Für eine umweltfreundliche und faire Landwirtschaft

Wo wird es hingehen mit der Landwirtschaft? In dieser Serie äußern sich namhafte Experten zum Thema.

Platzhalter

Lange war die Landwirtschaft ein wichtiger Förderer der Artenvielfalt in Europa. Sie bot Kiebitz, Feldhase, Klatschmohn sowie zahllosen Insekten und Kleinorganismen Platz und Nahrung. Doch viele Arten und Lebensräume des ländlichen Raums haben bei uns keine Zukunft mehr – es sei denn, wir reißen das Steuer endlich herum und ändern unser Agrar- und Ernährungssystem grundlegend.

Heute ist die Landwirtschaft der größte Treiber des Artenschwunds. Auf unseren Feldern überwiegen Intensivkulturen, Lebensräume werden eintöniger, Blühflächen und Hecken verschwinden. Die intensive Tierhaltung sorgt für Überdüngung und vielerorts für untragbare Belastungen des Grundwassers. Der Einsatz von Pestiziden führt zu einem dramatischen Insektensterben, das Klima wird durch die Landwirtschaft nicht ausreichend geschützt.

Hinter alledem steht eine mit immensen Steuermitteln geförderte und staatlich gewollte Intensivierung der Produktion. Diese Entwicklung ist fatal – und zwar für Umwelt, Landwirte und Menschen gleichermaßen. Weil es sich für die meisten Betriebe nicht mehr anders rechnet, versuchen sie das Maximum aus ihren Flächen und Tieren herauszuholen – bei möglichst geringen Kosten. Gezwungen werden sie dazu durch die niedrigen Preise, die Handel und Verbraucher zu zahlen bereit sind, aber auch durch die verhängnisvolle Subventionspolitik der EU: Sie belohnt in erster Linie jene, die große Flächen haben – und zwar pauschal mit rund 300 Euro pro Hektar Direktzahlungen. Wer weniger produziert als andere, weil er auf Natur, Umwelt und Tierschutz achtet, ist ökonomisch klar im Nachteil. Die Umstellung auf Bio-Landbau kann zwar helfen, wird aber zu wenig vom Staat unterstützt. Der NABU und Alnatura leisten hier übrigens einen wichtigen Beitrag mit finanzieller Förderung im Projekt "Gemeinsam Boden gut machen".

Nutznießer des aktuellen Systems sind vor allem Großbetriebe, Hersteller von Pestiziden sowie Teile des Handels. Sie und ihre Lobbys haben offensichtlich großen Einfluss auf die Agrarpolitik. Anders lässt sich nicht erklären, dass sämtliche Reformbemühungen für ein gerechteres System in der Vergangenheit kläglich scheiterten.

Derzeit geht in Brüssel die große Agrarreform in die entscheidende Runde – und die Chancen auf Veränderung sind so groß wie nie. Die durch den Brexit erzwungene Verkleinerung des gesamten EU-Haushalts, aber auch der zunehmende Druck vieler Bürgerinnen und Bürger lassen hoffen, dass sich EU-Parlamentarier, Regierungen und EU-Agrarkommissar Phil Hogan zu einem Neuanfang bewegen lassen. Und die neue Bundesregierung wird sich nicht wie die bisherige davor drücken können, beim Thema Landwirtschaft Verantwortung zu übernehmen.

Es ist Zeit für eine faire, gesunde, umweltverträgliche und global verantwortungsvolle Agrarpolitik. Dies forderte der NABU unlängst auch gemeinsam mit 260 000 Unterstützern und über 600 Organisationen und Unternehmen unter dem Motto "LivingLand" bei der EU-Bürgerbefragung des Agrarkommissars.

Die Fördermittel müssen sich künftig auf einen Umbau von Landwirtschaft, Handel und Konsum konzentrieren. Statt pauschaler Zahlungen mit der Gießkanne braucht es Investitionen nach dem Grundsatz "öffentliches Geld nur für öffentliche Leistungen": Tiere müssen besser gehalten, Lebensmittel naturverträglicher und gesünder produziert werden, regionale Vermarktung und die Umstellung auf Bio-Landbau sollten gefördert werden. Damit künftig mehr Landwirte gute Lebensmittel produzieren können, ohne der Umwelt zu schaden und ohne dauerhaft am Tropf des Steuerzahlers zu hängen. Die EU muss aber auch dafür sorgen, dass Verarbeiter, Handel und Verbraucher den Landwirten faire Preise zahlen. Billige Lebensmittel für alle auf Kosten künftiger Generationen und anderer Teile der Welt dürfen nicht länger Ziel der Agrarpolitik sein. Und auch die Lebensmittelverschwendung muss deutlich reduziert werden.

Der zweite Schwerpunkt der neuen Landnutzungs- und Ernährungspolitik sollte eine dauerhafte und attraktive Honorierung der Naturschutzleistungen von Landwirten sein, aber auch von Schäfern und Waldbesitzern. Dazu soll ein neuer EU-Naturschutzfonds beitragen. In einer Studie hat der NABU errechnen lassen, wie ein solches Modell funktionieren kann: Viele Betriebe könnten bei einer Umschichtung der Förderung ihr Einkommen stabil halten oder sogar erhöhen, während zugleich die Umwelt profitiert. Landwirte könnten etwa Geld mit der Anlage von Blühstreifen oder Brachflächen verdienen. Insgesamt 75 Prozent der deutschen Agrarfläche könnten so besonders naturverträglich bewirtschaftet werden. Jene Betriebe hingegen, die weiterhin nur die Mindeststandards der Umweltgesetze beachten wollen, erhielten keine Steuergelder mehr. Damit würde die Agrarpolitik künftig nicht nur umwelt- und naturfreundlicher, sondern auch gegenüber Landwirten wie Steuerzahlern weitaus fairer. nabu.de/agrarreform2021

››› Gastbeitrag Leif Miller

Leif Miller engagiert sich seit Ende der 1970er-Jahre in der Umweltbewegung, zunächst in der DDR, nach der Wende als Mitgründer der Grünen Liga, deren Geschäftsführung er zehn Jahre lang innehatte. Seit 2005 leitet er als Geschäftsführer den NABU-Bundesverband mit Sitz in Berlin. Seit 2012 amtiert er zusätzlich als Vizepräsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR).