Klein ist das neue Groß

Die Tiny-House-Bewegung zeigt, wie kreativ Mini-Häuser sein können – und liefert Ideen für das Wohnen der Zukunft.

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Sonderlich einladend sieht "Antoine" nicht aus. Zwei ausklappbare Pritschen, ein Tisch, ein Ofen – das war’s. Mehr bietet das vier Quadratmeter kleine Holzhaus nicht. Komfort? Null. Sieht so das Wohnen der Zukunft aus?

Vermutlich nicht, zumal "Antoine" in einer Spritzbetonhülle steckt und von außen betrachtet einem Felsblock gleicht. Es ist dann auch eine eher theoretisch bewohnbare Skulptur, die sich die Architekten da ausgedacht haben und mit der die Autorin Sandra Leitte in ihren Fotoband "Winzig" einsteigt. Aber gleich dieser Entwurf des Genfer Bureau A verdeutlicht, worum es den Machern geht: Sie wollen experimentieren und zeigen, was auf kleinem Raum möglich ist. Sie glauben: Groß ist nicht mehr angesagt. Groß ist nicht mehr zeitgemäß.

"Winzig", im vergangenen Sommer veröffentlicht, ist nur eines von zahlreichen Büchern, die sich mit "Tiny Houses" beschäftigen. Andere heißen "Meine hippe Hütte", "Small Eco Houses", "Hide and Seek", "Rock the Shack" oder "The Hinterland". Was nach einem romantischen Leben als Aus­steiger klingt (oder – wie auf Cabinporn.com – nach einem amourösen Abenteuer im Wald), hat einen ernsten Hintergrund. In den USA, wo die Bewegung entstanden ist, zwang die Immobilienkrise der vergangenen Jahre überschuldete Hausbesitzer, sich von ihrem Eigenheim-Traum zu trennen. Die Suche nach Alternativen machte die Mini-Häuser populär.

Auch in Deutschland "wächst die Nachfrage in letzter Zeit deutlich", sagt Isabella Bosler, Geschäftsführerin der Tiny Houses Consulting. Auf ihrem Portal Tiny-Houses.de berät sie po­tenzielle Käufer. Einige sind frustriert angesichts des knappen Wohnraums und der steigenden Preise, gerade in Städten. Andere brauchen, nachdem die Kinder ausgezogen sind, einfach nicht mehr so viel Platz. Wieder andere wollen in der Natur leben. Sich reduzieren, den Konsum runterfahren – das soll sich auch beim Wohnen wiederfinden. Der Schriftsteller Henry David Thoreau, ein Held der Bewegung, machte es schon Mitte des 19. Jahrhunderts vor, als er in eine Blockhütte zog und diese Erfahrung in seinem Klassiker "Walden oder Leben in den Wäldern" verarbeitete.

Stellte sich für Thoreau vor allem die Frage, wie man vor der Industriegesellschaft flieht, so kommen heute weitere Aspekte hinzu. Armut, Flucht und Migration sind allgegenwärtig in der öffentlichen Diskussion, und damit Zeltstädte und Containerdörfer, die den Menschen, nachdem sie nicht selten Hab und Gut verloren haben, auch ihre Individualität nehmen.

Können Tiny Houses dieses Problem lösen? Der Bauhaus Campus Berlin versucht seit Mitte März in einem "architektonischen Kunstexperiment", darauf Antworten zu geben. "New Eduction for a moving Society" heißt das Projekt, das bis Anfang 2018 läuft und in dem es um Bildung, Demokratie und Humanismus geht – und darum, "das Konstrukt einer Self-Made-Gesellschaft" auszutesten.

Der Vorbote steht bereits. Er hat den Namen "Tiny 100" bekommen und ist ein 6,4 Quadratmeter kleines Holzhaus auf Rädern, in dem das Wohn-, Ess- und Schlafzimmer zusammengelegt wurden. Die Miete beträgt 100 Euro pro Monat , inklusive Holzofen und Internetanschluss. Serienreif ist das Haus von Architekt Van Bo Le-Mentzel noch nicht. Sein Ziel aber ist klar: Auch Hartz-IV-Empfänger sollen sich die Unterkunft leisten können.

Wie dringend es ist, alternative Konzepte aufzuzeigen, belegt die kürzlich veröffentlichte Neufassung der "Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie". 15,6 Prozent aller Bürger leben demnach in Haushalten, die mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Miete aufwenden müssen. Ein kritischer Wert. "Hohe Wohnkosten, vor allem in Innenstadtlagen, befördern die Segregation und stehen einer für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtigen Durchmischung entgegen", so der Bericht der Bundesregierung.

Sandra Leitte, studierte Architektin und Autorin von "Winzig", bezweifelt, dass Mikrohäuser für arme Menschen eine Option sein können: "Es ist ein großer Unterschied, ob man jemanden in einen kleinen Raum sperrt oder ob man sagt, ich schränke mich freiwillig ein." Darauf werde es künftig stärker ankommen. "Das Wohnraumproblem wird nicht dadurch gelöst, dass man jedem ein Tiny House gibt. Dafür ist der Platz nicht vorhanden und auch zu teuer", so Leitte. "Es muss auch um kleinere Wohnungen gehen."

Das ist aber noch nicht bei allen angekommen. 1998 lag der beanspruchte Wohnraum pro Kopf in Deutschland bei 39 Quadratmetern. 2013 waren es im Schnitt bereits 45 Quadratmeter.

››› Gastbeitrag Marc Winkelmann, Chefredakteur enorm

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