01.10.2017

Auf dem Land gut leben

Wo wird es hingehen mit der Landwirtschaft? In dieser Serie äußern sich Experten zum Thema und stellen ihre Thesen vor.

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Redaktion: Frau Rabe, Sie sind Pastorin und Referentin für Kirche und Landwirtschaft der Landeskirche Hannover. Wenn Sie die oberste agrarpolitische Entscheiderin wären, welches Themenfeld der Landwirtschaft wäre Ihnen das Wichtigste? Ricarda Rabe: Der Erhalt eines lebensfähigen ländlichen Raums, ganz klar. Denn landwirtschaftliche Familienbetriebe brauchen ein Umfeld, das ihnen gute Arbeitsmög­lichkeiten und zugleich Heimat bietet.

Was macht Heimat für Sie aus? Heimat ist da, wo ich mich zu Hause fühle. Wo ich mich nicht erklären muss. Wo man gerne lebt, da engagiert man sich auch. Es braucht den Einsatz, die Initiative der Menschen, die auf dem Land leben. Sie wissen am besten, was gut für sie ist.

Gibt es auch in der Technik liegende Faktoren für ein ­gutes, zukunftsfähiges Leben auf dem Land? Der ländliche Raum braucht eine gute Infrastruktur. Unbedingt dazu gehören schnelles Breitband-Internet und gute Mobilität. Natürlich auch Einkaufsmöglichkeiten sowie eine ordentliche medizinische und pharmazeutische Grundversorgung. Kindergärten und mindestens Grundschulen muss es geben. Die moderne Landwirtschaft arbeitet mit viel Technik, auch datengestützter Technik. Aber ein schnelles Internet kommt nicht nur den Landwirten zugute. Es kann für viele Menschen ein Baustein bei der Entscheidung sein, im ländlichen Raum zu bleiben oder dorthin zu ziehen.

Nun nimmt ja die Zahl der Landwirte im Haupterwerb stark ab in Deutschland. Wer bleibt außer den Bauern auf dem Land?
Menschen, die die Nähe zur Natur, viel Platz und die Ruhe dort schätzen. Auch Menschen, die sich den teuren Wohnraum in den Städten nicht leisten können. Außerdem gibt es viele kleinere, aber hochmoderne nichtlandwirtschaftliche Unternehmen auf dem Land.

Welchen gesellschaftlichen Akteur sehen Sie hauptsächlich in der Pflicht für Erhalt und Entwicklung des ländlichen Raums?
Ganz klar die Politik. Es braucht hier Politiker, die längerfristig denken als nur bis zur nächsten Wahl. Politische Weichenstellungen für den ländlichen Raum gelingen nicht innerhalb von vier oder fünf Jahren. Und die ländliche Gesellschaft muss sich für dieses Thema auch selbst engagieren.

Frau Rabe, Sie sind Pastorin und stammen von einem Bauernhof. Sie kennen das Ackern auf dem Feld genauso wie die Arbeit "im Garten des Herrn". Wie formulieren Sie den geistlichen Auftrag der Kirche mit Blick auf die Landwirtschaft? Der Mensch steht für mich im Mittelpunkt. Als Themen sehe ich vor allem: die Bewahrung der Schöpfung, verbunden mit dem Wissen "Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand", wie es in einem Lied von Matthias Claudius heißt. Außerdem Gerechtigkeit, zum Beispiel zwischen Genera­tionen oder gesellschaftlichen Gruppen, auch in globalen Zusammenhängen. Oder, um es mit einem weltlichen Begriff zu sagen: Es geht um Nachhaltigkeit in allen Dimensionen. Kirche gibt Raum, dass sich Menschen begegnen und engagieren. Kirche arbeitet mit dem Wort, kann also Ini­tiator und Moderator für Austausch sein, wo sich Interessen widersprechen. Ich erlebe in meinen Kontakten mit den unterschiedlichsten Vertretern eine große Offenheit gegenüber der Kirche und dem, was wir zu den Anliegen der Menschen auf dem Land sagen. Kirche bringt immer auch eine andere Dimension mit ins Spiel: die Verbindung zu Gott, dem Schöpfer, der uns die Verantwortung für diese Erde anvertraut hat.

"Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele ", so heißt es in Psalm 23. Ist es Ihnen zu kühn, wenn ich den Bogen zu Christi Aussage "Ihr seid Götter" im Johannes-Evangelium (10,34) schlage und daraus die Aufforderung an uns Menschen ableite, dass wir wie der "Gute Hirte" mit der Erde umgehen? Nein, überhaupt nicht. Ich würde außerdem mit dem Auftrag aus dem 1. Buch Mose argumentieren: "Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte." Das mit den Göttern haben wir Menschen leider teilweise ebenso missverstanden wie das "Macht euch die Erde untertan". Es geht nicht um Herrschaft, sondern um verantwortliche Haushälterschaft. Denn "die Erde ist des Herrn" (Ps 24,1). Damit ist gemeint, sie gehört allein Gott und ihm gegenüber sind wir verantwortlich.

Könnte die Kirche nicht beschließen, dass ihre Ländereien nur noch ökologisch bewirtschaftet werden? In Niedersachsen gehören der Evangelischen Kirche 38 000 Hektar Land. Das ist nicht wenig, aber über die gesamte Landeskirche verteilt, oft in kleinen Flurstücken. Sie gehören den Gemeinden, werden vor Ort in die Bewirtschaftung gegeben. Daher kann die Landeskirche nur Empfehlungen geben und tut das auch. Die Pachtvergabe erfolgt entlang eines Musterpachtvertrags, aber auch nach örtlichen Gegebenheiten. Gute fachliche Praxis muss immer gewahrt sein. Bestimmte Dinge schließen wir aus: Klärschlämme und gentechnisch veränderte Organismen gehören dazu. Wir werben dafür, dass die Gemeinden sich aktiv um ihr Land kümmern.

Fehlt der Evangelischen Kirche jemand wie Papst Franziskus und seine Enzyklika "Laudato si’", die er im Mai medienwirksam dem amerikanischen Präsidenten übergeben konnte? Inhaltlich vertreten wir sehr ähnliche Positionen, auch schriftlich (vergleiche www.ekd.de/ekd_texte_121.htm). Ich bin überzeugt, für die Menschen vor Ort ist es wichtiger, dass Kirche dort präsent ist und sich breit in den gesellschaftlichen Diskurs einbringt.

››› Das Gespräch führte Manon Haccius.

Ricarda Rabe, Pastorin, ist 1965 geboren und auf einem Bauernhof bei Bremen aufgewachsen. Heute ist sie Referentin für Kirche und Landwirtschaft der Evangelischen Landeskirche Hannovers.