges Ernährungssystem ins Zentrum stellt. Wir brauchen eine ganzheitliche Ernährungspolitik, die ernährungsrelevante Bereiche wie Landwirtschaft, Fischerei, Umwelt, Gesundheit, Verbraucherschutz, Energie, Bauen und Stadtentwicklung an einen Tisch bringt.

Was eine "Gemeinsame Ernährungspolitik" bewirken kann und muss, ist, die Richtung der Veränderung im Miteinander vorzugeben: Sie muss die Vielfalt der Initiativen und Maßnahmen, die auf ein besseres Ernährungssystem hinarbeiten, zusammenbringen sowie diejenigen stärken, die sich auf den Weg gemacht haben, nachhaltiger zu arbeiten und so den Übergang hin zu einem zukunftsfähigen Ernährungssystem gestalten. Nachhaltige Ernährungssysteme – nachhaltig im ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Sinne – sind der Unterbau einer neuen Vision des Wirtschaftens, das mit kreativen Lösungen für Langzeitprobleme aufwartet. Es ist eine Wirtschaftsweise, in der Kreislaufwirtschaft und "grüne Jobs" mehr sind als nur Rhetorik, und die Investitionen in sinnhafte und faire Jobs sowie in die Gesundheit der Bevölkerung gegenüber den Kosten von Stillstand abwägt. So könnten die Demokratien Europas gestärkt werden, indem man die Bevölkerung darüber mitentscheiden lässt, sie einbindet in das, was sie am meisten angeht. Wir könnten und sollten mit dem beginnen, was auf unseren Tellern liegt.

Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, es gibt sie schon, die zukunftsfähig wirtschaftenden Bauern, Lebensmittelverarbeiter und Handwerker. Viele können ein Beispiel sein, denn sie arbeiten im Sinne der Zukunftsfähigkeit. Es gibt im Slow-Food-Netzwerk viele "Landwirte und Lebensmittelerzeuger 3.0", die zeitgemäß arbeiten, indem sie vorausschauend sowie sozial, ökonomisch, kulturell und ökologisch nachhaltig statt nur profitorientiert wirtschaften. Viele haben sich dem Schutz der Arten- und Sortenvielfalt verschrieben, indem sie zum Beispiel Zweinutzungshühner und alte Tierrassen züchten, auch wenn diese weniger "ertragreich" sind. Sie haben das Tierwohl vor Augen und holen die Tiere auf die Weide, arbeiten durch Kreislaufwirtschaft ressourcenschonend, halten das Lebensmittelhandwerk am Leben und verfallen nicht den Verlockungen der Industrie, durch chemische Zusatzstoffe die Verarbeitungsprozesse zu beschleunigen oder zu vereinfachen. Ein zeitgemäßer Erzeuger oder Lebensmittelhandwerker hat die ganzheitlich gefasste Qualität seiner Arbeit im Blick und damit auch die Gesundheit der Verbraucher und der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, das Wohlbefinden der Tiere und die Unversehrtheit der Ökosysteme. Grundlegend wichtig für das Gelingen dieses Wandels ist, dass wir alle an einem Strang ziehen: Verbraucher, Entscheidungsträger und Erzeuger. Mit unseren täglichen Verbraucherentscheidungen sind wir als Koproduzenten mitverantwortlich für die Agrar- und Lebensmittellandschaft, denn was nachgefragt wird, wird produziert. Auch die Erzeuger und Lebensmittelhandwerker gestalten die Zukunft unserer Ernährung mit. Verbraucher, Erzeuger und Politik müssen zusammenstehen für das gemeinsame Ziel eines zukunftsfähigen Ernährungssystems, getragen von einer "Gemeinsamen Ernährungspolitik".

››› Gastbeitrag Dr. Ursula Hudson

Dr. Ursula Hudson, geboren 1958, Promotion 1993, wissenschaftliche Assistentin am Fachgebiet Interkulturelle Germanistik der Universität Bayreuth, von 1996 bis 2004 Lehrtätigkeit an den Universitäten von Cambridge und Oxford (UK), seit 2005 freie Forschungs- und Autorentätigkeit, seit 2010 Vorstandsmitglied von Slow Food Deutschland e.V., seit 2012 Vorsitzende von Slow Food International. Ursula Hudson lebt und arbeitet in Deutschland und Großbritannien.